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Montag, 13. Februar 2012
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Haiti Regierungschef rechnet mit mehr als 100.000 Erdbebentoten

13.01.2010 ·  Nach dem schweren Erdbeben steigt die Zahl der Opfer in Haiti immer weiter. Die haitianische Regierung rechnet mittlerweile mit mehr als 100.000 Toten. Die Bundesregierung stellt eine deutsche Soforthilfe bereit.

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Nach dem vermutlich schwersten Erdbeben auf Haiti seit 200 Jahren rechnet der haitianische Regierungschef Jean-Max Bellerive mit mehr als 100.000 Toten. Allein in der Hauptstadt Port-au-Prince wurden Hunderte Opfer befürchtet. Offizielle Zahlen über das Ausmaß gibt es allerdings noch nicht. Das Rote Kreuz geht sogar von drei Millionen Betroffenen aus, die Hilfe brauchen werden - das wäre rund ein Drittel der Bevölkerung Haitis. Dem Beben der Stärke 7,0 folgten in der Nacht zum Mittwoch mehr als zehn Nachbeben.

Auf Bildern (siehe Bildergalerie unten) sind eingestürzte Häuser und aufgerissene Straßen zu sehen. Das Telefonnetz brach zusammen. In Port-au-Prince wurden unter anderem UN-Gebäude und der Präsidentenpalast beschädigt. Der Botschafter Haitis in den Vereinigten Staaten, Raymond Joseph, sagte: „Ich befürchte, es ist wirklich eine Katastrophe großen Ausmaßes.“ Die Regierung in Washington und weitere Staaten, darunter auch Deutschland, sagten der haitianischen Regierung Unterstützung zu. Die ersten Hilfslieferungen sollen schon im Laufe des Mittwochs in Haiti eintreffen.

Nach Angaben des seismologisch-geologischen Institutes der Vereinigten Staaten lag das Epizentrum etwa 16 Kilometer westlich der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Das Beben habe sich am Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr MEZ) ereignet. Innerhalb weniger Minuten folgten mehrere schwere Nachbeben, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Das Beben war das schwerste, das die amerikanische Erdbebenwarte (USGS) in Golden, Colorado, jemals auf der Insel Hispaniola registriert hat. Für mehrere Karibikstaaten galt zunächst eine Tsunami-Vorwarnstufe, die aber im Verlauf der Nacht wieder zurückgenommen wurde.

„Tausende Menschen wissen nicht wohin

Blutüberströmte Menschen rannten in Panik auf die Straßen. Unter den Trümmern waren Tote zu sehen. Über Port-au-Prince hingen dichte Staubwolken. „Menschen haben geschrien. Es herrscht das totale Chaos“, berichtete ein Zeuge. Anwohner versuchten panisch, mit bloßen Händen Verschüttete aus den Trümmern zu befreien. Eingeschlossene riefen verzweifelt um Hilfe. Ein Mitarbeiter der amerikanischen Hilfsorganisation „Food for the Poor“ sagte, Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen seien unter den Trümmern begraben. „Die ganze Stadt liegt im Dunklen“, sagte Rachmani Domersant, „Tausende Menschen sitzen auf der Straße und wissen nicht wohin.“

Der Koordinator der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti schließt nicht aus, dass es nach dem Erdbeben Tausende Tote geben wird. „Ich gehe davon aus, dass die Zahl erschreckend hoch sein wird“, sagte Michael Kühn. Er habe in Port-au-Prince Tote und viele Verletzte gesehen. Die Vereinten Nationen teilten mit, sie hätten keine Kenntnis über das Schicksal der meisten ihrer Mitarbeiter, nachdem ein fünfstöckiges Gebäude auf dem Gelände ihres Hauptquartiers eingestürzt sei. In dem Haus seien normalerweise bis zu 250 Menschen tätig. Am Abend teilte der haitianische Präsident Préval mit, dass der Chef der UN-Friedensmission Minustah, der Tunesier Hedi Annabi, beim Einsturz des UN-Gebäudes gestorben sei. Annabi war nach dem Beben der Stärke 7,0 am Dienstagnachmittag Ortszeit vermisst worden. UN-Untergeneralsekretär Alain Le Roy wollte am Mittwoch lediglich bestätigen, dass sich der Tunesier im Hauptquartier befunden habe, das während des Erdbebens einstürzte.

Zahlreiche Tote bei Einsturz von Luxushotel

Allein bei dem Einsturz des Luxushotels Montana in Haiti kamen vermutlich hunderte Menschen ums Leben. „Wir gehen davon aus, dass es dort etwa 200 Tote gibt“, sagte der französische Entwicklungsminister Alain Joyandet dem Sender France 2. Nur etwa 100 Menschen hätten das Gebäude rechtzeitig verlassen können. Im Hotel Montana steigen gewöhnlich Vertreter der Vereinten Nationen, Diplomaten und ausländische Politiker ab. Das Hotel Montana liegt in den Hügeln am Rand der Hauptstadt Port au Prince und hat nach Angaben der Hotel-Website 145 Zimmer. Joyandet will nach Informationen französischer Medien am Samstag nach Haiti reisen.

In Haiti, das rund neun Millionen Einwohner hat. sind seit 2004 UN-Friedenstruppen im Einsatz. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern und 1600 Polizisten zusammen. Den Vereinten Nationen zufolge werden zahlreiche UN-Mitarbeiter in Haiti vermisst. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zeigte sich „sehr besorgt“. Bisher gibt es keine offiziellen Angaben über Verletzte oder Tote. Bei dem Erdbeben ist nach Angaben der Vereinten Nationen aber auch das größte Gefängnis der Hauptstadt Port-au-Prince zerstört worden. Offenbar seien mehrere Insassen entkommen, sagte UN-Sprecherin Elisabeth Byrs am Mittwoch in Genf.

Der haitianische Präsident René Préval und seine Frau überstanden das Erdbeben unbeschadet. Dies bestätigte die First Lady, Elisabeth Debrosse Delatour, nach Angaben Josephs in einem Telefonat. Ihren Angaben zufolge seien aber der Präsidentenpalast und das Handelsministerium in Port-au-Prince beschädigt worden. „Wenn diese (stabilen) Gebäude beschädigt sind, können sie sich vorstellen, was mit all den wackligen Behausungen an den Hängen rund um Port-au-Prince passiert ist.“

1,5 Millionen Euro aus Berlin für die Notversorgung

Der haitianische Botschafter in Berlin, Jean Robert Saget, rief die Deutschen zu schneller Hilfe auf. Vor allem medizinische Hilfe, Zelte und Lebensmittel würden gebraucht, sagte Saget: „Jede Hilfe ist willkommen im Moment.“ Bis zum Mittwochmorgen sei es ihm noch nicht gelungen, direkten Kontakt nach Port-au-Prince aufzunehmen. „Ich habe es die ganze Nacht versucht, bin aber noch nicht durchgekommen“, sagte der Botschafter. Wie viele Opfer es gegeben habe, könne er noch nicht sagen. „Es sind ganz bestimmt Tausende“, sagte er. „In der Gegend um Port-au-Prince leben zwei Millionen Leute. Wenn dort das Epizentrum war, dann gibt es sehr viele Betroffene.“

Die Bundesregierung stellte insgesamt 1,5 Millionen Euro für Soforthilfe bereit und berief einen Krisenstab. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bot der Regierung Haitis „jede mögliche Hilfe“ an. Westerwelle sagte: „Ich bin bestürzt von dem sich abzeichnenden Ausmaß der Erdbebenkatastrophe. Unser Mitgefühl und unsere ganze Solidarität gilt den Opfern der Katastrophe und ihren Angehörigen.“ Die EU stellte drei Millionen Euro an Soforthilfe zur Verfügung. Auch hätten verschiedene EU-Staaten schon Hilfszusagen gemeldet, sagten EU-Kommissionssprecher am Mittwoch in Brüssel. Benedikt XVI. mahnte die internationale Gemeinschaft zu tatkräftiger Unterstützung. Zugleich sagte er Hilfe durch kirchliche Einrichtungen zu. In Deutschland gab das bischöfliche Hilfswerk Misereor 30.000 Euro an Soforthilfe. Das katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat stellte der Haitianischen Bischofskonferenz 20.000 Euro zur Verfügung. Caritas internationale und die Deutsche Welthungerhilfe beteiligten sich mit jeweils 100.000 Euro. Auch die Weltbank sagte finanzielle Unterstützung und Hilfe beim Wiederaufbau zu (siehe auch: Nach dem Beben: Hilfe für Haiti läuft an).

Vereinigte Staaten bereiten Hilfe vor

Der amerikanische Präsident Barack Obama sagte Haiti ebenfalls volle Unterstützung zu: „Meine Gedanken und Gebete sind bei denen, die von dem Erdbeben betroffen sind.“ Die amerikanische Regierung beobachte die Situation genau und sei bereit, den Menschen auf Haiti zu helfen. In den Vereinigten Staaten liefen bereits die Vorbereitungen für Hilfslieferungen an. Der Flughafen in Port-au-Prince soll noch funktionsfähig sein. Auch Venezuela kündigte an, Rettungsteams nach Haiti zu entsenden.

Haiti gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung (siehe auch: Hintergrund: Haiti - Land der Katastrophen).

Zuletzt war Haiti am 7. Mai 1842 von einem ähnlich folgenschweren Beben heimgesucht worden. „Es fühlte sich an, als ob ein großer Lastwagen durch die Hauswand gekracht wäre. Dann hat es etwa 35 Sekunden lang gewackelt“, schilderte Frank Williams, Landesdirektor der Hilfsorganisation World Vision Haiti. Menschen seien schreiend auf die Straße gelaufen. „Die Mauern sind überall zusammengestürzt. Ich bin um mein Leben gelaufen. Menschen schrien: Jesus! Jesus! Es war völlig irreal“, erzählte Fotograf Ivanoh Demers dem kanadischen Online-Magazincyberpresse.ca. Er war gerade rechtzeitig aus dem Hotel Villa Créole in Port-au-Prince geflohen. „Ich bin aus meinem Hotelzimmer gelaufen, und die Mauer ist direkt neben mir zusammengebrochen.“

Deutsche Urlauber angeblich nicht betroffen

Die Vereinten Nationen haben nach eigenen Angaben für die Hilfe in Haiti etwa 30 internationale Hilfeteams mobilisiert. Hilfsprojekte liefen unter großen Schwierigkeiten an, berichtete Elizabeth Byrs vom UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA): „Lebensrettende Hilfe für die Verletzten und die Bereitstellung von Unterkünften - das hat jetzt Priorität“, sagte die OCHA-Sprecherin. Die ICRC sei ebenfalls bereits in der betroffenen Region aktiv. Zur Zeit des Bebens seien die Kinder noch im Unterricht gewesen, viele Schulen seien eingestürzt, berichtete die Büro-Leiterin der Hilfsorganisation Care in Haiti, Sophie Perez. Die ganze Stadt sei betroffen. Überall seien Helikopter zu hören. Nun gelte es, Menschen aus den Trümmern zu befreien und mit Nahrung und Wasser zu versorgen.

Die UN hat derzeit etwa 7000 Soldaten und 2000 Polizisten vor allem aus südamerikanischen Ländern in Haiti im Einsatz. Zu den Toten gehören zehn Blauhelme aus Brasilien, drei aus Jordanien und einer aus Haiti. 56 Mitarbeiter wurden verletzt, aber lebend aus den Trümmern geborgen, hieß es. Weitere 150 Mitarbeiter der Vereinten Nationen werden noch
vermisst. Deutschland ist nicht an der Friedensmission beteiligt. Bundesaußenminister Guido Westerwelle(FDP) hielt dennoch auch deutsche Opfer für möglich: „Wir hoffen es nicht, ich kann es leider auch nicht ausschließen.“ Deutsche Urlauber sind dem Deutschen Reiseverband zufolge nicht betroffen. Auf Hilfe der eigenen Behörden können die Menschen nach Angaben einer Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nicht hoffen. „Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben“, sagte Svenja Koch.

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