Home
http://www.faz.net/-gup-11bxu
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Erdbebenkatastrophe in China Die vergessenen Opfer von Beichuan

15.12.2008 ·  Beichuan, das war eine Idylle - bis im Mai ein schweres Erdbeben die chinesische Stadt zerstörte. Gut ein halbes Jahr später sind immer noch Millionen Menschen obdachlos, ein Wiederaufbau ist unmöglich. Beichuan wird eine Geisterstadt bleiben.

Von Frank Hollmann
Artikel Bilder (6) Video Lesermeinungen (0)

Der Geruch von Räucherstäbchen steigt in die Nase. Aus einem kleinen Kassettenrecorder scheppert monoton buddhistische Tempelmusik. Wind treibt angesengte Papierfetzen empor, Boten der Trauer. Gleichmäßig und ruhig legt ein junges Paar Schein auf Schein bunten Papiergeldes in die Glut. Ab und zu blicken die beiden auf und über den stacheldrahtgedeckten Maschendrahtzaun hinab in das Tal, das noch vor gut einem halben Jahr ihre Heimat war. Beichuan, das war eine Idylle. Gebaut an den Ufern des Jianjiang, dort, wo der Fluss sich malerisch um einen kleinen Hügel windet, umgeben von grünen Bergen mit fruchtbaren Böden.

Am 12. Mai brachten diese Hänge den Tod. Losgebrochen vom schwersten Beben in China seit drei Jahrzehnten donnerten Schlamm, Geröll und tonnenschwere Felsen ins Tal, Wohnblocks knickten wie Kartenhäuser und begruben Tausende unter sich. Ein halbes Jahr später schicken ihnen die Überlebenden von einer Anhöhe symbolisch Geld hinterher, für sorgenfreie Seelen im Jenseits. Näher können sie nicht heran, der grüne Zaun und Polizeiwachen versperren den Weg in die zertrümmerte Geisterstadt. Einsturzgefahr.

Gebete und Trauergeld

Auch Wang Bihua starrt über den Zaun, die Hände tief in den Taschen ihres grünen Daunenmantels. Der kühle Wind hat ihre Wangen gerötet. Vier Brüder und Tanten hat die Zweiundfünfzigjährige bei dem Beben verloren. Seitdem war sie viermal hier, hat gebetet und Trauergeld verbrannt. Wenn das Fernsehen über das Erdbeben in Sichuan berichtet, schalte sie um, erzählt Wang Bihua. Sie könne die Bilder einfach nicht mehr ertragen. Ihre Augen schimmern feucht.

Mehr als 70.000 Leichname wurden nach der Katastrophe geborgen, nur jeder vierte konnte inzwischen identifiziert werden. Weitere 18.000 Vermisste zählen die Behörden inzwischen auch offiziell zu den Toten. Rund 374.000 Menschen wurden verletzt, Millionen obdachlos. Eine Statistik des Grauens.

Übernachtung für einen Euro

Allein in Beichuans Mittelschule Nummer 1 kamen mehr als 1500 Kinder ums Leben, als das fünfstöckige Gebäude unter den Schockwellen in sich zusammenstürzte. Die Schule liegt etwas oberhalb des Ortskerns, außerhalb der Sperrzone, aber auch sie ist abgeriegelt. Am Gitter lehnen frische Blumensträuße, in den Maschen hängt ein Kranz. Ein paar Schritte entfernt verkaufen Frauen Erinnerungen, Fotos von Beichuan vor und nach dem Beben. Am Straßenrand steht eine Gruppe von Zelten, Arbeitsplatz von Chen Yingzhen. Vor dem Erdbeben hatte sie eine Pension, nun führt sie ein Zelthotel, die Übernachtung für einen Euro.

Sichuan lockt Katastrophentouristen aus ganz China an, Männer wie Herrn Wang. Drei Tage war seine Familie mit dem Auto unterwegs gewesen. Als plötzlich eine Kolonne schwarzer Limousinen die Bergstraße hinaufbraust, wittert Herr Wang seine Chance. Mit seinem verbeulten Passat jagt er hinterher. Er ist schon fast am Kontrollposten vorbei, da erst stoppt ein Polizist die Ausflugsfahrt. Herr Wang ist sauer. Tausende von Kilometern gefahren, und nun darf er nicht hinein.

In die Trauer mischt sich Wut

Als ob außerhalb der Sperrzone nicht genug zu sehen ist. Und zu hören. Vor der Mittelschule stehen vier Frauen zusammen, nur eine hat nicht ihr Kind verloren. Erst nach drei Tagen fand sie ihren Sohn im Krankenhaus. Lehrer, Mitschüler und Arbeiter einer Zementfabrik hatten den Siebzehnjährigen aus den Trümmern gegraben. Ein Einzelfall. Von seinen 68 Klassenkameraden seien 51 ums Leben gekommen, erzählt seine Mutter und nimmt ihre Nachbarin in den Arm. Trauer mischt sich mit Wut.

