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Sonntag, 19. Februar 2012
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Hurrikan „Katrina“ New Orleans: Sie stehen noch

18.10.2005 ·  Sechs Wochen nach „Katrina“ sind auch die ärmsten Einwohner von New Orleans zu ihren Häusern zurück. Aber im Lower Ninth Ward ist nichts mehr, wie es war. Und die, die wenig hatten, haben nun oft gar nichts mehr.

Von Matthias Rüb, New Orleans
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Susan und Michael Convers wollen nicht zurückkommen, jedenfalls nicht, um hier wieder zu wohnen. Ihr Haus an der Andry Street im Lower Ninth Ward steht zwar noch, aber man kann auch noch sehen, bis wohin hier vor sechs Wochen das Wasser stand, als nach dem Aufprall des Hurrikans „Katrina“ aufs Festland von Louisiana die Deiche von New Orleans brachen: In vielleicht zweieinhalb Meter Höhe gewahrt man an allen Häusern, an Bäumen und Laternenpfosten eine braungraue Linie.

Seit ein paar Tagen ist auch der Lower Ninth Ward, eines der ärmsten schwarzen Stadtviertel von New Orleans, wieder trocken. Mitte vergangener Woche durften die Einwohner zum ersten Mal wieder zurückkehren, um ihre Häuser in Augenschein zu nehmen - oder das, was von ihnen noch übriggeblieben ist.

Trümmerhaufen, die Häuser waren

Dabei sind die Häuser an der Andry Street, kleine, flache Gebäude mit zwei, höchstens drei Wohnräumen, noch vergleichsweise gut weggekommen. Sie stehen jedenfalls noch, und das an der Stelle, wo sie vor vier oder fünf Jahrzehnten gebaut wurden. Das ist weiter nördlich, jenseits der Clairborne Avenue, nicht der Fall. Dort, wo am 29. August der Deich des Industrial Canal, der den Fluß Mississippi mit der riesigen Süß- und Salzwasserlagune des Lake Pontchartrain verbindet, gleich an mehreren Stellen brach, türmen sich Trümmerhaufen, die einmal Häuser waren, vor Häusern, die jetzt nur noch Trümmer sind. Hier haben die Wassermassen die Holzhäuser von ihren Fundamenten weggespült und auf andere Häuser gedrückt, die ihrerseits von den Betonblöcken, auf denen sie ruhten, fortgeschoben wurden.

Die zurückgelassenen Autos sind mit einer grauen Schlammschicht überzogen, einige liegen auf dem Dach, andere sind zu bizarren Blechknäueln zusammengedrückt. Während in anderen Teilen der Stadt so etwas wie ein Alltagsleben im Anfangsstadium wieder Einzug gehalten hat, liegt der Lower Ninth Ward weiter in unwirklicher Stille. Niemand werkelt oder räumt auf.

Die Erlaubnis zur Rückkehr gilt nur von acht bis sechs

Geschäfte, Tankstellen, Behörden und Schulen sind geschlosssen - und werden vielleicht nie wieder geöffnet. Ganze Straßenzüge am Fuße des Kanals sind noch immer von der Nationalgarde abgesperrt. Mit Bulldozern werden Schutt und Holztrümmer von den Straßen auf Brachgrundstücke geschoben, denn die hat es hier schon vor der Flut zuhauf gegeben. Viele Einwohner, die Hunderte von Kilometern aus ihren Notunterkünften in Texas oder North Carolina zu ihrem „ertrunkenen“ Stadtteil gefahren sind, müssen unverrichteter Dinge wieder umkehren.

Denn die Erlaubnis zur Rückkehr in den Lower Ninth Ward gilt nur von morgens acht bis abends sechs Uhr. Es sei nicht ratsam, ja sogar gefährlich, längere Zeit im Lower Ninth Ward zu vebringen, hatte Bürgermeister Ray Nagin gesagt, als er auch dieses letzte Viertel der am 28. August zu 80 Prozent überfluteten Stadt für die einstigen Bewohner wieder öffnen ließ. Paul Murphy, 22 Jahre alt, fand am Mittwoch vormittag in seinem Haus im Lower Ninth Ward den Leichnam seiner Großmutter, von der er geglaubt hatte, sie sei von Nachbarn in Sicherheit gebracht worden. Warum die 70 Jahre alte Frau nicht von den Suchtrupps, die vor fünf Wochen schon die Gegend systematisch durchgekämmt und an die Wand jedes Hauses ihre Zeichen gesprüht hatten, nicht entdeckt worden war, vermochte zunächst niemand zu sagen. Am Mittwoch nachmittag wurde die stark verweste Leiche fortgeschafft.

