03.07.2002 · Wer nach Katastrophen zu den Helfern gehört, benötigt spätestens nach dem Einsatz meist selbst Hilfe. Eine Aufgabe für die Notfallseelsorge.
Bergungsarbeiten nach Katastrophen wie der Flugzeugkollision über dem Bodensee sind auch für die Rettungsteams eine schwere Belastung. Der Anblick von schrecklich zugerichteten Leichen und das Leid der Angehörigen sind Eindrücke, von denen sich viele der Helfer lange nicht lösen können. Besonders schlimme Erlebnisse können zu einer so dauerhaften Belastung werden, dass Feuerwehrleute oder Sanitäter ihren Beruf aufgeben müssen. FAZ.NET sprach mit Volker Läpple, Pfarrer und bis vor wenigen Tagen Beauftragter für die Notfallseelsorge bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, über die schwere Aufgabe der ökumenisch organisierten Seelsorger an Katastrophenorten und die notwendige Hilfe für die Helfer.
Bei schweren Unglücken müssen Angehörige von Opfern und auch die Mitglieder der Bergungsteams seelsorgerisch betreut werden. Wie ist die Notfallseelsorge organisiert?
Es handelt sich um Zusammenschlüsse von Pfarrerinnen und Pfarrern, gelegentlich auch von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die aber ihrerseits bei Rettungsdiensten angestellt sind. Diese nennen sich Notfallseelsorgedienste. Sie sind in der Regel in der Trägerschaft eines Dekanates, also einer mittleren Organisationsstufe der Kirche. Ein solcher Dienst besteht meist aus 20 bis 25 Leuten, die die Notfallseelsorge als Teil ihres pfarramtlichen Dienstes versehen.
Wer alarmiert diese Gruppen?
Das macht die jeweilige Einsatz-Leitstelle. Die haben die Telefonnummer des Notfallseelsorgedienstes, der über einen Piepser sehr schnell den zuständigen Notfallseelsorger erreicht, der sich wiederum an Ort und Stelle beim Einsatzleiter meldet.
Bei größeren Katastrophen wie jetzt am Bodensee sind sicherlich nicht nur ein oder zwei Seelsorger im Einsatz?
Bei solchen größeren Schadensfällen ist es so organisiert, dass es einen leitenden Notfallseelsorger gibt, der den Einsatz koordiniert. Wir hatten hier in Hessen vor etwa einem Jahr einen Fall, als bei Wiesbaden ein holländischer Bus umgekippt war. Damals waren 19 Notfallseelsorger rund um die Uhr im Einsatz, die sich abgewechselt haben. Das hat sehr gut funktioniert. Noch vor fünf Jahren steckte die Notfallseelsorge in den Kinderschuhen, da war man bei größeren Katastrophen oft überfordert. Aber inzwischen sind wir auf solche übergreifenden Fälle eingestellt und die einzelnen, regionalen Notfallseelsorgedienste sind untereinander vernetzt.
Mit welchen speziellen Problemen und Anforderungen sind Notfallseelsorger am Unglücksort konfrontiert?
Sie kümmern sich in aller Regel um Angehörige von Opfern und die Rettungsdienste - vor allem, wenn es wie im diesem Fall am Bodensee keine Überlebenden gibt. Die Seelsorger haben alle eine spezielle Ausbildung in Psychotraumatologie, also im Umgang mit den besonderen Schockerfahrungen und Schockverhaltensweisen, die da typischerweise an den Tag gelegt werden.
Wie läuft ein solcher Einsatz ab?
Vor Ort muss der Einsatzleiter entscheiden, wo akuter Bedarf besteht, wo über das Bergen von verletzten und in Trümmern eingezwängten Personen hinaus Personen, die mit betroffen sind, Zuwendung bekommen müssen. Die Seelsorger bieten dann oft Rituale an, da sich herausgestellt hat, dass das, was die Kirche an rituellen Möglichkeiten hat, in solchen Situationen erstaunlich gut hilft.
Also gemeinsames Beten, zum Beispiel.
Beten, vor allem bestimmte geprägte Gebete. Die sind hilfreich.
Wie gehen die Notfallseelsorger mit Menschen um, die sich in dieser besonderen Situation gegen die angebotene Hilfe wehren?
