27.01.2010 · Gegen Kost und Logis schuften in Haiti Kinder vom Land in den Haushalten der Städter. Das Erdbeben hat die „Kindersklaven“ nun besonders getroffen. Schläge, Beleidigungen, Hunger und Missbrauch sind an der Tagesordnung.
Von Jochen Stahnke, Port-au-PrinceDie Kopfverletzung sieht böse aus. Eiter und geronnenes Blut kleben unter der Mullbinde auf dem Gesicht des kleinen Mädchens. Auf der Stirn hat sie eine tiefe Wunde, die nur grob genäht ist und feucht glänzt. Mit offenem Mund und blanken Augen, von Fliegen umkreist liegt sie in ihrem Stuhl vor dem überfüllten „Krankenhaus des Friedens“ in Port-au-Prince. Man hat hier Stühle und Liegen aufgebaut, drinnen ist für die Nachsorge kaum Platz. Sie heißt Jeudi, einen Nachnamen hat sie nicht. Jeudi wird wohl überleben. Das dachte sich offenbar auch ihr Vormund, der sie erst jetzt, sechs Tage nach dem Beben, bei dem sie verletzt wurde, zu einem Arzt gebracht hat. Solange verbrachte sie blutend und leidend vor dem kaputten Haus ihres mutmaßlichen Ausbeuters. „Sie hat ein Stück vom Dach auf den Kopf bekommen“, sagt der etwa 50 Jahre alte Mann.
Wer ist Jeudi? „Sie wohnt mit uns.“ Seid Ihr verwandt? „Nein, ich habe sie bei uns aufgenommen.“ Und warum? „Sie arbeitet für uns.“ Jeudi ist elf Jahre alt und wohnt bei ihrem Dienstherren, so wie wohl mindestens 300 000 weitere Kinder in Haiti. Sie ist eine „Restavek“, das ist die Kreolversion für „rester avec“, „bei jemandem bleiben“. Für manche sind die Restavek Kindersklaven, für andere eine Form haitianischer Kinderstadtverschickung, die in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen ist.
Geschlagen und beleidigt
Diese Kinder schuften im Haushalt ihrer fremden „Adoptiveltern“ — ohne Lohn, gegen ein wenig Essen und Obdach. So war es zumindest bis vor dem Erdbeben, das Port-au-Prince vor zwei Wochen zertrümmerte und besonders jene armen Gegenden traf, in denen die meisten Restavek leben. Manche von ihnen sind erst fünf Jahre alt. Sie werden von ihren bitterarmen Familien auf dem Land in die Stadt geschickt, zu meist völlig fremden Familien, denen es kaum besser geht, die das ihnen anvertraute Kind aber immerhin ernähren können und, so wird zumeist vergeblich gehofft, auch in die Schule schicken. Jeudis Dienstherr möchte nicht weiter über seine elf Jahre alte Haushaltshilfe sprechen und gibt ihr erstmal eine Wasserflasche in die Hand.
Dieuni Jédeon ist vom Erdbeben nicht verletzt worden. Das Haus der Familie, bei der sie als Restavek wohnt, hat das Beben überstanden. Dieuni kommt ursprünglich aus Les Cayes im Süden Haitis. Als ihre Mutter starb, war sie gerade acht Jahre alt. Da habe sie ihre Tante aufgenommen, erzählt Dieuni. Die Tante aber habe sie schlecht behandelt und bald in die Stadt geschickt — als Restavek, zu einer Familie, in der Dieuni täglich geschlagen und beleidigt werde. Sexuell missbraucht, wie so viele andere Restavek, werde sie aber nicht, sagt sie. Dieuni steht mit gesenktem Kopf auf dem Hof des Gebäudes der Soeurs Salesiennes, in dem sie nachmittags von halb zwei bis um fünf Uhr eine Schule besuchen darf – keine Selbstverständlichkeit hier, wie die Nonnen sagen. Dieuni ist 18 Jahre alt, hat aber erst seit drei Jahren Unterricht. Und vielleicht muss es auch bei der viel zu kurzen Schulzeit bleiben: Die Schulen in Port-au-Prince sind bis auf weiteres geschlossen, womöglich noch bis zum Ende des Schuljahrs, wie es heißt.
