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Montag, 13. Februar 2012
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Auf Patrouille in Haiti Stete Gefahr im Dorf Gottes

27.01.2010 ·  Nach dem Erdbeben sind etwa 4000 Häftlinge aus dem zerstörten Gefängnis entkommen, jeden zweiten Tag gibt es Schießereien. Jochen Stahnke war mit der Polizei unterwegs in den Armenvierteln von Port-au-Prince.

Von Jochen Stahnke, Port-au-Prince
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Im Village de Dieu, dem Dorf Gottes, mit seinen oft kaum drei Meter breiten Gassen und den erdbebenschiefen Häuschen ist die Zerstörung nicht besonders groß. Viel war nämlich auch vor dem Erdbeben nicht da, das kaputtgehen konnte. Die Holzverschläge jedenfalls sind rasch wieder zurechtgerückt worden. Unzählige Menschen bevölkern die Straße, sie weichen dem Pickup der haitianischen Polizei kaum aus. Grimmige Blicke treffen den Fahrer, aber dann und wann auch Lächeln. Inspektor Phèdre sagt beruhigend: „Wenn wir mit drei oder mehr Wagen angerast kommen, ist niemand mehr auf den Straßen.“

Inspektor Delva Phèdre Junior, sein Beifahrer und fünf mit Gewehren bewaffnete Männer auf der Ladefläche beginnen ihre Patrouille durch die zerstörte Innenstadt von Port-au-Prince. Die Polizisten haben Pump-Guns dabei – Waffen, die nicht sehr präzise sind. Wenn aus ihnen geschossen wird, werden Ziele in einem Winkel von nahezu dreißig Grad getroffen. Das kann in dichtbesiedelten Wohn- und Marktgebieten katastrophal enden. Die Innenstadt-Polizei patrouilliert fast ausschließlich in solchen Gegenden – und sie zögert selten, von der Waffe Gebrauch zu machen.

In Stadtvierteln wie dem Village de Dieu oder der Cité Soleil, die einmal den Ruf hatten, eine Art karibisches Mogadischu zu sein, sind die Wege so kurz, dass Phèdre seine Männer auch gut zu Fuß patrouillieren lassen könnte. Port-au-Prince ist eine auf wenige hunderttausend Menschen angelegte Stadt, in der vor dem Erdbeben allerdings beinahe drei Millionen Menschen lebten – vor allem in den Armensiedlungen.

Phèdres Toyota-Geländewagen ist nicht gepanzert, und das Funkgerät scheint auch nicht immer zu funktionieren. Den Kontakt mit der Zentrale und mit anderen Fahrzeugen hält er über das Handy. „Wenn wir die Ausrüstung der Minustah hätten, dann bräuchten wir sie hier nicht mehr“, sagt Phèdre über die UN-Stabilisierungsmission für Haiti. Seine Uniform ist tadellos gebügelt, und er schafft es, dass seine schwarzen Schuhe auch nach einem Tag in dem von Schutt und Geröll starrenden Stadtkern blitzblank aussehen.

„Die UN-Soldaten lassen uns die Arbeit machen“

Zwei gepanzerte Geländewagen des amerikanischen Militärs biegen um die Ecke. Hinter dem Steuer des ersten Fahrzeuges sitzt ein blutjunger Soldat. Er grüßt die haitianischen Polizisten auffallend deutlich mit der offenen Hand und fährt weiter. Phèdre hält viel von den Amerikanern: „Wenn die irgendwo ein Problem sehen, dann gehen sie direkt dorthin.“ Mit der UN-Stabilisierungsmission für Haiti (Minustah) hingegen sei das anders, die Blauhelme verließen eigentlich nie ihre Autos, „und wenn, dann stehen sie nur am Rand herum und lassen uns die Arbeit machen“.

Und trotzdem: Bei aller Kritik hat die mehr als 9000 Mann starke UN-Truppe zusammen mit der haitianischen Polizei die für ihre Gangs berüchtigte Cité Soleil Anfang 2007 weitgehend von den kriminellen Banden befreit. In den Vierteln Bel Air und Martissant, aus denen es seit Tagen immer wieder Meldungen von Plünderungen und Zusammenstößen gibt, dagegen sieht es schlechter aus. Die kleine Polizeistation in Martissant, die Phèdre auf nahezu jeder seiner Patrouillen anfährt, hat wie das gesamte Viertel weder Strom noch genügend Ausrüstung. Es gibt keinen Stromgenerator, und viele der dort stationierten Polizisten haben nicht einmal eine Waffe – das sei so, sagt einer von ihnen, seit vor zwei Jahren Kriminelle die Wache überfallen haben, um Waffen zu erbeuten. Des Abschreckungseffekts wegen nehmen die Polizisten manchmal funktionsuntüchtige AK-47-Sturmgewehre mit auf die Straße.

Manchmal verbreitet auch die Polizei Schrecken

Aber manchmal ist es so, dass die Polizei nicht Kriminelle abschreckt, sondern Schrecken verbreitet. Am Montag erschossen Polizisten mindestens zwei Menschen vor einem eingestürzten Warenhaus, einen Tag zuvor zeigte der Nachrichtensender CNN, wie ein Junge erschossen worden war, der einen Sack mit Reis trug. Man sei eben eher spärlich besetzt, sagte ein Polizist, da müsse man nun einmal hart auftreten. In den vergangenen Tagen fuhren Polizisten durch die Innenstadt und riefen die Bevölkerung auf, Plünderer zu lynchen. Der Ruf von Haitis Polizei hat sich zwar in den vergangenen Jahren verbessert, aber das kann sich durch ein solches Verhalten rasch wieder ändern.

Im Jahr 1995 schaffte Präsident Jean-Bertrand Aristide, dem Amerika ein Jahr zuvor zurück ins Amt verholfen hatte, das Militär ab, das ihn 1991 gestürzt hatte. Die Auflösung der Streitkräfte bedeutete auch eine Neuordnung der Polizei, die bis dahin ein Teil des Militärs war, das sich gegen Zusicherung einer Amnestie wiederum zunächst ruhig verhielt. Ersetzt wurde die alte Garde durch neue Polizeikräfte, die vor allem von den Vereinigten Staaten und Kanada ausgebildet worden waren. Der Polizeichef des Innenstadtdistrikts, Michel-Ange Gédéon, etwa wurde an der FBI-Akademie in Washington ausgebildet. Auch Phèdre trat 1995 seinen Dienst an. Die Gehälter der Polizisten wurden damals um mehr als ein Drittel angehoben, auch um der Korruption Herr zu werden. Sie sind trotzdem bescheiden: 4000 Gourdes bekommt Inspektor Phèdre im Monat, das sind etwa 70 Euro. Die Polizisten hinten auf der Ladefläche erhalten kaum mehr als die Hälfte davon. Derzeit sind insgesamt etwa 9000 Polizisten im Einsatz, bis 2011 sollen es 14 000 sein.

Das teilweise eingestürzte Hauptkommissariat der Polizei von Port-au-Prince liegt in der Nähe des beim Erdbeben zerstörten Präsidentenpalasts und hinter einem Flüchtlingslager. Etwa dreißig Polizisten halten sich auf der Straße vor der Ruine auf, viele sitzen dort auf Plastikstühlen und warten auf ihren Einsatz. Insgesamt 115 Polizisten teilen sich hier acht Autos. Bei dem Erdbeben sollen vier Polizisten ums Leben gekommen sein, weit weniger, als zunächst berichtet. Haitis Polizei zeigt wieder Präsenz – in der Innenstadt patrouillieren die Polizisten wieder rund um die Uhr. Insgesamt befehligt Michel-Ange Gédéon 662 Polizisten. Jeden zweiten Abend gebe es Schießereien mit Gangs, sagt er, die Gefahr sei ständig zu spüren. Das Zentralgefängnis ist seit dem Beben ein Trümmerhaufen, mutmaßlich 4000 Gefangene sind geflohen. Im Kommissariat der Innenstadt halten sie derzeit zwölf Häftlinge gefangen. Es seien Plünderer und Männer, bei denen illegale Waffen gefunden wurden, sagt ein Polizist. Viel mehr Platz ist in den Zellen der Polizeistation auch nicht.

In der Innenstadt, am alten Markt, schlagen auf einmal Flammen aus einem Reifenlager. Zunächst will Phèdre weiterfahren, obwohl die Flammen schon aus den Fenstern schlagen. Dann ruft er doch noch die Feuerwehr über sein Handy an. Es geht schnell, die Feuerwehr ist in Haiti Teil der Polizei. Beißend scharfer und dunkelschwarzer Rauch steht über der Innenstadt. Wenige Minuten später beginnt ein amerikanischer Hubschrauber mit grellem Suchscheinwerfer über dem Brand zu kreisen. Dem Reifenlager ist eine kleine Bank vorgelagert. „Manchmal zünden Plünderer Gebäude an, in die sie nicht einbrechen konnten“, sagt Phèdre. So ein Feuer könne dann Häuser zum Einsturz bringen und neue Einstiegsmöglichkeiten freilegen.

Die Feuerwehrleute haben kaum Atemschutzmasken, schon gar keine Schutzkleidung. Die meisten von ihnen klettern in T-Shirts in die Ruinen, direkt an das Feuer heran. Eine Leiter haben sie nicht, der Schlauch leckt. Die Scheinwerfer eines Privatautos müssen als Lichtquelle in der Dämmerung herhalten. Schließlich kommen nepalische UN-Polizisten an den Einsatzort. Sie stellen sich ruhig im Hintergrund auf, einer schießt ein Foto mit seinem Mobiltelefon. Es gelingt der Feuerwehr nicht, den Brand zu löschen. Die Polizisten wollen trotzdem weiterfahren, nachdem sie den nepalischen Blauhelmen bedeutet haben, den Ort zu sichern. Das UN-Fahrzeug blockiert Phèdres Wagen. „Hau ab mit deinem Auto“, wird der Nepaler angeschnauzt. Der eilt beflissen zum Auto.

Phèdre und seine Leute fahren weiter in das euphemistisch „Bel Air“ genannte Viertel im Norden der Innenstadt, eines der ärmsten überhaupt. Es ist stockfinster, doch die Straßen scheinen sich zu bewegen. Dann kommt das Polizeifahrzeug näher: Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen liegen auf dem Asphalt der Hauptstraße, auf dünnen Decken, Matratzen, zurechtgerissenen Pappkartons. Auch jene, die noch eine feste Unterkunft haben, trauten sich wegen der vielen Nachbeben nicht, zu Hause zu schlafen, sagt Phèdre. „Und die Hauptstraße haben sie sich ausgesucht, weil wir hier patrouillieren.“

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