Home
http://www.faz.net/-gup-pldv
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Katastrophenhilfe Fünf Liter Wasser und eine Trillerpfeife

09.11.2004 ·  „Rucksack für den Überlebenskampf“: Nach den Erdbeben kümmert sich Japan wieder verstärkt um die Vorsorge. Vor allem für Ausländer, die nicht japanisch sprechen, sind die Maßnahmen wichtig.

Von Anne Schneppen, Tokio
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die neuen Nachbarn kommen aus Kobe, und sie haben ihre Lektion gelernt. Auf der Terrasse ihres Hauses horten sie Wasser in Fünf-Liter-Kanistern. Auf dem Nachttisch steht eine Taschenlampe, unter dem Bett festes Schuhwerk. Griffbereit liegt im Garderobenschrank hinter der Haustür ein handlicher Ordner mit den Kopien aller wichtigen Dokumente und 40.000 Yen in kleinen Scheinen.

Gleich daneben reihen sich die feuerfesten Erdbebenrucksäcke für die Familie. In ihnen sind die wichtigsten Utensilien verstaut, die in den ersten Tagen danach entscheidend sein können: Verbandszeug und Lebensmitteldosen, eine Trillerpfeife und Kerzen, eine Isolationsdecke und lederne Arbeitshandschuhe, ein Radio und Batterien. „Wir wollen vorbereitet sein“, sagt die Nachbarin, die in Kobe mit dem Schrecken davonkam.

Den Schock nicht überwunden

Dort hatte im Januar 1995 ein Beben der Stärke 7,2 rund 6400 Menschenleben gefordert und mehr als 100.000 Häuser zerstört. Vor wenigen Tagen berichtete Kobes Bürgermeister, daß in der Hafenstadt nach fast zehn Jahren nun wieder so viele Einwohner leben wie vor dem großen Beben. Doch den Schock habe die Stadt bis heute nicht überwunden. Es war nicht nur die in Japan seit Jahrhunderten bekannte zerstörerische Naturgewalt, sondern die Hilflosigkeit einer modernen Industrienation, an die man sich bis heute erinnert. Viel zuviel Zeit verging, bis alle überlebenden Opfer erreicht waren.

Zwischen Kobe und Niigata liegen ein paar hundert Kilometer und fast ein Jahrzehnt. In einem Land, in dem hundertmal im Jahr die Erde wackelt, werden Beben zur Gewohnheit. Ihre Gefahr wird verdrängt, weil es in den allermeisten Fällen glimpflich ausgeht. Erschütterungen der Stärke 3 oder 4 sind kaum der Rede wert. Man sitzt mit Freunden am Tisch, der Kaffee in der Tasse schlägt kleine Wellen, der Holzboden unter den Füßen knackt. Für Japaner ist das Alltag, dem man nicht entfliehen kann, den man seit frühester Kindheit kennt wie die heftigen Taifune, die Jahr für Jahr über das Archipel hinwegziehen. Man hält kurz inne, wartet ein paar Minuten, ob das Zittern nachläßt, und setzt das Gespräch fort, als ob nichts gewesen wäre.

Die verunsicherte Ausländergemeinde

Wer nicht überängstlich ist, wer Kobe nicht am eigenen Leib gespürt hatte, schien in eine pragmatische Gelassenheit zurückgekehrt, die das schwere Erdbeben von Niigata am 23. Oktober jäh beendete. Während in der ländlichen Region an der westlichen Küste Honshus noch immer Tausende in Notunterkünften oder Autos ausharren und von Nachbeben in Angst gehalten werden, fragt man sich im 200 Kilometer entfernten Tokio, was wohl gewesen wäre, hätte ein Beben dieser Intensität, so wie es immer wieder prophezeit wird, die dichtbesiedelte Hauptstadt heimgesucht.