Auch sexueller Missbrauch gehört dazu
Eine der Nonnen hat Dieuni zum Erzählen geholt. Das Mädchen wohnt in der Nachbarschaft, ihre „Familie“ ist gerade nicht zu Hause. Der Patron verkauft mit seiner Frau Getränke auf der Straße, jeden Tag, solange es hell ist. Zwischen vier und fünf Uhr früh steht Dieuni auf. Dann arbeitet sie bis um eins, geht drei Stunden in die Schule, dann wieder Arbeit: Waschen, Wasser holen, Kochen, Putzen und Einkaufen und auf die Kinder der Familie aufpassen, die nicht immer viel jünger sind als die Restavek. Zwischen 21 und 24 Uhr ist Dieuni mit der Arbeit fertig. Wenn die Familie gutes Essen mitbringt, muss sie trotzdem mit Reis und Bohnen vorlieb nehmen, erzählt sie. Das Haus der fünfköpfigen Familie hat vier Zimmer, für das sechste Haushaltsmitglied gibt es kaum noch Platz. Dieuni breitet zur Nacht ihre überzählige Kleidung auf den Steinfußboden in der Küche und schläft darauf.
Die Beschreibung deckt sich mit jenen Hunderter anderer Restavek, die in Port-au-Prince leben. „Die Restavek-Kinder waren schon vor der Katastrophe das fünfte Rad am Wagen“, sagt Sascha Decker von der deutschen Kindernothilfe. Jetzt, nach dem Beben, haben die Dienstherren für sich selbst kaum genügend Nahrung und Schlafplätze, die Bedürfnisse der fremden Kinder bleiben auf der Strecke. Die Kindernothilfe betreute im Stadteil Carrefour in Port-au-Prince schon vor dem Beben etwa 400 weggelaufene Restavek, die der Schinderei ein Leben als Straßenkinder vorzogen und hier Aufnahme fanden.
Die Jungen laufen oft davon
Es sind etwas mehr Mädchen als Jungen, die als Restavek leben. Die Jungen gelten von einem gewissen Alter an als unberechenbarer und laufen nicht selten davon, um sich Gangs und Banden anzuschließen. Die Mehrzahl der Kinder bleibt allerdings bei ihren Dienstherren und muss nach der Volljährigkeit eine schlecht bezahlte Stelle als Dienstbote oder Haushaltshilfe annehmen.
Dieuni würde gerne Krankenschwester werden. Sie ist intelligent, sagt Schwester Philomena Telfort, die die Abendschule der Soeurs Salesiennes leitet. „Aber dazu benötigt sie noch weitere acht Jahre Schulunterricht.“
Wenn man sie mit Weißen sieht, bekommt sie Schläge
Viele Haitianer sehen das System der Restavek nicht so negativ wie die Hilfsorganisationen, die von moderner Sklaverei sprechen. So sei das Prinzip seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein gutes Mittel für arme Bauernfamilien gewesen, wenigstens einem ihrer Kinder Bildung und die Aussicht auf ein besseres Leben zu ermöglichen bei einer Familie, die dafür auch materiell sorgen kann. Seit Haiti in den vergangenen Jahrzehnten durch Bürgerkriege und Misswirtschaft völlig verarmte, gibt es jedoch die Mittelschicht nicht mehr, die den Restavek ein besseres Leben gewähren könnte. Es sind vielmehr die Armen aus den Städten, die in den Restavek nahezu kostenfreie Arbeitshilfen sehen.
„Das Grundproblem liegt in der zu hohen Geburtenrate“, sagt ein Geschäftsmann am Rande von Port-au-Prince. „Und ein bisschen Arbeiten hat noch niemandem geschadet.“ Die haitianische Regierung sieht das offenbar ähnlich. Zwar gibt es bei der haitianischen Polizei angeblich eine spezielle Einheit zum Schutz der Jugend, bei dieser soll es sich jedoch lediglich um ein Büro handeln, eine Patrouille gibt es jedenfalls sicher nicht. Ein Gesetz, demzufolge Kinder von 15 Jahren an wenigstens die Hälfte des für die entsprechende Arbeit üblichen Lohns erhalten sollen, wurde vor drei Jahren wieder zurückgenommen. Ein anderes aber hat eigentlich weiter Gültigkeit: Haiti schaffte 1804 unmittelbar nach der Unabhängigkeit als erster amerikanischer Staat die Sklaverei ab.
Für Dieuni ist das ein schwacher Trost. Wie ein geprügelter Hund schleicht sie zurück zu ihrem Haus. Begleitet werden will sie bitte nicht. Die Nachbarn schauten stets aufmerksam, sagt sie, und wenn sie in Begleitung von Weißen gesehen werde – dann bekomme sie Schläge.