Die Letzten, die gingen, sind die Letzten, die wiederkommen

Es waren die letzten, die nach Tagen des Ausharrens im Football-Stadion „Superdome“ oder im Messezentrum endlich am 3. September mit Bussen und Hubschraubern aus der überfluteten Stadt fortgeschafft wurden, die jetzt auch als letzte in ihre einst überfluteten Stadtviertel zurückkehren konnten. Susan und Michael Convers gehören dagegen sozusagen zu den vorletzten. Sie verließen die Stadt, einen Tag bevor „Katrina“ New Orleans heimsuchte. Die vergangenen sechs Wochen verbrachten sie bei Verwandten in dem Städtchen Thibodeaux, etwa 60 Kilometer westlich von New Orleans gelegen. Jetzt, nach der „Wiedereröffnung“ des Lower Ninth Ward, laden sie Stühle und anderes Mobiliar, das noch nicht vollständig vom Schimmel überzogen ist, dazu ein paar Bilder und eingerahmte Urkunden auf die Ladefläche ihres Pickups. „Ich werde mich in Thibodeaux oder anderswo nach einem Haus oder einer Wohnung umsehen“, sagt Susan Convers, die für ihren „Heimatbesuch“ schwarze Gummistiefel, eine Atemschutzmaske und jede Menge Gummihandschuhe mitgebracht hat. Die Stiefel trägt sie noch, die anderen Schutzmaßnahmen hat sie abgelegt, denn es ist Eile angesagt. Soeben haben die Sirenen der Polizeiautos und der Fahrzeuge der Nationalgarde aufgeheult zum Zeichen, daß es noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Ausgangssperre um sechs Uhr abends ist.

Es ist ein warmer Spätsommerabend. Die Sonne scheint noch von einem milchig blauen Himmel, kein Lüftchen regt sich. Es ist fast 30 Grad warm. Der Lake Pontchartrain liegt still, der Mississippi fließt träg dahin. Wie soll man bei dieser absurd beschaulichen Sommerstille im armen Süden der reichen Vereinigten Staaten von Amerika schon an die nächste Katastrophe denken - zumal wo alle Welt vom Wiederaufbau, von Hoffnung und Zuversicht spricht?

Wer soll hierher zurückkehren in den „Lower Ninth Ward“

Gewiß, vielerorts sieht man in New Orleans Schilder mit der Aufschrift „Mitarbeiter gesucht“, aber eben nicht im Lower Ninth Ward. Auch für Susan Convers und ihren Sohn Michael ist dies ein erster Abschiedsbesuch. Die pensionierte schwarze Verwaltungsangestellte wird noch ein paar Mal wiederkommen, um mit den Gutachtern der Versicherungsgesellschaft über die Schadenhöhe zu verhandeln. Denn das Haus an der Andry Street 924 sowie das auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das sie vermietet hatte, sind ihr Eigentum: Errungenschaften eines ganzen Arbeitslebens, die zudem gegen Flutschäden versichert waren. Als Besitzerin von Häusern samt Versicherungspolicen gehört Susan Convers im Lower Ninth Ward zu einer Minderheit. Denn die meisten schwarzen Einwohner hier und die kleine Minderheit der Latinos waren Mieter von alten, vernachlässigten Häusern oder lebten in heruntergekommenen Mietskasernen, für die oft genug kein Versicherungsschutz bestand. Wer aber soll hierher zurückkehren, wenn schon die Familie von Susan und Michael Convers, Besitzer zweier Häuser und zweier Autos, sich nach einem anderen, besseren Fleck zum Leben umschauen?

Im Lower Ninth Ward scheint nicht die Frage, ob die Bulldozer kommen, sondern wann. Das hängt im wesentlichen von den Gutachtern der Versicherungen ab.

Quelle: F.A.Z. vom 18. Oktober 2005
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