Eine der Frauen deutet mit dem Finger auf eines der wenigen intakten Gebäude. Das habe man in den fünfziger Jahren gebaut, ordentliche Qualität. Die Mittelschule Nummer 1 dagegen sei ein Bau von 1993 gewesen, errichtet in Rekordtempo wie fast alles seit Beginn des chinesischen Turboaufschwungs. Die beiden Gebäude liegen nur zwei Meter voneinander entfernt. Dass nur die Schule einstürzte, sei ein Zufall gewesen, behauptet die Baubehörde. Hier sei das Erdbeben besonders stark gewesen. So viel Dreistigkeit erzürnt die Mütter: „Das akzeptieren wir nicht. Wir wollen wissen, warum die Schule so gebaut wurde. Wir wollen Gerechtigkeit für unsere toten Kinder.“ Mehr als 5000 Schulen sind in Sichuan im Mai eingestürzt.

Wiederaufbau an anderer Stelle

Dreihundert Höhenmeter über Beichuan liegen einige Bauernhäuser verstreut zwischen Reisfeldern, Obstbäumen und Gattern mit Ziegen und Schweinen. Bauer Yang und seine Nachbarn schuften gemeinsam und türmen Steine zu einer Mauer auf, Befestigung für ein neues Feld. Natürlich hätten sie Angst gehabt, vor allem um die Kinder, sagt er und drückt seine kleine Tochter an sich. Doch ihre Häuser haben standgehalten, nur im Wohnraum durchzieht ein feiner Riss die Wand.

Beichuan wird eine Geisterstadt bleiben. Wiederaufbau unmöglich, haben die Behörden entschieden. Die Stadt wird andernorts neu entstehen. Am Rande der Berge, eine gute Autostunde entfernt, ebnen Planierraupen schon den Grund für das neue Beichuan, rote Banner preisen den Neubeginn. „Aus der Katastrophe lernen“ steht da beispielsweise oder „Den Helden von Beichuan“. In drei Jahren soll der Wiederaufbau geschafft sein.

Millionen in Notquartieren

So lange müssen Millionen in Notquartieren leben, auch in Dujiangyan. In einem Gewerbegebiet reiht sich Holzhaus an Holzhaus, mehr als 20.000 leben in dieser provisorischen Siedlung, für chinesische Durchschnittsverhältnisse nicht mal schlecht. Satellitenschüsseln auf den Dächern, nagelneues Spielzeug im Kindergarten, zwischen den Häusern baumeln pralle Würste an langen Leinen. Der Markt am Eingang und die zahlreichen kleinen Läden sind gut gefüllt, ihre Waren billiger als üblich. Die Volksrepublik erlässt den Erdbebenopfern die Mehrwertsteuer. Man lebe hier gut, sagen die meisten Siedlungsbewohner. Rund 25 Quadratmeter groß ist jedes Holzhaus, viele Familien hatten zuvor weniger Wohnraum. Sorge macht ihnen nur die Suche nach Arbeit.

Fan Changqing dagegen bangt um ihr nacktes Leben und das ihres acht Monate alten Sohnes. Die junge Frau gehört zu denen, für die bislang kein Notquartier errichtet wurde. Das mag eine Minderheit sein, aber auch Minderheiten sind bei geschätzt fünf Millionen obdachlosen Erdbebenopfern Menschenmassen. Fan Changqing haust in einem winzigen Verschlag aus Brettern, Wellblech, Pappe und Plastik, zusammengeschustert auf dem Standstreifen der viel befahrenen Straße nach Beichuan. Anders als die Bauern hat sie kein Stück Land, auf dem sie ihr Elendsquartier hätte bauen können. Ihr blieb nur die Straße. Im Winter fallen die Temperaturen nachts auf minus zehn Grad und darunter. Was, wenn auf der vereisten Straße ein Lastwagen ins Rutschen gerät?

Hoffnung am Straßenrand

Auch Li Jieming lebt an der Straße, doch wenigstens konnte er aus einer Ruine eine Tür, ein Fenster und sogar Holz für einen Fußboden retten. Hier werden er und seine Familie nicht nur den nächsten Winter überstehen müssen, glaubt der Vierzigjährige. Zwar seien inzwischen viele Bautrupps aufmarschiert, doch die arbeiteten viel zu langsam. Und für die 2000 Yuan, nicht mal 200 Euro, die ihm die Regierung gab, könne er sich auch kein neues Haus bauen. Aufgeben will Li Jieming trotzdem nicht. Trotzig zeigt er auf das selbstgemalte Schild an seiner Bretterbude. Da steht: „Baut wieder Vertrauen auf, baut unsere Heimat auf. Wir schaffen uns ein glückliches Leben.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen