14.10.2005 · Das verheerende Erdbeben in Pakistan hat für viele eine spirituelle Dimension. Eine Strafe Gottes für manche, für andere eine Prüfung ihres Glaubens. Wie die Leute in Muzaffarabad mit der Katastrophe zurechtzukommen versuchen.
Von Christoph Ehrhardt, MuzzafarabadDas Fasten wird im Vorbeigehen gebrochen. Als die Dämmerung über Muzaffarabad hereinbricht, ist kein Gebetsruf zu hören. Doch überall sind plötzlich Pakistaner zu sehen - Helfer und Erdbebenopfer -, die entweder rauchen und aus großen Wasserflaschen oder kleinen Saftpaketen trinken, welche die Lastwagen in die zerstörte Stadt gebracht haben. Es sind nur kurze Momente des Innehaltens. Hektik, Staub, Verkehrschaos bleiben - noch lange nachdem die Sonne untergegangen ist.
Er faste trotz allem, bekräftigt ein pakistanischer Helfer. Viele andere täten das auch, obwohl sie wüßten, daß es im Islam Ausnahmen gebe - zum Beispiel für Kinder, Kranke, Reisende oder auch „Kämpfer für die Sache Gottes“. Daß die meisten sich dennoch an die Regeln des islamischen Fastenmonats halten, mag auch damit zusammenhängen, daß die Naturkatastrophe für viele eine spirituelle Dimension hat. „Sie ist eine Prüfung Gottes“, sagt Shamsul Qadir, der in der Hilfsorganisation „Oxfam“ für Muzaffarabad zuständig ist.
Gottes Wille
Die Religion und der Glaube daran, gestärkt aus der durchlittenen Not hervorzugehen, seien für viele die Quellen, aus denen sie Kraft schöpften. Es sei eben alles Gottes Wille. Dieser an Fatalismus grenzende Prädestinationsglaube nimmt Qadir auch die Angst, bei einem Nachbeben umzukommen: „Es passiert dann, wenn Gott will, daß es passiert - vorher kann ich nicht sterben.“ Andere begreifen das Erdbeben gar als eine Strafe Gottes dafür, daß sie nicht fromm genug gewesen sind, sie müßten nun bessere Muslime und bessere Menschen werden.
Drei Tage nach dem schweren Erdbeben in Pakistan kämpfen Retter verzweifelt um das Leben der Verschütteten. Pakistan bat die internationale Staatengemeinschaft indes um langfristige Wiederaufbauhilfen. Die Behörden räumten ein, mit den Rettungsbemühungen überfordert zu sein.
„Dieses Unglück ist eine Prüfung und auch der Beweis für die Menschlichkeit“, sagt ein alter Lehrer aus Murri, einem Ort, der etwa 70 Kilometer von Muzaffarabad entfernt in Richtung Islamabad liegt. Er sei tief bewegt über die Hilfsbereitschaft, die Pakistan aus der ganzen Welt entgegengebracht werde, aber auch über die Hilfsbereitschaft im eigenen Land. Überall bringen die Menschen das, was sie entbehren können, an die Sammelpunkte, in Radiosendungen bieten Reiche und Industrielle Arbeit, Gratis-Land und zeitlich unbegrenzt Unterkünfte für die Erdbebenopfer an. Er selbst habe sich sofort auf den Weg nach Muzaffarabad gemacht, um zu helfen, sagt der Lehrer.
Im Zentrum der Stadt drängen sich auch zu späterer Stunde Lastwagen, Motorräder, Busse und Autos in den engen Straßen, sie spenden grelles, diffuses Licht. Von den voll beladenen Lastwagen werfen Soldaten und zivile Helfer Säcke mit Kleidung und Decken herunter, wichtige und hin und wieder hart umkämpfte Güter angesichts der kalten Nächte, die viele Menschen unter freiem Himmel verbringen müssen. In die Häuser gehen die wenigsten zurück, in der Region gab es am späten Mittwoch abend leichte Nachbeben. Dort, wo noch vor wenigen Stunden die Leichname von Verschütteten geborgen wurden, sitzen jetzt Menschen auf den Schuttbergen, verschnaufen und wärmen sich am Feuer. Der beißende Rauch überdeckt den Verwesungsgeruch.
„Was wir vor allem anderen brauchen, sind Zelte, Zelte, Zelte“
Etwa die Hälfte der Überlebenden habe sich auf den Weg in andere Städte gemacht, berichtet ein Beamter der örtlichen Sicherheitsbehörden, der mit zwei anderen vergeblich versucht, ein Geländeauto der Polizei mitten im Gewirr anzuschieben. Er wolle bleiben und helfen, sagt er, ein Flüchtlingslager in der Umgebung aufbauen. Diejenigen unter den Zehntausenden Obdachlosen aus der Stadt, die keine Verwandten außerhalb der Stadt hätten, befänden sich in einem Dilemma, sagt ein anderer. „Wenn sie zum Beispiel nach Islamabad gehen, können sie nur schwer nachweisen, Opfer des Erdbebens zu sein. Sie verlieren möglicherweise jeglichen Anspruch auf Hilfe“, sagt er.
