24.09.2006 · Nach dem Transrapid-Unfall in Lathen waren selbst die Seelsorger fassungslos. Der Tod von 23 Menschen veränderte die beschauliche Kleinstadt im Emsland von heute auf morgen. Und es gibt noch viele offene Fragen zum Unglück.
Von Robert von Lucius, LathenAuch die Seelsorger waren fassungslos, sagten, jetzt könnten nur Umarmungen und das Gebet helfen. Die Seelsorger kümmerten sich um beide, um die Angehörigen der 23 Todesopfer und die zehn Verletzten, die der Transrapid-Unfall gefordert hat. Und sie kümmerten sich um die gut 200 Helfer, die auch der Hilfe und des Trostes bedurften. Denn was sie gesehen hatten, war schrecklich: Einige der Leichen, die sie aus den Trümmern bargen und in Särge umbetteten, waren verstümmelt. Erst am Samstag nachmittag konnten die letzten von ihnen identifiziert und ihren Angehörigen überlassen werden.
Bis zum Freitag morgen war die Stimmung in der Kleinstadt Lathen mit ihren roten Backsteinhäusern vergnügt und beschaulich - die Arbeitslosigkeit ist in der Samtgemeinde relativ gering. Dazu trug neben der Textilbranche vor allem der Transrapid bei, der Lathen auch im Ausland - die Grenze zu den Niederlanden ist nahe - zum beneideten Touristenziel machte. Hier könne man, so die fröhliche Werbung, ohne Flügel fliegen und ohne Räder fahren.
Trauergottesdienst schon am ersten Abend
Jetzt aber hängt die Fahne am Rathaus auf halbmast, und im Rathaus wie im Touristenzentrum will niemand etwas sagen. Alle sind still und bedrückt. Die Politiker waren da, bekundeten ihr Mitleid, von Bundeskanzlerin Angela Merkel über den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff bis zu Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der am Samstag aus China vorzeitig zurückreiste. An ihren Mienen und Worten war abzulesen, daß dies für sie nicht übliches Pflichtritual ist. Wulff blieb mehrere Stunden und sagte den Kindern von Opfern zu, über einen Hilfsfonds ihre Ausbildung zu sichern.
Die Bergung der Trümmer von der Transrapid-Versuchsstrecke bei Lathen im Emsland erstreckt sich über den gesamten Tag. Die genaue Zahl der Opfer des Unglücks, das sich am Vormittag ereignete, stand auch am Abend noch nicht fest.
Die Kirche lud schon am ersten Abend und am Samstag dann wieder zum Trauergottesdienst. Die Angehörigen wurden vor den Journalisten abgeschirmt - andere „Neugierige“ waren schon weiträumig vorher von der Polizei abgewiesen worden. Ihre Hoffnung hatte sich zerstoben. Noch Stunden nach dem Unfall war nur von einem Toten die Rede gewesen und einem Dutzend Verletzten. Erst im Laufe des Freitagabends stieg die Zahl der Todesopfer. Dabei hatte allein der Anblick des Zuges und der Trümmerteile auf Furchtbares gedeutet. Einer der zwei Zugführer in der Kabine hatte noch die Notbremsung eingeleitet und damit den Aufprall und den Schaden ein wenig gemildert.
Keine Überlebenschancen im ersten Waggon
An die tausend Besucher kommen täglich nach Lathen, obwohl weder die Landschaft noch Baudenkmale hier Besonderes zu bieten haben. Nicht alle fahren mit der Magnetschwebebahn. Ein Besucherzentrum und ein Kino erläutern Geschichte, Technologie und Zukunftspläne des Transrapid, der eine der größten Sehenswürdigkeiten im Emsland ist. Meist sitzen etwa neunzig Fahrgäste im Zug, um den kurzen Geschwindigkeitsrausch zu erleben.
Im Unglückszug saßen sechs Mitarbeiter des Zugbetreibers, einige ihrer Freunde und Verwandten, zwei Amerikaner, eine alte Dame, die ein örtliches Pflegeheim leitet, und elf Mitarbeiter der RWE aus dem Emsland auf Betriebsausflug. Fast alle waren im ersten der drei Waggons - und hatten keine Überlebenschancen. Während die beiden hinteren Waggons relativ wenig beschädigt sind, war der vordere völlig zerstört vom Aufprall auf den 60 Tonnen schweren Werkstattwagen, der sich auf der Strecke befand.
„Private“ Morgenfahrt ohne Passagierliste
Etwa 300 Meter weit bis zur Stelze 135 wurde er geschoben. So liegen auch über 300 Meter hinweg überall Trümmerteile am Rande, Reifen des Sonderfahrzeuges, elektronische Bauteile, Metallstreifen. Unter den zehn Überlebenden - unverletzt blieb niemand - sind der dritte Zugführer, der am Ende des Zuges saß, und die zwei Mitarbeiter auf dem Reinigungswagen, auf den der Zug prallte. Sie hatten wie jeden Morgen die Teststrecke von Ästen und Unrat säubern und sie kontrollieren sollen.
Die Morgenfahrt war eine „private“, so gab es auch keine Passagierliste. Und: Sie begann eine halbe Stunde früher als sonst die erste Fahrt. Vieles ist dabei ungeklärt. Die Staatsanwaltschaft vermutet menschliches Versagen, aber auch an den Kontrollmechanismen scheint es zu mangeln. Staatsanwalt Alexander Retemeyer von der Staatsanwaltschaft in Osnabrück bestätigte am Samstag am Unfallort, daß sie wegen fahrlässiger Tötung in 23 Fällen ermittele, aber noch nicht gegen bestimmte Personen: Die zwei Fahrdienstleiter in der Schaltzentrale wie auch die Zugführer werden noch psychologisch betreut. Vorerst sicherten Polizei und Fachleute Beweismittel. Der gesamte Funk- und Datenverkehr wurde beschlagnahmt. Vorrang hatten zunächst die Bergung der Toten und die Betreuung der Angehörigen. Vor allem für diese wird es am Mittwoch einen Gedenkgottesdienst geben. Der dritte Schritt, die Räumung der Unfallstelle, wird sich wohl über Tage hinziehen.
Der Glauben liegt in Trümmern
Nicht zuletzt von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Polizei wird abhängen, ob Lathen nach der Trauer um seine Opfer seine Zuversicht in einer strukturschwachen Region aufgeben muß. Sicher dürfte sein, daß der Bahnbetrieb wiederaufgenommen wird - im März soll ein neues Wagenmodell eingesetzt werden, das Geld ist bereits bewilligt. Weniger klar aber ist, welche Zukunft der Transrapid hat, für den Politiker gerade in den vergangenen Tagen warben - in München für die Flughafenroute, in Berlin bei einer Eisenbahnmesse und vor allem in China.
Warum ist der Zug losgefahren, obwohl auf der Trasse noch ein anderes Fahrzeug war? Gibt es einen Fehler im Kontrollsystem? Eine Videoüberwachung der Strecke gibt es nicht. Die Sicht war am Freitag klar, und da der verunglückte Zug vom Startpunkt aus zu sehen ist, müßte das doch auch für den - wiewohl flacheren - Werkwagen gelten. In Lathen liegen noch die Trümmer herum. In Trümmern liegt im Moment aber auch der Glauben in das als das sicherste gepriesene aller Hochgeschwindigkeits-Fahrzeugsysteme.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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