Home
http://www.faz.net/-gup-qx86
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Terror in London BBC: Attentäter benutzten selbstgebastelte Bomben

15.07.2005 ·  Die Selbstmordattentäter von London haben nach Informationen des Senders BBC selbstgebastelte Bomben benutzt, wie sie bei Al-Qaida-Anschlägen verwendet wurden. Die bestätigte Zahl der Todesopfer hat sich inzwischen auf 54 erhöht.

Artikel Bilder (66) Interaktiv Lesermeinungen (0)

Die Selbstmordattentäter von London haben nach Informationen des Senders BBC selbst gebastelte Bomben benutzt, wie sie bei Al-Qaida-Anschlägen benutzt wurden. Beim Inhaltsstoff der Sprengsätze handele es sich um Acetonperoxid, das man sich in jeder Apotheke besorgen könne, berichtete der Rundfunksender unter Berufung auf die Ermittler. Am Freitag morgen wurde außerdem aus dem spanischen Barcelona die Detonation einer „kleine Bombe“ gemeldet. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt.

Zudem meldete die Polizei in London erste Ermittlungserfolge, aber auch eine traurige Nachricht: Die Zahl der Opfer, denen in aller Welt am Donnerstag mittag mit Schweigeminuten gedacht wurde, erhöhte sich auf 54. Zugleich wurde erstmals offiziell bestätigt, daß die Anschläge auf drei U-Bahnzüge und einen Doppeldeckerbus von vier Selbstmordattentätern verübt worden seien. Dabei wurden erstmals auch zwei Namen bekannt gegeben.

„Stolz, ein Brite zu sein“

Demnach hat der 22jährige Shahzad Tanweer den U-Bahn-Zug zwischen den Stationen Liverpool Street und Aldgate angegriffen, wie der Chef der britischen Anti-Terror-Abteilung, Peter Clarke, mitteilte. Tanweer war in Bradford geboren und lebte in Leeds. Er hatte sich unlängst in Pakistan „zu religiösen Studien“ aufgehalten. Es ist noch offen, ob er dort auch Unterweisung anderer Art erhielt. Freunde und Nachbarn beschreiben ihn als „sportbegeistert“und „stolz, ein Brite zu sein“. Der 18jährige Hasib Hussain aus Leeds soll für den Anschlag auf den Doppeldeckerbus verantwortlich sein, in dessen Oberdeck allein 13 der insgesamt 53 Opfer ums Leben kamen. In beiden Fällen handelt es sich offensichtlich um Briten pakistanischer Abstammung. Die Täter waren den Angaben nach nie aufgefallen oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. (siehe auch: Terrorfahndung: Der Augenblick des Erfolgs )

Lehrer, verheiratet, Vater

Ein dritter Mann war aus den Medien bekannt: Der 30 Jahre alte Mohammed Sadique war Volksschullehrer, verheiratet und Vater eines 14 Monate alten Mädchens. Er stammte aus Leeds und ist vor kurzem nach Dewsbury umgezogen. Der vierte Attentäter konnte mangels Dokumentation offiziell noch nicht identifiziert werden; doch er ist offensichtlich ein weiterer Muslim aus Leeds, der eine hochschwangere Frau hinterläßt. Die Fernsehsender BBC und Sky News berichteten, einer der Täter sei ein Brite, der in Jamaika geboren worden sei. Polizeichef Ian Blair lehnte einen Kommentar dazu ab.

Ian Blair schloß nicht aus, daß es weitere Attentäter gab. Die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt aber auf die Hintermänner der Terrorserie. „Wir wissen nicht, ob es einen fünften, sechsten oder siebten Mann gab. Jetzt müssen wir herausfinden, wer die Anschläge plante“, sagte Blair. Auf die Rolle von Al Qaida angesprochen erklärte der Chef der Metropolitan Police: „Al Qaida ist keine Organisation, sondern eine Methode. Und dies trägt die Handschrift ihrer Vorgehensweise.“ Al Qaida sei in der Lage, Terroristen auszubilden und mit dem notwendigen Fachwissen auszustatten. „Das ist hier geschehen.“ Blair ergänzte: „In einer liberalen Demokratie ist es nicht notwendig, zum Selbstmordattentäter zu werden. Diese Männer wollten es so.“

Mehrere Zeitungen berichteten, daß auf Videoaufzeichnungen mit den vier Bombenlegern mindestens zwei weitere Verdächtige in Erscheinung getreten seien. Ein Mann habe sich am Bahnhof Luton nördlich von London mit den vier Männern unterhalten, die von dort aus in die Hauptstadt gefahren seien. Ein anderer sei am Londoner Bahnhof King's Cross mit ihnen gesehen worden, 20 Minuten vor der Ausführung der Anschläge.

Schweigeminuten in London und Europa

Unterdessen haben unzählige Menschen im Vereinigten Königreich und andernorts in Europa der Opfer der Bombenanschläge gedacht. Die Briten waren aufgerufen, gegen 12 Uhr Ortszeit oder 13 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit für zwei Minuten die Arbeit ruhen zu lassen. (siehe auch: Bildergalerie: Zwei Minuten Stille für die Opfer)

Noch immer in London?

Die Sicherheitsbehörden gingen davon aus, daß der Hintermann der Verdächtigen bereits früher in terroristische Operationen verwickelt gewesen sei und Verbindungen zu Al Qaida in den Vereinigten Staaten habe, so die „Times“. Er soll die Attentäter in nordenglischen Leeds getroffen und möglicherweise seine „Rekruten“ unterwiesen haben, wie die Bomben gleichzeitig zu zünden seien. Der Hintermann der Attentäter könnte sich noch immer in London aufhalten, berichtete das Blatt.

