16.01.2010 · Die Vereinigten Staaten haben sich an die Spitze der Hilfsbemühungen in Haiti gestellt. Amerikanische Soldaten übernahmen die Kontrolle des Flughafens in Port-au-Prince, Tausende Truppen sollen die Verteilung von Hilfsgütern beschleunigen.
Nach erheblichen Anfangsschwierigkeiten beschleunigen die Vereinigten Staaten jetzt ihre Hilfe für die Erdbebenopfer in Haiti. Die amerikanischen Streitkräfte übernahmen die Kontrolle über den Flughafen von Port-au-Prince und koordinieren nun die Ankunft von Maschinen mit Hilfsgütern.
„Bis jetzt kommt unser Beistand noch durch einen Gartenschlauch“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. „Aber jetzt weiten wir das aus, da mit wir einen breiten Strom an Hilfe für Haiti bekommen.“ Bis Montag sollen 9.000 bis 10.000 amerikanische Soldaten in Haiti oder auf Schiffen vor der Küste im Einsatz sein, wie der Vorsitzende der Vereinten Stabschefs, Admiral Mike Mullen, mitteilte. Bis Freitag waren zunächst 4.200 Mann vor Ort, darunter die Besatzung des Flugzeugträgers „USS Carl Vinson“. Eine Luftlandeeinheit begann mit der Verteilung von Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten.
50.000 Leichen geborgen, 1,5 Millionen Menschen obdachlos
Haitis Präsident René Preval nahm die Amtsgeschäfte in einem zum Regierungssitz umfunktionierten Polizeikommissariat in der Nähe des Flughafens wieder auf. „Die haitianische Regierung hat ihre Funktionsfähigkeit verloren, sie ist aber nicht zerbrochen“, sagte Preval zu Journalisten. Der Präsidentenpalast und zahlreiche Regierungsgebäude wurden bei dem Erdbeben zerstört.
Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti sind nach offiziellen Schätzungen bisher bis zu 50.000 Leichen geborgen worden. . Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schätzt, dass 45.000 bis 50.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Insgesamt werden 140.000 bis 200.000 Tote befürchtet, wie Regierungsmitglieder am Freitag in Port-au-Prince mitteilten. „Niemals werden wir die genaue Ziffer wissen“, sagte Innenminister Paul Antoine Bien-Aime.Nach Angaben von Gesundheitsminister Alex Larsen wurden zudem 250.000 Menschen verletzt. 1,5 Millionen seien obdachlos. Drei Viertel der Hauptstadt müssten neu aufgebaut werden.
Clinton und Ban Ki-moon kündigen Besuche an
Mit Obama und mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon habe er über die Koordinierung der Hilfe gesprochen, sagte Preval am Freitag. Sie hätten versichert, alles ihnen mögliche zu tun. „Es ist wie in einem Krieg“, die Schäden könnten mit denen nach einem 15-tägigen Bombenangriff verglichen werden. Schätzungen zufolge könnten bis zu 200.000 Menschen bei dem Beben am Dienstag ums Leben gekommen sein.
Ein Großteil der Hauptstadt Port-au-Prince wurde zerstört, darunter auch der Präsidentenpalast und die Wohnung des 66 Jahre alten Staatschefs. „Ich habe kein Zuhause, ich habe kein Telefon, das ist jetzt mein Palast“, sagte Preval ironisch und deutete auf eine Polizeiwache, von der aus er jetzt versucht, sein Amt zu führen.
Die Vereinten Nationen riefen die Staatengemeinschaft unterdessen dazu auf, insgesamt 562 Millionen Dollar in einen Spendenfonds einzuzahlen, um Lebensmittel und andere dringend benötigte Hilfsgüter für die nächsten sechs Monate bereitzustellen. Drei Millionen Menschen seien dringend auf Nahrungsmittel, Wasser, Unterkunft und medizinische Notversorgung angewiesen, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Einsätze, John Holmes. Aufgrund der Auswertung von Satellitenaufnahmen stellten die Vereinten Nationen fest, dass mindestens 30 Prozent aller Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince beschädigt oder zerstört wurden. In einigen besonders schwer betroffenen Vierteln sind es 50 Prozent und mehr.
Weiter Engpässe auf Flug- und Seehafen
Bisher hat die internationale Gemeinschaft laut UN insgesamt 268,5 Millionen Dollar für Haiti zugesagt. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon will am Montag Haiti besuchen. Die UN selbst verlor beim Erdbeben 37 Mitarbeiter. 330 weitere werden vermisst, teilte ein UN-Sprecher mit.
In der Hauptstadt kommt es vereinzelt zu Plünderungen von Hilfslagern und Supermärkten. Die Plünderer gehen dabei teilweise bewaffnet vor, berichtete der örtliche Sender Radio Metropole in Port-au-Prince. Junge Männer liefen mit Macheten durch die Straßen. Es kam zu Kämpfen um Nahrungsmittel, die aus Trümmern von Gebäuden gezogen wurden. „Wenn die Lage nicht bald kontrolliert wird, wird es zum Chaos kommen“, sagte der Helfer Steve Matthews von der Organisation World Vision. Auf einem Friedhof vor der Stadt luden Lastwagen Dutzende von Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2.000 Leichen auf einer Müllhalde.
6000 Häftlinge geflohen
Rund 6000 Häftlinge sind nach dem schweren Erdbeben in Haiti aus den Gefängnissen des Landes geflohen. Die Gebäude seien durch das Beben beschädigt und anschließend nicht mehr bewacht worden, verlautete am Samstag aus Regierungskreisen. Von den Häftlingen hätten 4000 im Gefängnis der Hauptstadt Port-au-Prince eingesessen. Ein Großteil von ihnen sei zu lebenslanger Haft verurteilt gewesen. Journalisten der Nachrichtenagentur AFP konnten sich von den Schäden an dem Gefängnis überzeugen. In dem Gebäude befand sich niemand mehr.
Die Unsicherheit in Haiti ist eine der Hauptsorgen der internationalen Hilfsmannschaften sowie der Bewohner von Port-au-Prince, die seit dem Beben am Dienstagabend zunehmend Opfer von Diebstählen und Plünderungen werden.
Die Versorgung der Verletzten ist weiter kritisch. Vor einem Zentrum der Organisation Ärzte ohne Grenzen starben rund 100 Menschen, während sie auf medizinische Behandlung warteten, wie der Leiter der Vertretung, Stefano Zannini, telefonisch mitteilte. Die häufigste Verletzung seien offene Knochenbrüche. Mehr als 3.000 Verletzte wurden zur Behandlung in die benachbarte Dominikanische Republik gebracht. Am Freitag landete eine Boeing 777 mit 250 medizinischen Helfern aus Israel, die mit den Arbeiten zur Errichtung eines Feldlazaretts begannen.
Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates warnte vor möglichen Gewaltausbrüchen auf Haiti, sollte die Hilfe bei den Opfern nicht schnell ankommen. „Entscheidend ist es, Wasser und Essen so schnell wie möglich in das Gebiet zu bringen, damit die Personen in ihrer Verzweiflung nicht zur Gewalt greifen“, sagte Gates in Washington.
Kuba öffnet Luftraum für amerikanische Hilfstransporte
Das UN-Welternährungsprogramm konnte am Freitag nach eigenen Angaben nur 20 statt der vorgesehenen 86 Tonnen Lebensmittel in den Karibikstaat liefern. Es werde nun versucht, die Güter auf dem Landweg von der benachbarten Dominikanischen Republik ins Katastrophengebiet zu bringen.
Behindert wird die Versorgung nach wie vor durch Engpässe auf dem Flughafen und im Seehafen von Port-au-Prince, die beide beim Erdbeben beschädigt wurden. So mussten auch am Freitag die Landungen auf dem vom amerikanischen Militär kontrollierten Flughafen für mehrere Stunden ausgesetzt werden. Zudem verzögern beschädigte Straßen die Versorgung mit Hilfsgütern.
Auch in Berlin startete am Samstagmorgen ein Flugzeug mit Hilfsgütern für die Erdbebenopfer. Die Maschine soll am Sonntagvormittag in der Krisenregion ankommen, sagte eine Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Das Flugzeug bringt vor allem eine mobile Mini-Klinik des DRK nach Haiti. Dafür wurden 200 Kisten mit Zelten, Betten, Verbandsmaterial und Medikamenten vorbereitet und in die Frachtmaschine geladen. Außerdem transportiert das Flugzeug drei Geländewagen mit Allradantrieb sowie Helfer des DRK nach Haiti, darunter einen Arzt aus Baden-Württemberg.
Mobile Klinik aus Berlin unterwegs in Katastrophengebiet
Die mobile Gesundheitsstation soll in der Krisenregion die medizinische Grundversorgung Tausender Menschen gewährleisten. Die Mini-Klinik kann innerhalb eines Tages aufgebaut werden. In sieben großen Zelten können die Helfer dann pro Tag bis zu 250 Patienten versorgen - Wunden behandeln, operieren, impfen und Kinder zur Welt bringen. Die mobile Gesundheitsstation wird auch nach dem Einsatz des DRK in der Region bleiben und für die medizinische Versorgung zur Verfügung stehen. Nach DRK-Angaben hat der Einsatz einen Geldwert von insgesamt 800.000 Euro.
Erleichtert wurden die Versorgungsflüge hingegen durch die Entscheidung Kubas vom Freitag, seinen Luftraum für amerikanische Hilfstransporte zu öffnen. Zudem traf am selben Tag der amerikanische Flugzeugträger Carl Vinson vor Port-au-Prince ein, von dem aus amerikanische Soldaten per Helikopter Hilfsgüter verteilten.