06.02.2010 · In der Stadt des großen Erdbebens herrscht kein Notstand mehr. Aber die Perspektiven fehlen. L'Aquila hat keine Großunternehmer, die nun helfen könnten. Die Region ist nur reich an Kultur. Zurzeit aber fehlt L'Aquila das Herz und damit die Anziehungskraft.
Von Jörg BremerDie Hauptstadt der Abruzzen liegt im tiefen Schnee. Wie schön könnte das sein! Der Platz am Dom und bei der Renaissancekirche, die dem heiligen Bernhardin von Siena geweiht ist, ist noch am frühen Abend ohne einen Fußstapfen. Keine Menschen, keine Motoren - es riecht nur nach Schnee und Kälte. Polizisten wachen über die Stille. Einige Arbeiter kehren im einzigen geöffneten Café, der „Pasticceria der Fratelli Nurzia“ ein. Sie holen sich den Kaffee im Plastikbecher und eilen zurück zur Baustelle.
Aber was heißt Baustelle? Die Häuser der Altstadt werden nicht neu gebaut. Sie wurden hinter Gittern versteckt und mit Stahlpfeilern gesichert. Jedes Fenster wird mit einem Holzrahmen vor dem Sturz bewahrt. Die Polizei achtet darauf, dass sich niemand den einsturzgefährdeten Bauten nähert. Zehn Monate nach dem Erdbeben vom 6. April vergangenen Jahres, das die etwa 70.000 Einwohner zählende Universitäts- und Verwaltungsstadt verschüttete, mehr als 300 Tote und 1600 Verletzte forderte, hat der Schrecken jener Nacht die Stadt weiter im Griff. Seit Ende Januar nun geht die Phase der Hilfe bei humanitären Notfällen und der Absicherung aller beschädigten Gebäude zu Ende.
3000 Einwohner verließen L'Aquila
Der italienische Zivilschutzchef, Guido Bertolaso, der dieser Tage mit Kritik am amerikanischen Massenauftritt und am „medienwirksamen“ Verhalten des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton auf Haiti eine diplomatische Krise zwischen den Vereinigten Staaten und Italien heraufbeschwor, wandte sich dem dortigen Erdbebengebiet zu, weil seine Aufgabe in L'Aquila getan ist. Italien hat in ihm seinen Helden. Ministerpräsident Silvio Berlusconi bewundert ihn. Aber keiner Partei gelang es, ihn für sich zu gewinnen. Bertolaso stellt sich als „Staatsmann für die Katastrophe“ über die Politik. Er denkt nicht taktisch, sondern in weiter Perspektive.
Die italienische Stadt L'Aquila hielt um 3.32 Uhr eine Mahnwache für die 307 Menschen ab, die bei dem schweren Erdbeben vor drei Monaten ums Leben kamen. Ministerpräsident Berlusconi hatte nach dem Beben den am Mittwoch beginnenden G8-Gipfel in die Abruzzen verlegt . Viele Bürger sind darüber wütend.
Heute leben zwar noch 9000 Menschen in Hotels oder andernorts, 1200 in vorübergehenden Unterkünften wie Kasernen. Aber es gibt keine Notfälle mehr. 11.000 Menschen sind in Häusern untergekommen, die auf freiem Feld auf erdbebensicheren Zylinderstelzen errichtet wurden, die jeden Erdstoß abfedern sollen. Manche sagen, der Baupreis dieser Häuser mit 2700 Euro pro Quadratmeter sei zu teuer gewesen. Aber die Bewohner fühlen sich sicher und haben genügend Platz. Berlusconi ließ jede Familie mit einer vollständig eingerichteten Wohnung empfangen. Vom Handtuch bis zum Bettlaken war an alles gedacht. Ein Früchtekorb, eine Flasche Sekt und einen persönlichen Gruß vom Premierminister fand jede Familie auf dem Esstisch vor. Gut 2000 Menschen konnten sich mit Geld des Staates auf dem Markt eine Wohnung mieten. Nur etwa 3000 Einwohner verließen L'Aquila.
