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Kaugummis 900 Millionen Euro im Jahr fürs Wegkratzen

80 ausgespuckte Kaugummis kleben auf einem Quadratmeter Straße. Für ihre Entfernung geben die Kommunen jährlich etwa 900 Millionen Euro aus. Ein Designer hat nun herausgefunden, wo es am häufigsten klebt - und bietet Lösungen.

© ddp Vergrößern Bis zu 80 ausgespuckte Kaugummis...

Bis zu 80 ausgespuckte Kaugummis kleben auf einem Quadratmeter Straße. Für ihre Entfernung geben Deutschlands Kommunen jährlich etwa 900 Millionen Euro aus. Der Designer Marcus Sonntag hat herausgefunden, wo es am häufigsten klebt - und bietet Lösungen.

Herr Sonntag, das Thema Ihrer Diplomarbeit am Lehrstuhl Visuelle Kommunikation der Bergischen Universität Wuppertal liegt im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße. Aber warum mussten es unbedingt Kaugummis sein? Sind Sie schon mal reingetreten?

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Ja, aber das war nicht der Grund. Ich kaue selbst gern Kaugummi. Bei der Themenwahl stellte ich fest, dass achtlos ausgespuckte Kaugummis für viele Kommunen ein Problem sind und dass es an Konzepten dagegen mangelt.

Kampagne gegen Kaugummi-Plage2 © ddp Vergrößern ... kleben auf einem Quadratmeter Straße.

Sie sind erst 28 Jahre alt - und schon so ein spießiges Anliegen?

Das ist eben die Frage, ob es wirklich spießig ist. Mir hat es Spaß gemacht, das Thema nicht mit erhobenem Zeigefinger zu kommunizieren, sondern auf humorvolle Weise. Wie bringe ich also unspießig herüber, dass es tatsächlich ein Problem ist? Welche Kosten es etwa den Städten verursacht, ihre Straßen von ausgespuckten Kaugummis zu reinigen, ist den wenigsten Leuten bekannt.

Nach Berechnungen handelt es sich um bis zu drei Euro pro zu entfernendem Kaugummi. Können Sie das bestätigen?

Es gibt ganz unterschiedliche Zahlen. Nach meinen Recherchen dauert das Entfernen vom Asphalt pro Stück rund zwei Minuten und kostet etwas über einen Euro. In den Innenstädten kleben etwa 35 ausgespuckte Kaugummis auf jedem Quadratmeter. In Härtefällen sogar 80. Angeblich belaufen sich die Kosten für das Entfernen in Deutschland pro Jahr hochgerechnet auf 900 Millionen Euro.

Wo sind die Spuckschwerpunkte?

Vor allem vor Gastronomiebetrieben, weil die Leute den Kaugummi loswerden wollen, bevor sie sich ihre Currywurst holen. Außerdem an Bushaltestellen und auch um Mülleimer herum, weil die Leute offenbar gewillt sind, ihren Kaugummi ordentlich zu entsorgen, aber nicht treffen.

Darauf haben Sie in einem Ihrer Vorschläge reagiert . . .

. . . ja, genau, mit einem Elfmeterraum vor einem Mülleimer. Es gibt aber auch ein Basketballfeld und eine Zielscheibe. Einfach um noch mal deutlich zu machen: Es ist wirklich sinnvoll zu treffen.

Aber nicht jeder Elfmeter kann verwandelt werden.

Stimmt. Ich will die Leute sportlich motivieren. Zumal ja niemand im Tor steht und man frei verwandeln kann.

Gibt es Städte, die besonders über Verklebungen klagen?

Kaugummis ziehen sich als Problem durch die ganze Welt. Es sind vor allem die Großstädte. Spannend wäre eine Untersuchung, ob es ein Nord-Süd-Gefälle gibt. Mir ist nämlich aufgefallen, dass etwa Freiburg dem Augenschein nach sauberer ist als etwa Köln. Ich konnte das leider ebenso wenig klären wie die Frage, ob es einen Zusammenhang mit der Anzahl der Raucher in einer Stadt gibt.

Und was schlagen Sie sonst noch vor?

Ich habe 105 Kommunikationskonzepte für kaugummigeplagte Kommunen entwickelt. Mal ist es nur ein Plakat, mal eine ganze Serie oder Kampagnen für den Straßenbelag. Die finde ich besonders interessant, weil sie direkt an Ort und Stelle die Aufmerksamkeit auf das Problem lenken. Manchmal ist es frech, eklig, humorvoll. Man muss eben Aufmerksamkeit erregen, aber einen sympathischen Eindruck hinterlassen - das führt zu einer größeren Akzeptanz. Bei der visuellen Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, muss die Kommunikation überraschen. Ein Konzept macht zum Beispiel aus einem Zebrastreifen einen großen Kaugummistreifen. Dieser trägt genau die bildliche Anleitung zur sachgerechten Entsorgung, die auf Kaugummiverpackungen gedruckt ist.

Ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Mülleimer vieler Städte grau sind?

Stimmt. Das ist sehr merkwürdig, denn die Post beispielsweise hat ihre Briefkästen ja mit Bedacht gelb gemacht. Auch ein gut gestalteter Mülleimer sollte eine auffällige Farbe haben. Rot wäre gut. Die Leute müssen die Mülleimer finden.

Gibt es schon Interessenten für Ihre Kampagnen?

Ja, hier in Wuppertal. Und aus Berlin habe ich auch schon einen Anruf bekommen.

Ihre Kaugummiarbeit hat 380 Seiten, ein ziemlicher Wälzer. Wie viele Kaugummis haben Sie beim Verfassen gekaut?

Jede Menge, weil ich für meine visuellen Konzepte viele verschiedene Sorten in vielen Farben kauen musste. Das war teilweise schon etwas unappetitlich.

Haben Sie einen Favoriten?

Mir ist der mit Pfefferminzgeschmack eigentlich immer noch der Liebste. Ich bin der klassische Typ.

Die Fragen stellte Reiner Burger.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.04.2009, 07:45 Uhr

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