Dass Betroffene emotionale Ausbrüche haben, das kommt natürlich vor. Aber das ist eigentlich kein Wehren. Daneben sind die Seelsorger natürlich darauf eingestellt, den Leuten nichts aufzudrängen - auch kein Gebet.
Wie bewegt sich ein Seelsorger eigentlich im Katastrophengebiet, ohne die Rettungsmannschaften zu behindern?
Das wird vorher geübt. Es gibt in der Ausbildung bestimmte Einheiten, die bei den Rettungsdiensten absolviert werden, wo jeder, der eingesetzt wird, genaue Anweisungen erhält und auch an bestimmten Programmen teilnimmt, durch die er einstudiert, wie er sich in ganz bestimmten chaotischen und krisenhaften Situationen so verhält, dass er nicht womöglich zum Problem für die anderen helfenden Dienste wird, sondern sich da sachgemäß verhält und in eine Warteposition begibt, bis der Einsatzleiter sagt: „Das ist nun ihre Sache.“ Das ist inzwischen gut eingespielt.
Gibt es auch Unverständnis und Vorwürfe gegen die Notfallseelsorger - etwa nach dem Muster: Wieso kümmern die sich angesichts von Angehörigen von Opfern und Verletzten so sehr um die Retter?
Überall wo Menschen zusammen arbeiten, wird es auch solche Probleme immer mal wieder geben. Aber das ist dadurch relativ gut geregelt, dass der ganze Vorgang stark strukturiert ist. Es ist völlig klar: Die Einsatzleitung entscheidet, was wie wo und wann zu geschehen hat. Außerdem kümmern sich die Seelsorger im Normalfall schon zuerst um die Opfer eines Unfalls und deren Angehörige. Die Retter kommen in der Regel erst in den Blick, wenn die Sache vorbei ist - es sei denn, es zeigt sich zwischendurch, dass ein Helfer mit der Situation überfordert ist. Doch auch die Entscheidung, einen Retter aus seiner Arbeit herauszuziehen, liegt bei der Einsatzleitung.
Dass heißt, die Notfallseelsorger sind inzwischen ebenso ein Bestandteil eines Katastropheneinsatzplanes wie Polizei, Feuerwehr, Ärzte und Rettungsteams?
Ganz genau. Sie müssen in die Rettungskette eingefügt sein, sonst können sie nicht sinnvoll agieren. Nur dadurch funktioniert das auch so gut - und ist auch die Anerkennung so groß wie sie jetzt ist.
Irgendwann ist die Hilfe vor Ort erschöpft. Außerdem wirken die Erlebnisse bei einer Katastrophe sehr lange nach. Wie geht die Hilfe später weiter?
Man unterscheidet in der Tat zwischen dem aktuellen Einsatz und der Nachsorge. Bei dieser seelsorgerischen Betreuung nach einem besonders belastenden Einsatz geht im wesentlichen darum, nach einem bestimmten genormten Verfahren in einer Gruppe die erlebten Dinge zu verbalisieren und auch zu fokussieren auf bestimmte Erfahrungen, die dann wiederholt durchgesprochen werden. Auf diese Weise soll vermieden werden, dass sich etwas so festsetzt, dass da ein negativer psychischer Prozess in Gang kommt im Sinne einer Psychotraumatisierung. Das ist ein inzwischen bekanntes Phänomen, dessen Behandlung meist interdisziplinär durchgeführt wird. Beteiligt sind neben Seelsorgern auch Kriseninterventionsexperten der Hilfsorganisationen und Psychologen.
Auch die Notfallseelsorger sind ja im Katastropheneinsatz. Wie sieht es mit deren Betreuung aus?
Auch bei den Seelsorgern gibt es eine entsprechende Nachsorge - natürlich nur bei den besonders schrecklichen Erlebnissen. Man darf ja nicht vergessen, dass in der Notfallseelsorge immer noch ein hoher Prozentsatz der Einsätze die Überbringung einer Todesnachricht mit einem Polizisten zusammen ist. Nicht alles ist so dramatisch wie der Flugzeugabsturz am Bodensee. Doch bei solchen Ereignissen wird auch für die Seelsorger selber eine solche Nachsorge gemacht - auch von Kräften außerhalb der Seelsorge.