24.06.2004 · Bilder wie nach einem Bombenangriff: Mini-Tornados haben in der Nacht mehrere Dörfer zerstört. Besonders schlimm traf es die Ortschaft Micheln in Sachsen-Anhalt.
„Ich dachte es war Hagel, aber dann kamen die Dachsteine durchs Fenster.“ So schildert Elsbeth Wandrei jene Sekunden vom Mittwoch abend, in denen eine Windhose über den kleinen Ort Micheln im Anhaltischen tobte. „Alles ging rasend schnell“, berichtet die 75jährige vor den Trümmern ihres Hauses. „Plötzlich wurde es kohlenschwarz, Wind kam auf und die Bäume krümmten sich. Dann war es dunkel.“
Seit 1929 wohne sie in dem Ort, aber so etwas habe sie noch nie erlebt. Die enorme Kraft des Windes habe ihren 45 Jahre alten Kastanienbaum entwurzelt, den einst ihre Tochter gepflanzt habe. „Wir haben ein Leben lang nur gebaut, jetzt wollten wir endlich zur Ruhe kommen.“ Zur Ruhe kommt am Tag danach in Micheln aber niemand. Kaum eine Familie blieb von der Wucht des Sturmes verschont. Vergleiche, es sehe aus wie nach einem Bombenangriff, machten am Morgen unter den Betroffenen und Rettern unweigerlich die Runde.
Schneise der Verwüstung
Die Windhose, eine Art Mini-Tornado, hat in dem 530-Seelen-Ort sechs Menschen verletzt und eine Schneise der Verwüstung geschlagen. Auf dem Friedhof steht kein Baum mehr. Im neuen Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr liegt im Umkleideraum das Dach am Boden. Vor allem „Im Winkel“ von Micheln hat die Windhose gewütet. Dort wurden mehrere Scheunen dem Erdboden gleich gemacht. Steine und Holzbalken liegen übereinander. Immer wieder gehen die Blicke der Menschen nach oben zum Himmel. Nur keinen Sturm und Regen wieder, flehen sie. Bis zum Abend sollten alle losen Ziegeln von den Dächern sein. Plastikplanen schützten vorerst die Häuser, an die Dachdecker herankommen können.
Peter Winter aus dem Blumenweg 5 wagt eine erste Prognose zum Schaden an seinen Gebäuden. 100.000 Euro könnten es sein, sagt er zu Sachsen-Anhalts Innenminister Klaus Jeziorski (CDU), der sich am Donnerstag ein Bild von den Verwüstungen macht. Ein Lehmgebäude sei ganz weg. Schnell müßten Container für den Schutt her, der sich an den Straßenrändern türmt.
70 Prozent der 250 Gebäude in Micheln seien beschädigt, berichtet Kreisbrandmeister Lothar Huth. Im Ortsteil Trebbichau, wo 360 Menschen leben, seien es 40 Prozent, sagt Huth, der die Naturkatastrophe mit eigenen Augen gesehen hat. Er stand gerade im Garten, als sich schwarze Gewitterwolken breit machten. In Wulfen nordwestlich des Ortes hätten sich die Wolken mit Hagel entladen. Dann habe sich der Sturmwirbel vor Micheln gebildet, sich seine Bahn geschaffen und sei nach Trebbichau weitergezogen. Dort war nach drei Minuten alles vorbei. Das Rauschen der schwarz-weißen Säule habe er noch in drei Kilometern Entfernung gehört.
Verwüstungen wie in den Vereinigten Staaten
„Uns bietet sich ein Bild der Verwüstung, wie man es nur aus den Vereinigten Staaten kennt. So was sieht man normalerweise nur im Fernsehen“, sagte der Leiter des Katastrophenstabs, Bernhard Bödecker. Ganz ähnlich sah es in Schleswig-Holstein aus: Innerhalb von nur drei Minuten hatte ein Tornado in der Kleinstadt Marne am Mittwoch verheerende Schäden angerichtet. „Das sah hier aus wie nach dem Krieg“, beschrieb Feuerwehrchef Erich Hinrichs am Donnerstag das Bild der Verwüstung. Dächer wurden auch hier abgedeckt, Fensterscheiben zersprangen, Parkanlagen wurden verwüstet. Menschen wurden nicht verletzt.
Menschen sind Tornados und anderen zerstörerischen Wirbelstürmen bisher nahezu schutzlos ausgeliefert. Die Stürme können nach Angaben von Experten kaum wirksam vorhergesagt werden. Es handelt sich um Wetterphänomene, die sich in Sekundenschnelle entwickeln und räumlich sehr begrenzt sind, sagte Meteorologe Ronald Prodinger vom Wetterdienst Meteomedia am Donnerstag. „Die Natur ist leider immer noch nicht so gut berechenbar, das ist eine sehr spontane Entwicklung“, sagte er. Etwa 15 Minuten bis maximal 30 Minuten vor Ausbruch des Tornados kann für eine bestimmte Region allenfalls eine hohe Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Der Grund für die Unsicherheit: Die Vorgänge, die zur Bildung eines Tornados führen, sind sehr komplex.