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Kassettentausch Nimm mein Mixtape, Fremder!

12.07.2008 ·  Aufs Band gespannt: In Leipzig kann man in einem Geschäft selbstgemachte Mix-Kassetten anhören und tauschen. In 90 Minuten erfährt man so mehr über die Besitzer als in langen Gesprächen.

Von Friederike Haupt
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Wer Jacob Schneikart kennenlernen will, braucht dafür genau 90 Minuten. Und ein Mixtape, das er gemacht hat. Denn kaum etwas verrät mehr über den Charakter eines Menschen als eine Musikkassette mit seinen liebsten Liebes-, Tanz- und Heulliedern. Wer aber bloß wissen will, warum Jacob Schneikart eine Menge junger und junggebliebener Herzen höherschlagen lässt, braucht ihn dafür nur in seinem Laden in Leipzig-Lindenau zu besuchen.

Der Laden heißt „Die Kassette“, und seine Besucher tauschen selbstgemachte Musikkassetten. Wer eine mitbringt, darf sich dafür eine fremde nehmen. 150 dieser Mixtapes stehen seit der Eröffnung Ende Mai auf schmalen Holzbrettchen, die an den weißgetünchten Wänden befestigt sind. In der Mitte des Raumes steht in einer riesigen Vitrine, von einer roten Glühbirne angestrahlt: „Das Tape des Monats“. Jacob Schneikart hat einen Treffpunkt geschaffen für Menschen, die gute Musik nicht reflexartig auf CD brennen oder gleich im körperlosen MP3-Format von Ordner zu Ordner schieben. Wer davon ausgeht, dass sie auch Polaroidfilme belichten, Schallplatten sammeln und sich kleiden, als wäre die Mondlandung noch Zukunft, liegt damit bei vielen nicht völlig falsch.

Geld bringt der Laden nicht

Jacob Schneikart, 21 Jahre alt, