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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Reaktorsicherheit Können wir von Japan lernen?

13.03.2011 ·  Nach dem Krisentreffen hielt die Kanzlerin eine Ansprache. Es lohnt sich, die Worte „Sicherheit“ und „Unsicherheit“ darin zu zählen. Die Behauptung, dass es bei der Sicherheit keine Kompromisse gebe, war falsch.

Von Gerd Antes
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Ob in einem der Atomkraftwerke in Japan eine Kernschmelze eingetreten ist oder nicht, ob sie noch droht oder nicht – angesichts der dramatischen und traurigen Ereignisse in Japan ist es Zeit für eine nüchterne Betrachtung dazu, wie das Risiko eingeschätzt werden muss und wie wir damit umgehen. Überlegungen, die es Wert sind, in die bevorstehenden heftigen Debatten um die Nutzung der Atomkraft Eingang zu finden.

Auch wenn es mit enormer Konsequenz ausgeblendet wird, es ist leider wahr: Grundsätzlich kann niemand sagen, dass in Japan das Unmögliche eingetreten ist. Es ist nicht einmal überraschend. Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass etwas „sicher“ sei, so wird hier wieder einmal demonstriert, dass diese Aussage immer falsch ist. Immer. Es gibt die qualitative Aussage „sicher“ nicht, sondern nur eine quantitative Sicherheit, die oft durchaus extrem groß sein kann, so dass insbesondere Politiker daraus gern „sicher“ beziehungsweise „kein Risiko“ machen. Auch wenn das sogenannte Restrisiko 10 hoch minus 6 ist (1 durch 1.000.000) – also sehr klein –, so ist es eben nicht Null. Bei den meisten Menschen, auch Politikern, wird daraus eine gefühlte Null. Während es die Null auf der Risikoseite nicht gibt, ist gerade deswegen auf der anderen Seite das Risiko, dass ein solches Ereignis irgendwann eintritt, hundert Prozent, beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit ist eins. Es ist also nicht die Frage, ob es eintritt, sondern nur, wann und wo.

Murphys Gesetz

Das ist eine Ausprägung von Murphys Gesetz, das in Kürze besagt: Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen. Man muss also nur lange genug warten, es kann aber auch morgen passieren. Genau genommen handelt es sich bei Murphys Gesetz um kein Gesetz, sondern eher um ein Axiom, also eine plausible Grundlage für unser Denken. Zu beweisen ist es nicht, da „alles“ nicht empirisch überprüft werden kann. Widerlegen lässt es sich aber auch nicht, da ja das, was noch nicht schief gegangen ist, morgen schief gehen kann – und dieser Fall leider auch sehr oft eintritt. Die zentrale Aussage, dass alles Schlechte tatsächlich auch irgendwann passiert, wird in der Technik seit langem systematisch berücksichtigt. Durch mitlaufende redundante Systeme gelingt es, Risiken in die Richtung der gefühlten Null zu bringen. Dass die Null aber tatsächlich nur gefühlt ist, sieht man an den Raketenstarts der Nasa. Trotz enormen Aufwands für die Risikominimierung kam es zu einem Unglück beim Start einer Rakete, das der gesamten Besatzung das Leben gekostet hat. Es ist passiert. Dass es passierte, war nicht überraschend, sondern nur der Zeitpunkt. Überflüssig, zu erwähnen, dass auch irgendwann ein vollbesetzter A380 vom Himmel fällt Man muss ihn nur lange genug fliegen – und vor allem starten und landen – lassen.

Mit Blick auf die Atomkraftwerke in Japan reden wir jetzt über die Möglichkeiten, eine ganze Nation aufs Schwerste zu schädigen oder sogar auszulöschen. Die zu Grunde liegenden Gedanken sind immer die gleichen, egal, ob es sich um den Finanzcrash, den 11. September, die Schweinegrippe, die Aschewolke über Island oder Atomkraftwerke handelt. Immer, wenn extrem seltene Ereignisse extrem gewaltige und schädliche Auswirkungen haben können, hat man – versicherungstechnisch betrachtet – eine undefinierte Situation. Mathematisch steht dafür die Formel: erwartete Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe ist gleich Null mal Unendlich. Das Dumme ist nur, dass die Null eben keine echte Null ist. Dadurch kann es dramatisch werden, und das sehen wir jetzt.

Was nicht auszuschließen ist

Man landet bei solchen Betrachtungen immer bei den drei Eckpfeilern Nutzen, Schaden und Kosten. Die Kostenseite spielt eine entscheidende Rolle bei der Sicherheitsauslegung, so auch bei Atomkraftwerken. Die Grenze für das zu überstehende Erdbeben bei 8.2 auf der Richterskala anzusetzen, hat aus der Perspektive von Sicherheitserwägungen keine logische Grundlage, sondern ist nur eine Folge der zur Verfügung stehenden oder, besser gesagt, der eingesetzten Mittel. Erdbeben halten sich leider nicht an Grenzwerte (das gilt für alle Grenzwerte). In der gleichen Logik wie oben ist die Wahrscheinlichkeit für das Überschreiten dieser Grenze die Eins. Murphy, jetzt auf der Ebene des nationalen Überlebens.

Dass das selbst bei den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung fast niemand versteht, wird sehr regelmäßig demonstriert. Umweltminister Röttgen glaubte wohl beweisen zu müssen, dass die nach oben offene Peinlichkeitsskala nach oben tatsächlich offen ist. Die hellseherischen Fähigkeiten, dass eine Kernschmelze nicht auszuschließen sei, ist nichts weiter als trivial; die Aussage, dass das für Deutschland keine Konsequenzen habe, ist dumm. Was passieren wird, weiß gegenwärtig niemand, die echten Experten genauso wenig wie der Umweltminister. Dass die Kanzlerin da nicht zurückstehen will, ist verständlich. Es lohnt sich, in ihrer Ansprache nach dem sogenannten Krisengipfel am Wochenende die Worte „Sicherheit“ und „Unsicherheit“ einmal zu zählen. Das Ergebnis ist ergiebig. Die Schlussbotschaft, die über die Sender ging, lautete: „Bei der Sicherheit darf es keine Kompromissen geben. Das gab es nicht, das gibt es nicht und das wird es nicht geben.“ Das ist grundsätzlich falsch. Sie hätte sagen sollen: Bei der Sicherheit geht es nur mit Kompromissen. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Das war immer so, ist heute so und wird immer so sein

Der Rohstoff Wissen

Für Deutschland als rohstoffarmes Land ist es geradezu eine entscheidende, langfristig vielleicht sogar eine überlebenswichtige Frage, ob uns der Schritt nach vorne beim Umgang mit einem unbegrenzten Rohstoff gelingt: dem Wissen. Gefühlte Nullen bei kleinen Risiken und daraus folgenden Bauchentscheidungen sind rückwärts weisend und indiskutabel in einem Land, das sich im Informationszeitalter angekommen wähnt. Wie weit wir davon tatsächlich entfernt sind, zeigt sich daran, dass es einer apokalyptischen Katastrophe bedarf, um von der Kanzlerin zu hören, dass auch für Deutschland Umdenken angesagt ist. Dazu wäre Japan eigentlich nicht nötig gewesen. Alles, was in diesen Zeilen steht, war vorher bekannt.

Der Autor ist Mathematiker und Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Institut für Medizinische Biometrie und Medizinische Informatik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
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