„Was wir vor allem anderen brauchen, sind Zelte, Zelte, Zelte“, sagt Muhammad Jamil, Leiter der internationalen Hilfsorganisation „Islamic Relief“ - nach seinen Worten einer der ersten Organisationen an Ort und Stelle. Er sitzt unweit von lärmenden Stromgeneratoren auf einem staubigen Teppich und füllt seinen Teller aus einer großen Plastikschüssel mit Reis und würziger Tomatensoße zum „Iftar“, dem Fastenbrechen - wenn auch mit einigen Stunden Verspätung. Es gehe mittlerweile vor allem darum, Unterkünfte bereitzustellen, sagt der Mann, dessen Augen zwar müde aussehen, dessen Blick jedoch kämpferisch ist. Er habe noch Hoffnung, daß Überlebende gefunden werden, sagt er, und „absolut lächerlich“ sei es gewesen, daß drei Tage lang so wenig passiert sei. Jamil berichtet von einem kleinen Mädchen, daß noch am Mittwoch lebend geborgen worden sei, davon, daß an vielen anderen Orten manche Helfer die Trümmer noch immer mit bloßen Händen beiseite räumen müssen. Ihm bleiben nur wenige Minuten zum Essen, dann klingelt sein Telefon wieder.
Die Straße, an der die Helfer von „Islamic Relief“ Quartier bezogen haben, liegt in tiefer Dunkelheit. Mit dem Strom ist auch die Straßenbeleuchtung in der Region ausgefallen. Für Mujtabar Imran, der im Dienst der Organisation „Pakistan Relief“ von Islamabad nach Muzaffarabad gefahren ist, sind diese Eindrücke „fast surreal“. Er habe dort Politikwissenschaften studiert, sagt er. Beschaulich und sauber sei die Stadt gewesen. Oft sei er mit Freunden unten am Jhelum-Fluß spazierengegangen, die mit Lichtern übersäten Berge hätten nachts dem Sternenhimmel geglichen. Durch den Stromausfall sind sie nun als dunkle Schatten oft nur noch vage zu erkennen, anders als die Scheinwerfer zahlloser Lastwagen auf der Gebirgsstraße, die - oft schon zum zweiten Mal - von Islamabad aus Hilfsgüter in die Hauptstadt des pakistanischen Teils von Kaschmir bringen. Oft brauchen sie mehr als sechs oder sieben Stunden, um die etwa 140 Kilometer lange Strecke zurückzulegen.
Helfer geben verhalten Entwarnung
Der junge Helfer, der aus einer Akademikerfamilie in Islamabad stammt und dessen Organisation von der pakistanischen Hauptstadt aus die Hilfsmaßnahmen verschiedener Organisationen in den Katastrophengebieten koordiniert, meint, daß diese nun „auf den richtigen Weg“ gebracht worden sind.
Auch internationale Organisationen geben verhalten Entwarnung. Ein Sprecher des Ernährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) gibt an, am Mittwoch und Donnerstag hätten sich jeweils vier Lastwagen mit insgesamt rund 3,9 Tonnen an Nahrungsmitteln auf den Weg nach Muzaffarabad gemacht. Zahlreiche Lastwagen der Hilfsorganisation der Gemaa Islami, der Partei, die im pakistanischen Parlament die Mehrheit stellt, brachten Zelte und Kleidung. Schon am Mittwoch wollte die Organisation damit beginnen, ein Feldkrankenhaus in der Stadt einzurichten, in dem 22 Ärzte arbeiten sollen. Die Jugendorganisation der Partei stellt die erste Zeltstadt in Muzaffarabad bereit, und das pakistanische Jugendministerium schickte zehn Lastwagen mit rund 350 Zelten und zahlreichen freiwilligen Helfern.
Erleichtert sagt die Sprecherin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) in Islamabad, die Kapazität an Hubschraubern, mit denen Helfer in entlegene oder abgeschnittene Regionen gelangen könnten, habe sich endlich „substantiell“ verbessert. Jetzt, da eine angemessene Versorgung mit Hilfsgütern möglich sei, beginne Unicef damit, in Zusammenarbeit mit lokalen Nichtregierungsorganisationen an Ort und Stelle ein effektives Verteilungssystem aufzubauen. Vor allem solle die Hilfe jene erreichen, die sie am dringendsten brauchen: die Kinder. Die waren bislang auf die Umsicht und Fürsorge jener angewiesen, die sich durchsetzen konnten, wenn die Hilfsgüter von den Lastwagen verteilt wurden. Zehn Schulen sind allein in der Umgebung von Muzaffarabad eingestürzt. Achtzig bis hundert Schüler saßen in den Klassenräumen und wurden vom Erdbeben überrascht. Nur etwa ein Dutzend verschüttete Kinder konnte bislang lebend geborgen werden.
Deutsche Hilfsorganisationen rufen zu Spenden auf:
Deutsches Rotes Kreuz (DRK):
DRK Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00,
Konto 41 41 41, Stichwort „Erdbeben Pakistan“
Diakonie Katastrophenhilfe:
Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70,
Konto 502 707, Stichwort „Pakistan Erdbeben“.
Humedica:
Sparkasse Kaufbeuren, BLZ 734 500 00,
Konto 47 47, Stichwort „Erdbeben Pakistan“.
Misereor:
Sparkasse Aachen, BLZ 390 500 00,
Konto 52 100, Stichwort „Erdbebenopfer“.
Oxfam Deutschland:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 80 90 500, Stichwort: „Erdbeben Kaschmir“.
Plan International Deutschland:
Deutsche Bank, BLZ 200 700 00,
Konto 061 28 12 02, Stichwort „Hilfe für Pakistan“.
Aktion Deutschland Hilft:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 10 20 30, Stichwort: „Erdbeben Südasien“.
Gemeinsam für Menschen in Not:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 5151, Stichwort: „Erdbeben Asien“.
Unicef Deutschland:
Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00,
Konto 30 00 00, Stichwort: „Erdbeben Asien“.
Kindernothilfe:
KD-Bank Duisburg, BLZ 350 601 90,
Konto 45 45 40, Stichwort: „Erdbeben Südasien 90032“