Kein weiterer Sprengstoff in Leeds

Die britische Polizei hat bei ihrem Einsatz in dem mutmaßlichen Quartier der London-Attentäter in Leeds keinen Sprengstoff oder andere gefährliche Materialien gefunden.

Bei ihrer seit Dienstag andauernden Untersuchung hätten die Sprengstoffexperten festgestellt, daß von dem Haus in einem Wohngebiet in Leeds keine Gefahr ausgehe, sagte ein Sprecher der Polizei von West Yorkshire am Donnerstag.

Die rund 30 Familien aus der Nachbarschaft, die seit Dienstag evakuiert waren, dürfen seit Donnerstag vormittag wieder in ihre Häuser in der Straße Alexandra Grove zurückkehren. Bei dem Großeinsatz waren zunächst 600 Anwohner evakuiert worden. Die Polizei durchsuchte in dem Viertel sechs Wohnungen.

Prinz Charles: Perversion des traditionellen Islam

Derweil hat Prinz Charles an die britischen Muslime appelliert, sich gegen Extremisten zu stellen. Es sei die „Pflicht eines jeden wahren Muslims“, die Anschläge zu verurteilen und „diejenigen auszustoßen, die solchen Haß und solche Bitterkeit predigen“. In einem Beitrag für die Zeitung „Daily Mirror“ schrieb der Thronfolger weiter, ein „abgrundtief böser Einfluß“ habe sich offenbar der „leicht zu beeindruckenden“ jungen Täter bemächtigt.

Charles wandte sich dagegen, die gesamte muslimische Gemeinschaft für die Anschläge verantwortlich zu machen. Nicht der Islam sei die Ursache, sondern „eine Perversion des traditionellen Islams“, hob er hervor.

Beckstein: Muslimische Gemeinde ins Visier nehmen

Angesichts der Selbstmordanschläge von London rückt die EU enger zusammen. Die Innen- und Justizminister einigten sich darauf, demnächst alle Daten zu Telefon- und Handyverbindungen zu speichern. (Siehe auch: Die EU will Antiterrorbeschlüsse schneller verwirklichen )

Auch die rot-grüne Koalition hat sich grundsätzlich auf die Einrichtung einer deutschen Anti-Terror-Datei geeinigt. Bis zur geplanten Bundestagswahl ist das Projekt aber nicht mehr umsetzbar. Das sagte die Grünen-Innenexpertin Silke Stokar. Die Gewerkschaft der Polizei verlangt die Ausweitung der Videoüberwachungen. (Siehe auch: Terrorbekämpfung: Flächendeckende Videoüberwachung? )

Als Reaktion auf die Anschläge will die Union muslimische Gemeinden ins Visier nehmen. Bayerns Innenminister Günther Beckstein kündigte in der „Berliner Zeitung“ eine strengere Überwachung an. „Wir müssen wissen, was in jeder Moschee passiert“, so Beckstein. Deshalb müsse das Netz von V-Leuten in der extremistischen muslimischen Szene deutlich erweitert werden.

Großrazzia in Italien

Extremistische Zellen sind nach Einschätzung des Chefs des parlamentarischen Geheimdienstausschusses zu Anschlägen in Italien bereit. Allerdings gebe es keine Informationen über konkrete Pläne, sagte Enzo Bianco nach Beratungen des Ausschusses mit dem Chef der italienischen Geheimdienste, Nicolo Pollari.

„Es gibt heute bereits logistische Zellen mit dem Potential zuzuschlagen“, sagte Bianco in Rom. „Deshalb denken wir - ohne in Panikmache verfallen zu wollen -, daß unser Land gefährdet ist.“ Es sei bekannt, daß Italien ein mögliches Anschlagsziel sei. „Es liegen keine genauen Informationen vor, die darauf hindeuten, daß ein Anschlag vorbereitet wird. Wir wissen nicht wo, wissen nicht wann, wissen nicht wie.“ Nach den ersten Selbstmordanschlägen in Westeuropa in der vergangenen Woche in London hatte Innenminister Giuseppe Pisanu gewarnt, der Terrorismus klopfe an der Tür Italiens. Pisanu forderte eine Verschärfung der Sicherheit im Land.

„Wissen nicht wo, wissen nicht wann, wissen nicht wie“

An diesem Freitag will die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi darüber beraten. Allerdings hat Berlusconi bereits Forderungen seines Koalitionspartners Lega Nord zurückgewiesen, die Sicherheit an den italienischen Grenzübergängen zu erhöhen und stärker gegen illegale Einwanderung vorzugehen. Bianco zufolge ist die illegale Einwanderung angesichts der terroristischen Bedrohung nicht die zentrale Frage. „Wir haben die Anschläge vom 11. September in New York, die in Madrid und vor ein paar Tagen in London gesehen: Die Terroristen waren jedes Mal schon in den Ländern oder legal eingereist.“

In Italien hat die Politei nach einer Razzia 174 mutmaßliche muslimische Extremisten vorübergehend ins Gewahrsam genommen. Wegen des Verdachts auf illegalen Waffen- oder Sprengstoffbesitz seien rund 200 Durchsuchungsbefehle erlassen worden, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Sie stünden im Zusammenhang mit dem Vorhaben, radikale Islamisten zu kontrollieren. Der Einsatz konzentrierte sich auf die Städte Mailand, Rom, Turin und Neapel.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen