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Samstag, 11. Februar 2012
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Erdbeben in Chile Die Zahl der Opfer steigt immer noch

01.03.2010 ·  Nach dem schweren Erdbeben in Chile hat die Regierung die Zahl der registrierten Todesopfer inzwischen mit 711 angegeben. Der Ausnahmezustand wurde verhängt. In Concepción und anderen Städten kam es zu schweren Plünderungen.

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Nach dem schweren Erdbeben in Chile hat die Regierung die Zahl der registrierten Todesopfer inzwischen mit 711 angegeben. Es werde weiter nach einer unbekannten Zahl von Vermissten gesucht, sagte Carmen Fernández vom Zentrum für Katastrophenschutz. Präsidentin Michelle Bachelet verhängte den Ausnahmezustand über die Regionen Biobío und Maule mit der Großstadt Concepción und ordnete die Verteilung von Medikamenten, Lebensmitteln und Decken an. Wir stehen vor einer Katastrophe von so großem Ausmaß, dass es einer gigantischen Anstrengung aller Teile der Gesellschaft bedarf, sie zu überwinden“, sagte die Staatschefin.

In Concepción und anderen Städten kam es zu schweren Plünderungen. Daher wurde eine nächtliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens verhängt. Der Ausnahmezustand gelte zunächst für 30 Tage, kündigte Bachelet an. Die Zahl der Vermissten nehme ständig zu und die Totenzahl werde weiter steigen. Von dem Erdbeben seien etwa zwei Millionen Menschen betroffen, so Bachelet.

Die chilenische Luftwaffe habe 10.000 Mann entsandt, sagte Verteidigungsminister Francisco Vidal. Er räumte ein, dass es ein Fehler gewesen sei, nach dem Beben nicht die Gefahr eines Tsunamis in Betracht gezogen zu haben. Aus Orten entlang der Pazifikküste wurden große Schäden gemeldet. Das lokale Fernsehen zeigte Bilder von zerstörten Häusern und an Land gespülten Booten. Eine Flutwelle brachte viele Schiffe zum Kentern. Ein Schiff und unzählige Container wurden in die Hafenstadt Talcahuano geschleudert.

Nach dem Hauptbeben am Samstagmorgen kam es immer wieder zu starken Nachbeben. In Concepción vermuten die Behörden noch viele Verschüttete unter den Trümmern eingestürzter Häuser, darunter 60 Menschen in einem 14-stöckigen Hochhaus. Viele Menschen verbringen aus Angst vor weiteren Nachbeben die Nächte im Freien.

Die von der Katastrophe betroffenen Regionen waren stundenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Strom- und Wasserversorgung sind vielerorts noch immer unterbrochen. Auf zahlreichen Landstraßen ist die Asphaltdecke aufgerissen, zahlreiche Brücken sind unpassierbar oder eingestürzt.

Erstmals bat Bachelet auch das Ausland um Hilfe. Chile benötige Unterstützung für Krankenhäuser, Behelfsbrücken, Kommunikationseinrichtungen, Rettungsexperten, Statiker und Wasserentsalzungsanlagen. „Die UN, insbesondere der Nothilfekoordinator, stehen bereit“, sagte Generalsekretär Ban Ki-moon in New York. Der gewählte Präsident Sebastián Piñera, der sein Amt am 11. März übernimmt, kündigte einen nationalen Plan „Wiederaufbau Chile“ an.

Auf dem erheblich beschädigten internationalen Flughafen von Santiago landete am Sonntag erstmals wieder eine Passagiermaschine. Die EU-Kommission gibt drei Millionen Euro als Soforthilfe. Erste Hilfsmannschaften aus Deutschland machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. Über deutsche Opfer lagen dem Auswärtigen Amt in Berlin keine Informationen vor.

Die befürchteten Riesenwellen blieben aus

Für nahezu die gesamte Pazifik-Region war nach dem mächtigen Beben Tsunami-Alarm gegeben worden, die Wassermassen trafen jedoch vor allem die chilenische Küste und richteten zusätzliche große Zerstörungen an. In Hawaii, Japan und Russland blieben die befürchteten Riesenwellen aus.

Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben. Damit war das Beben nach Einschätzung von Experten bis zu hundertmal heftiger als die Erdstöße der Stärke 7,0, die am 12. Januar Haiti erschüttert hatten. Das heftigste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Stärke von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in Chile. Damals starben 1655 Menschen.

Verzweiflung und Chaos

Das Ausmaß der Katastrophe werde frühestens in drei Tagen feststehen, sagte die Leiterin des Zentrums für Katastrophenschutz, Carmen Fernández. Die Lage war von zunehmender Verzweiflung und Chaos geprägt. Die stark beschädigte Infrastruktur erschwerte Hilfsmaßnahmen. Bachelet kündigte an, dass die Verteilung von Grundnahrungsmitteln unmittelbar bevorstehe.

Vor allem in Maule und Bío Bío galten zahlreiche Menschen noch als vermisst. Die genaue Zahl der Obdachlosen war zunächst unbekannt. Bachelet hatte am Vortag von 1,5 Millionen zerstörten oder beschädigten Wohnungen gesprochen. Die Politikerin versuchte, ihren geplagten Landsleuten Mut zu machen: „Wie bei früheren Katastrophen werden wir auch diese Probe bestehen“, sagte sie im Fernsehen.

Hunderte plündern Supermärkte

In der besonders betroffenen Stadt Concepción lieferten sich die Rettungsmannschaften einen Wettlauf mit der Zeit. Dort war bei dem Beben ein Wohnhaus mit 14 Stockwerken in zwei Teile zerbrochen. Bisher seien etwa 50 Menschen lebend aus den Trümmern befreit worden. Es sollen aber immer noch viele Menschen verschüttet sein. Das Epizentrum des Bebens lag nach Angaben der Erdbebenwarte etwa 92 Kilometer nordwestlich von Concepción.

Fernández versicherte, es werde alles unternommen, um die Lage der Menschen zu erleichtern. Vielerorts gab es weder Wasser noch Gas oder Strom. Die Telefonverbindungen über das Festnetz und über Handy waren entweder unterbrochen oder stark überlastet.

Die Sicherheitskräfte waren zunächst völlig überfordert. In Concepción plünderten hunderte Menschen Supermärkte und Apotheken. „Wir haben keine Milch, nichts für die Kinder“, jammerte eine weinende Frau, während sie vor der aufgebrochenen Laderampe eines Supermarktes ein Zehnerpaket H-Milch umklammerte. Die erst spät eintreffenden Sicherheitskräfte bekamen die Lage nicht in den Griff. „Die Situation war von Anfang an völlig chaotisch. Wir tun, was wir können“, sagte der Polizist Jorge Córdova.

Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt

Während die befürchteten Riesenwellen über den Pazifik ausblieben, verschlimmerten die Wassermassen in Chile das Elend noch weiter. „Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals“, sagte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano wurden selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt, im Hafen lagen riesige Seecontainer wie Streichholzschachteln durcheinander.

„Das Wasser hat alles, aber auch alles fortgerissen“, sagte ein Überlebender aus dem kleinen Küstenort Boyecura. Die Marine räumte inzwischen ein, dass ihr ein schwerer Fehler unterlaufen sei, weil sie zunächst eine Flutwelle ausgeschlossen hatte. Die meisten Menschen in den Küstenorten hatten sich dennoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Auf der chilenischen Insel Robinson Crusoe, rund 670 Kilometer westlich von Südamerika, wurden fast alle Gebäude zerstört. Dort starben mindestens fünf Menschen in den Wassermassen, elf wurden noch vermisst.

Nach dem Beben wurden mehr als 70 Nachbeben mit einer Stärke von mindestens 4,9 registriert, berichtete die amerikanische Geologiebehörde USGS. Auch der Norden Pakistans wurde am Sonntag von einem Erdbeben der Stärke 6,2 erschüttert. In Argentinien hatte die Erde ebenfalls gebebt, die südjapanische Inselprovinz Okinawa war am frühen Samstag von einem Erdbeben der Stärke 6,9 heimgesucht worden - es verlief jedoch glimpflich.

Chile war zuletzt am 3. März 1985 von einem ähnlich schweren Beben erschüttert worden. Damals kamen 177 Menschen ums Leben, über 2500 wurden verletzt.

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