24.02.2008 · Das bisher stärkste Grubenbeben im Saarland hat zu einem vorläufigen Abbaustopp von Steinkohle in der Region geführt. Die RAG Deutsche Steinkohle AG hat bis auf weiteres fast 3600 ihrer Mitarbeiter freigestellt. Lediglich eine Notbelegschaft kümmert sich jetzt um die Grubensicherheit.
Von Thomas HollDie Förderung von Steinkohle im Saarland ist nach dem bisher stärksten bergbaubedingten Erdbeben vorerst eingestellt worden. Die Erderschütterungen mit ihrem Epizentrum in Saarwillingen im Landkreis Saarlouis erreichten nach Angaben des Freiburger Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau am Samstagnachmittag eine Stärke von 4,0 auf der Richter-Skala.
Bei dem Erdbeben entstanden zum Teil schwere Schäden an mehr als 100 Gebäuden, verletzt wurde niemand. Die Erschütterungen wurden im Bergwerk Saar in einer Tiefe von etwa 1500 Metern ausgelöst. Die RAG Deutsche Steinkohle AG stellte den Kohleabbau im betroffenen Gebiet Primsmulde Süd ein und kam damit einem vom Bergbauamt verhängten Abbaustopp zuvor. Das Unternehmen, das im Saarland derzeit noch 3500 Bergleute beschäftigt, beauftragte Gutachter, um die Ursache für das Erdbeben zu klären.
Opposition fordert Abbaustopp
Die Oppositionsparteien SPD, Grüne und FDP forderten einen sofortigen Abbaustopp. Ministerpräsident Müller (CDU), der wegen der andauernden bergbaubedingten Erdbeben das Unternehmen zu einem verbindlichen Zeitplan für einen Ausstieg aus der Kohleförderung deutlich vor dem Jahr 2014 drängt, informierte sich in der Region über das Ausmaß der Schäden.
Der SPD-Landesvorsitzende Maas sagte, dass die sofortige Einstellung der Steinkohleförderung „zwingend notwendig und alternativlos“ sei. Es müsse dem Unternehmen klar sein, „dass die Bevölkerung derartigen Gefährdungen nicht weiter ausgesetzt werden darf“. Das Unternehmen müsse unbürokratisch und schnell die an Häusern und in Wohnungen entstandenen Schäden regulieren. Nach Angaben der Polizei wurden ebi dem Beben am Samstag zahlreiche Hausdächer beschädigt. Auf mehreren Gebäuden drohten Schornsteine einzustürzen. Eine Kirche in Saarwellingen wurde wegen herabfallender Steine geschlossen. In Saarlouis fiel in einigen Stadtteilen der Strom aus, Betriebe mussten die Produktion einstellen.
Bewohner der betroffenen Region, die sich auch in einem Verband zusammengeschlossen haben, klagen seit Jahren über Schäden an ihren Häusern durch die Erdbeben und über permanente Angstzustände. Mehrere tausend bergbaubetroffene Einwohner demonstrierten in den vergangenen Monaten für einen sofortigen Abbaustopp. Noch am Samstagabend gab es eine spontane Protestveranstaltung von Betroffenen.
Bergwerk nun ernsthaft im Bestand gefährdet?
Das durch den Bergbau ausgelöste Erdbeben an der Saar trifft die deutsche Steinkohleindustrie mitten im heiklen Entscheidungsprozess über die Zukunft ihrer Standorte: Am 2. April muss der Aufsichtsrat der RAG Deutsche Steinkohle AG über seine „Bergplanung“ bis 2012 beschließen - also den mit Spannung und vielen Ängsten erwarteten Zechenstilllegungsplan vorlegen, von dem bundesweit zwei Zechen und damit Tausende Bergleute direkt betroffen sind.
Das Bergwerk Saar in Ensdorf, das in den vergangenen Jahren für rund 200 Millionen Euro auf den neusten Stand gebracht wurde, sollte darin dem Vernehmen nach nicht vorkommen: Es gilt als einer der leistungsfähigsten von noch acht deutschen Standorten und steht aus strukturpolitischen Gründen unter dem besonderen Schutz der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE); sie lehnt eine Schließung an der Saar vor 2014 vehement ab.
Das in dieser Form bisher einmalige Beben und der sofortige Abbaustopp haben die Spitze der RAG DSK aber sichtlich beeindruckt. „Wir müssen jetzt erst mal nach Ursachen suchen und sie dauerhaft abstellen. Erst dann können wir über Konsequenzen nachdenken“, sagte Unternehmenssprecher Udo Kath am Sonntag. Klar sei außerdem, dass man ein Großbergwerk schon aus technischen Gründen nicht mal eben ab- und am nächsten Tag wieder anschalten könne. Es geht also offenkundig um einen Abbaustopp für Wochen - und das genau zum Zeitpunkt der Zukunftsentscheidung. Ob das Bergwerk Saar dadurch doch noch auf die Schließungsliste kommen könnte? - dazu lehnt Kath jede Stellungnahme ab: „Natürlich gehört die Wirtschaftlichkeit zu den Kriterien der Bergplanung“, sagt er nur.
Thomas Holl Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
Jüngste Beiträge