„Die Zukunft aber liegt bei uns.“
Doch wie geht es nun weiter? Das Rathaus ist zerstört, die Universität zu Teilen, das Theater hat nur noch einen Saal. Auch die Regionalregierung der Abruzzen und der Provinz mussten aus ihren Häusern. Jetzt residieren sie wie alle Ämter auf dem großen Areal der Guardia Finanza, wo Berlusconi Anfang Juli den G-8-Gipfel zusammenrief. Damals bat er jeden seiner Staatsgäste, die Patenschaft beim Aufbau eines Gebäudes oder Stadtteils zu übernehmen. Aber bisher haben sich nur die Deutschen besonders engagiert - und das zur Stadt gehörende Dörfchen Onna unter ihre Obhut genommen. Dort kamen 42 von knapp 300 Einwohnern um. Ansonsten wächst in L'Aquila die Furcht, das Unglück von Haiti lenke die internationale Solidarität von den Abruzzen ab.
Jetzt wäre es Zeit für den parteilosen, aber der oppositionellen Linken zugerechneten Arzt und Bürgermeister Massimo Cialente und für die Präsidentin der Provinz, Stefania Pezzopane von der oppositionellen Demokratischen Partei (PD), ihre Pläne für die Zukunft der Stadt vorzulegen, heißt es bei den Bürgern. „Wir können nicht mit der Solidarität der Welt rechnen, wenn wir nicht selber anpacken“, findet der Ingenieur Francesco Ranieri. „Aus dem Notstand wurden wir vom Zivilschutz hervorragend herausgeholt. Die Zukunft aber liegt bei uns.“ Leidet der Aufbau von L'Aquila darunter, dass in der Region die Linke regiert, während Rom in rechter Hand ist? Cialente beschwerte sich immer wieder, Berlusconi wolle politischen Nutzen aus der Arbeit des Zivilschutzes ziehen - und wolle nicht mit der Region kooperieren.
Reich an Kultur
L'Aquila hat keine Großunternehmer, die nun helfen könnten. Die Region ist nur reich an Kultur. Die Universität arbeitet wieder, die Zahl der Einschreibungen nahm zum jetzigen Semester nur um 30 Prozent ab, auch wenn einige Bauten der Universität unbenutzbar bleiben. Soll man zunächst die öffentlichen Gebäude instand setzen, so wie ein neues Studentenheim hochgezogen wurde? Oder erst die privaten Häuser, die nur wenig Schaden nahmen? Es heißt, man wolle von Nachbarschaft zu Nachbarschaft aufbauen. Aber wo beginnen? Der Wohnblock der Familie Ranieri wurde als unbegehbar eingestuft, weil er „strukturelle Schäden“ aufweise. „Das aber trifft nur auf einen Teil des Gebäudes zu“, sagt Ranieri. „Unsere Wohnung liegt auf der anderen Seite des Blocks und blieb intakt.“ Manche Hausschäden sind ein lähmender juristischer Fall, weil vielleicht Bauvorschriften nicht eingehalten wurden oder zum Beispiel der falsche Zement benutzt wurde.
Zurzeit fehlt L'Aquila das Herz und damit die Anziehungskraft. In der toten Altstadt waren Cafés, Geschäfte, Kinos und Theater, wohnten 30.000 Bürger, darunter gut 8000 Studenten. Die schnell hochgezogenen neuen Häuser liegen hingegen an der Peripherie. Eine kleine Stadt erhielt mehr Vorstädte, als ihr guttun. Viermal seit der Gründung unter Friedrich II. 1230 verheerte ein Erdbeben die Stadt. Immer wieder hat sie sich von den Katastrophen erholt. Das letzte Mal 1703. Damals riefen die Patrizier Architekten aus aller Welt zusammen, um die zerstörte mittelalterliche Stadt barock wieder zu errichten. Davon ist dieses Mal nichts zu sehen.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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