Ken Joseph ist gerade aus der Präfektur Niigata zurückgekehrt, trägt noch die schwarze Windjacke, in der er zwischen Schutt und Schlamm Menschen besuchte, die in Sicherheit gebracht worden waren. In Tokios „American Club“ wartet ein anderes Publikum auf den Pastor, der in den vergangenen siebzehn Jahren so ziemlich jedes größere Beben nachbereitet hat. Eine verunsicherte Ausländergemeinde, Gäste auf Zeit, die nicht vom Kindergarten an gelernt haben, wie man sich bei einem Erdbeben zu verhalten hat, bombardiert den Gründer der „Japan Helpline“, einer privaten Selbsthilfeorganisation, mit Fragen.

Die Fragen der unerfahrenen Ausländer

Soll man im Haus bleiben oder ins Freie gehen? Würden die Mobiltelefone funktionieren? Sind die Schulen auf den Ernstfall vorbereitet? In den engen Häuserschluchten Tokios, voll mit verglasten Neonreklameschildern und überirdischen Strommasten, ist es drinnen sicherer als draußen. Die Kommunikation mit dem normalen Handy dürfte zusammenbrechen, wie schon in Kobe. Ein Satellitentelefon wird empfohlen, unabhängig vom inländischen Kommunikationsnetz. Jede Schule hat einen Notfallplan, der Schulbus klare Vorgaben, welche Ziele er anzusteuern hat. Doch verängstigte Eltern wollen wissen, wie man sich nach dem Beben wiederfinden kann, wenn die Hauptverkehrsschlagadern nur noch von Rettungsfahrzeugen befahren werden dürfen, die Kinder in der Schule sind, der Vater bei der Arbeit, die Mutter zu Hause.

Die Fragen der unerfahrenen Ausländer beantwortet nicht nur Ken Joseph. Tokios Stadtbezirke und die Feuerwehren haben Vertreter geschickt, ein Diplomat der amerikanischen Botschaft berichtet von seinen Erfahrungen in Kobe: „Es war unmöglich, die paar Meter ins Zimmer meiner Tochter zu kommen. Man kann sich das nicht vorstellen: In ein paar Sekunden stürzte die Stadt von der Ersten in die Dritte Welt.“ Peter van Buren rät auch am eindringlichsten davon ab, auf die Behörden zu vertrauen: „Das Wichtigste ist Eigeninitiative. Man muß sich darauf einrichten, drei bis fünf Tage allein zu überleben.“

„Sehen Sie zu, daß Sie rauskommen“

Für einen Diplomaten formuliert er ungewöhnlich direkt: „Die Organisationen in Japan brauchen Zeit, um zu reagieren, zu entscheiden, zu organisieren, das ist das Besondere hier. Es dauert mehrere Tage.“ In Kobe sei die funktionierende Welt nur einen Tagesmarsch entfernt gewesen - doch viele harrten ohne Strom und ohne Wasser wochenlang am Unglücksort aus. Sein Rat ist simpel: „Sehen Sie zu, daß Sie rauskommen, das Erdbebengebiet verlassen.“

Der Informationsabend zwei Wochen nach Niigata ist außerordentlich gut besucht. Auf der Ladefläche eines Lastwagens vibriert ein Simulator für ungefährliche Erdbebenerfahrung, Stärke6 auf der nach oben offenen Richterskala. Jedem, der in das stilisierte Wohnzimmer, ein Tisch, vier Stühle, hinaufsteigt, wird kurz die einfachste Schutzregel erklärt: Wenn das Beben losgeht, so schnell wie möglich unter den Tisch! Den Kopf in die Knie, die Augen vor umherfliegenden Glassplittern schützen. In Japan weiß das jedes Kind. Zurück aus dem Simulator, sind die Kleinen entzückt - wie über die Fahrt in einer milden Achterbahn.

Große Auswahl an Erdbebenartikeln

Die Erwachsenen aber reagieren erstaunt: So schlimm hatten sie es sich nicht vorgestellt. Das stärkt die Bereitschaft, drinnen im Saal die Produkte japanischer Erdbebenvorsorge genauer zu inspizieren. Eisenwinkel, mit denen schwere Regale an die Wand geschraubt werden. Kleine Klebematten, die die Mikrowelle fixieren sollen, oder Erdbebenrucksäcke für drei Tage Überlebenskampf, „Economy“ oder „Executive Class“ für 90 beziehungsweise 180 Euro. Die Luxusvariante enthält sogar ein Kartenspiel, zur Überbrückung der Langeweile beim Warten auf die Rettungsmannschaft.

In japanischen Kaufhäusern gibt es eine noch größere Auswahl an Erdbebenartikeln, von Zelten bis zu kiloschwerer Astronautennahrung. Das Gerüst der Grundausstattung ist aber immer gleich: Verbandszeug, Wasser, Trillerpfeife. Jedes Jahr vor dem 1. September ist Erdbebensaison in den Regalen der Haushaltswaren. Dann nämlich wird des großen Kanto-Bebens von 1923 gedacht, bei dem drei Viertel der Großstädte Tokio und Yokohama zerstört wurden, Tausende Feuer ausbrachen und 140.000 Menschen ums Leben kamen. Alljährlich am 1. September versammeln sich Millionen Japaner zu Erdbebenübungen, testen in Parks die effektive Bedienung eines Feuerlöschers und nehmen den aktuellen Evakuierungsplan ihres Stadtteils mit nach Hause.

Hoher Forschungsaufwand, keine Voraussage

Manche Forscher schüren Ängste, versuchen aus den Zeitabständen in der Vergangenheit eine Regel für die Zukunft abzuleiten. Danach wäre Tokio schon überfällig. Doch trotz des immensen Forschungsaufwands ist es bisher nicht gelungen, Erdbeben vorauszusagen. Soviel ist sicher: Vor Tokios Küste reiben sich im Pazifik gewaltige Kontinentalplatten aneinander. Fachleute warnen, kämpfen gegen Vergessen oder Verdrängen an: „Das nächste Beben wird kommen - vielleicht schon morgen, vielleicht nächste Woche oder auch erst in zwanzig Jahren.“

Eine Lehre aus Kobe ist, daß Ausländer, die der japanischen Sprache nicht mächtig sind, es besonders schwer haben. Sie können im Unglücksfall keine Karte lesen, sie verstehen die Anweisungen nicht, die über Radio und Lautsprecher kommen, sie sind vermutlich allein. Im Fall von Niigata lobte Pastor Ken Joseph, der mit seiner Hilfsorganisation gleich zur Stelle war, die Vorbereitungen der Behörden. Aus Kobe habe man gelernt. Schulen und Sporthallen seien recht schnell in Notunterkünfte verwandelt worden mit einer ordentlichen Versorgung für die Opfer.

Amerikanisches Hilfsangebot

Eines aber habe ihn überrascht: „Die fast gänzlich fehlende Unterstützung, wenn man nicht Japanisch spricht.“ Um so dringlicher empfiehlt er in Japan lebenden Ausländern, geraume Zeit für sich selbst sorgen zu können. Der Diplomat van Buren führt an, daß Japan „dazugelernt“ habe. Für Kobe wurde ein Hilfsangebot der amerikanischen Regierung abgewiesen, für Niigata wurde Unterstützung akzeptiert: 100.000 Dollar für Decken und Plastikplanen. Hubschrauber des in Japan stationierten amerikanischen Militärs stiegen für Hilfstransporte auf. Auch von der deutschen Regierung wurden 50.000 Dollar für Notunterkünfte gespendet.

Niigatas Nachbeben sind auch noch in Tokio zu spüren. Aufgeregte Mütter ordern schmucklose Ketten, die sie ihren Kindern wie Hundemarken umhängen, mit Namen, Adresse, Telefonnummern und Blutgruppe. Die Schule beruhigt die Eltern in einem Schreiben. Es gibt drei Wassertanks auf dem Gelände und in der Kantine genug Nahrungsvorräte für die ersten Tage. Mieter recherchieren beim Immobilienmakler, ob ihre Bleibe vor oder nach den verschärften Baurichtlinien von 1982 errichtet wurde. Fenster werden auf Bruchsicherheit inspiziert. Im Erdbebenrucksack füllt man Wasser und Thunfischdosen nach. Ihr fünfjähriges Haltbarkeitsdatum war schon abgelaufen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen