Home
http://www.faz.net/-gup-qx5k
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hunger in Niger Zu viele für zuwenig

03.08.2005 ·  Trotz zahlreicher Berichte: Von einer Hungerkatastrophe in Niger kann derzeit noch keine Rede sein. Das kann sich aber bald ändern. Die Lebensmittelkrise ist strukturbedingt und wird immer schlimmer. Eindrücke von Thomas Scheen.

Von Thomas Scheen, Bermo
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (1)

Balari ist formell: „Ich schwöre auf den Koran, daß ich von keinem Menschen weiß, der an Hunger gestorben wäre“, sagt der Viehzüchter. „Wir haben alle Schwierigkeiten wegen der zurückliegenden Trockenperiode, aber daß wir deshalb an Hunger sterben, ist übertrieben.“

Balari ist ein Peul-Nomade, der mit seinen Rinder- und Schafherden weit herumkommt und deshalb gut informiert über die Vorgänge ist, die sich in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern um das nördlich der Regionalstadt Maradi gelegene Dorf Bermo am Eingang zum Oroufa-Tal zutragen - der Gegend, in denen Hilfsorganisationen „Hungertaschen“ ausgemacht haben. Er selbst habe viele Tiere an die Trockenheit verloren, sagt Balari. Von den überlebenden Tieren habe er die eine Hälfte verkaufen müssen, um die andere mit gekauftem Viehfutter am Leben zu erhalten. Das heißt, er wurde in einer Trockenzeit um die Arbeit von 20 Jahren gebracht. Jetzt aber, nach den ungewöhnlich starken Regenfällen der zurückliegenden Wochen, ist der ansonsten menschenfeindliche, weil knockentrockene Sahel eine einzige grüne Wiese, die so feucht ist, daß selbst schwere Geländewagen ihre liebe Mühe haben, sich ihren Weg durch den Morast zu suchen. Seit drei Wochen setzen Balaris Rinder langsam wieder Fett an, um durch die nächste Trockenzeit zu kommen: „Wenn Allah will, wird das nächste Jahr besser.“

Wo sind die Millionen Hungernden?

Es ist glücklicherweise ein schwieriges Unterfangen, im vermeintlichen Hungerland Niger Menschen zu finden, die kurz vor dem Hungertod stehen. Wenn man aber den Angaben der Vereinten Nationen und der ins Land strömenden Hilfsorganisationen glauben will, sind zwischen 2,5 und 3,6 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Das entspräche einem Drittel der Bevölkerung. Nur: Sie sind einfach nicht zu finden, auch nicht nach Hunderten von Kilometern Autofahrt durch den „Hungergürtel“ nördlich von Zinder und Maradi. Andere Zahlen gehen von 800.000 Menschen aus, die von „Hunger bedroht“ seien, weil ihre Lebensmittelvorräte zur Neige gehen und sie Schwierigkeiten haben, bis Oktober - der nächsten Ernte - durchzuhalten. Diese Zahl scheint zum einen realistischer und stellt zum anderen einen nicht unerheblichen Unterschied zu der medialen Hysterie dar, die sich gerade mit halsbrecherischer Ahnungslosigkeit am Thema Niger abarbeitet. Von einer Hungerkatastrophe kann derzeit nicht gesprochen werden. Was nicht heißen soll, daß es bis Oktober nicht zu einer solchen kommen könnte.

Niger erlebt vielmehr gerade eine Lebensmittelkrise, weil eine der periodisch wiederkehrenden Trockenzeiten den Bauern im vergangenen Jahr die Ernte verdarb und die Viehzüchter um das dringend benötigte Gras für ihre Herden brachte. Der Fehlbetrag für das wichtigste Nahrungsmittel Hirse belief sich auf 200.000 Tonnen. Doch solche Mißernten sind nichts Neues in dem Sahelland, sondern ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen, das sich allerdings aufgrund der Bevölkerungsexplosion beschleunigt und verschlimmert.

Alles halb so schlimm? Mitnichten.

Natürlich sind die Bilder unterernährter Kinder, die gegenwärtig über die Bildschirme flimmern, grausam. Doch auch diese für Europäer schwer zu ertragenden Bilder - die übrigens immer dasselbe Dutzend Kinder in immer derselben Klinik in Maradi zeigen - müssen in ihrem regionalen Kontext gesehen werden. Die Hilfsorganisation „Medecins sans frontieres“, die in den vergangenen Wochen mit immer neuen Hiobsbotschaften die Spendenmaschine erst richtig ins Laufen brachte, behandelte nach eigenen Angaben in den zurückliegenden sieben Monaten knapp 14.000 Kinder, die an Unterernährung litten. Von diesen wiederum starben fünf Prozent. Das ist in einem Land, wo die chronische Unterernährung bei Kindern unter fünf Jahren ohnehin zwischen 15 und 20 Prozent liegt, nicht eben das, was man als Katastrophe bezeichnen könnte, zumal die „normale“ Säuglingssterblichkeit im Süden des Landes bei etwa 30 Prozent liegt - im ganzen Land liegt sie bei rund 15 Prozent.

Also alles halb so schlimm? Mitnichten. Denn die Lebensmittelkrise in Niger ist strukturell bedingt, und sie wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Nur wird der maßgebliche Grund dafür, der demographische Druck, in der gegenwärtigen Diskussion hartnäckig verschwiegen. Als Niger 1960 unabhängig wurde, lebten rund 2,5 Millionen Menschen in dem Sahelland. Heute sind es mehr als zwölf Millionen. Die Bevölkerung Nigers wächst jedes Jahr um etwa drei Prozent. Prognosen gehen davon aus, daß die Bevölkerung 2020 bei 20 Millionen und 30 Jahre später bei 50 Millionen liegen wird. In der von einem rigiden Islamismus geprägten Region von Maradi und Zinder gebärt jede Frau im Durchschnitt 8,5 Kinder. Auf einen Quadratkilometer kommen mittlerweile 120 Bewohner, was angesichts der Kargheit der Landschaft und der unstrukturierten Landwirtschaft unweigerlich in einer Katastrophe enden wird.

Nur eine Mahlzeit täglich

Maman Dan Bara muß seine Finger bemühen, wenn er alle Münder aufzählen soll, die er zu ernähren hat. Nach einigem Hin und Her kommt der Bauer auf 30 Personen, die direkt von ihm abhängig sind. Seine Felder wiederum sind zusammengenommen nicht größer als zehn Hektar, und selbst in guten Jahren fährt er eine Hirseernte ein, die nur selten eine Tonne übersteigt. Er benötigt aber fünf Tonnen, um der ganzen Familie Lebensmittel für den Rest des Jahres zu sichern. Im vergangenen Jahr hat er nichts geerntet, weil die Trockenheit gleich fünf Aussaaten zunichte machte und dann auch noch die Heuschrecken über das verbliebene Saatgut herfielen. Er ißt jetzt nur noch einmal täglich. Wie alle in der Familie. An einem guten Tag gibt es Hirsebrei, der mit Wasser statt mit Milch und Zucker angemacht wird, an einem schlechten muß sich die Sippe mit getrockneten Melonen und Mangofrüchten zufriedengeben.

Maman ist nicht der einzige im Dorf, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt: Die Zahl der Bewohner von Kombaki, einer trostlosen Ansammlung von Lehmhütten nördlich von Dakoro, hat sich seit Mamans Ankunft vor sechs Jahren verdoppelt. Die Wasserreserven gehen zur Neige, und durch das ungehemmte Abholzen der wenigen Bäume ist die Wüste auf dem Vormarsch. Mittlerweile lebt Maman von den Überweisungen, die ihm zwei seiner Söhne aus Ghana schicken, und von der Barmherzigkeit seiner Nachbarn. Und wenn es ganz eng wird, arbeitet er im Austausch gegen Hirse auf den Feldern derjenigen, die es nicht so hart wie ihn getroffen hat. Maman ist ein dünner Mann, dem die harten Jahre tief ins Gesicht geschrieben stehen. Aber er ist nicht dabei, zu verhungern. Genausowenig wie seine Familie. Maman, warum machst du so viele Kinder, wenn du weißt, daß du sie kaum ernähren kannst? „Weil ich dachte, ich brauche viele Hände, um die Felder zu bearbeiten.“

Demographische Katastrophe

Die Bevölkerungsexplosion in Niger hat allerdings dazu geführt, daß sich heute bis zu 40 Personen einen Acker teilen, der früher von einer einzigen Person bewirtschaftet wurde. Grund für die demographische Katastrophe ist die weitverbreitete Polygamie. Haushalte mit bis zu 20Kindern von drei Frauen sind keine Seltenheit. Stirbt der Ernährer, teilen die Nachkommen die Felder unter sich auf, wodurch diese immer kleiner werden. Zwar stieg die Produktion des wichtigsten Nahrungsmittels, Hirse, in den vergangenen zehn Jahren, weil immer neue Felder bearbeitet wurden. Der Ertrag pro Hektar aber ist rückläufig, weil sowohl den Feldern als auch den Gebieten, in denen die Viehherden Gras finden können, keine Ruhepausen mehr gegönnt werden.

Sowohl die Bauern als auch dieViehzüchter haben immer weniger Geld in der Tasche, während der Staat gleichzeitig alle Subventionen auf Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds streichen mußte. Früher waren Medikamente in Niger subventioniert. Heute gibt es fast nur noch privat bewirtschaftete Apotheken. Früher gab es staatliche Krankenhäuser, die mehr schlecht als recht funktionierten, gleichwohl zu zivilen Preisen Hilfe boten. Heute ist die medizinische Versorgung in Händen von Privatunternehmern. Früher trieb der Hirte seine Herde einfach in den Busch, wenn die Tiere grasen sollten. Heute ist der Busch der Ackerfläche gewichen und der Viehzüchter muß Futter beikaufen, das er sich eigentlich gar nicht leisten kann. Weil das so ist, bringt die Verdoppelung der Hirsepreise in diesem Jahr fast eine Million Menschen um ihr tägliches Essen.

Schimpfen auf die Regierung

In der Regionalstadt Maradi wird zur Zeit viel auf die nigerische Regierung geschimpft. Daß sie schon im November über die schlechten Ernteerträge informiert gewesen sei; daß sie die Krise erst im Mai zugegeben habe; daß sie sich lange geweigert habe, der kostenlosen Verteilung von Lebensmitteln zuzustimmen; daß sie die Spekulation mit Hirse gefördert habe; daß sie Hilfslieferungen aus Japan einfach nach Nigeria verkauft habe; daß sie es versäumt habe, strategische Reserven anzulegen, mit denen der von 15.000 Franc CFA (23 Euro) auf gegenwärtig mehr als 30.000 Franc CFA hochgeschnellte Preis für einen Sack Hirse hätte gesenkt werden können. Vieles davon ist zutreffend, einiges ist Polemik.

Tatsache ist, daß Niger einer jener bettelarmen Staaten im Sahel ist, die sich den „Strukturanpassungsprogrammen“ von Weltbank und Währungsfonds unterwerfen mußten, um weitere Kredite zu erhalten, und der seither nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Die Philosophie der Bretton-Woods-Institutionen ist von bestechender Schlichtheit: Der Markt regelt alles. Vor diesem Hintergrund wird die zunächst zögerliche Haltung der Regierung zu der schlußendlich doch genehmigten Verteilung von kostenlosen Lebensmitteln verständlich: Das hätte die Preise beeinflußt und damit den freien Markt aus dem Gleichgewicht gebracht. Theoretisch ist dies zwar richtig, nur ist diese Diskussion eine, die um so einfacher zu führen ist, je voller der Magen ist. Das „strukturangepaßte“ und politisch relativ stabile Land Niger verfügt heute über ein neues Straßennetz. Auch diese kreditfinanzierten Investitionen erscheinen logisch: Straßen erlauben Handel. Nur: Teer kann man nicht essen.

Regenfälle schieben Katastrophe auf

Wie lebensfern die aus Washington diktierten Bedingungen sind, zeigt sich an einem anderen Beispiel: Die Bretton-Woods-Institutionen fordern eine Einschulungsrate von mindestens 50 Prozent. Gleichzeitig aber darf die Regierung ihre Personalkosten nicht erhöhen, das heißt, es ist kein Geld vorhanden, die Lehrer zu bezahlen. Statt abzunehmen, nimmt die Analphabetenrate deshalb zu. Sie sorgt dafür, daß die Menschen weder von Familienplanung noch von Marktmechanismen eine Ahnung haben. Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen, Reserven für schwierige Zeiten anlegen, den Vorteil von Kooperativen zu erkennen, die einen besseren Preis für Hirse und Rinder erzielen könnten, weil sie unter Umgehung von Zwischenhändlern direkt mit den Abnehmern verhandeln könnten - das alles sind böhmische Dörfer für die Menschen auf dem Land.

Immerhin scheint für die diesjährige Krise das Schlimmste abgewendet zu sein. Es regnet ordentlich im Sahel. Gleichwohl ist die Katastrophe in Niger nur aufgeschoben. Der Bauer Maman Dan Bara überlegt, in die Stadt zu ziehen, weil das Leben auf dem Land einfach zu mühsam werde. Er will seine Kinder „in Arbeit“ bringen, wie er sagt, und dürfte damit doch nur das Heer der Arbeitslosen vergrößern. Sein Nachbar wiederum überlegt, weiter nach Norden zu ziehen - dorthin, wo Balari gerade versucht, seine dezimierte Herde wieder aufzubauen. Dafür braucht er angesichts der kargen Landschaft zwischen 15 und 20 Hektar pro Tier - Platz, der zur Neige geht. „Wohin soll ich denn noch ausweichen“, fragt sich der Viehzüchter, „in die Tenere-Wüste?“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel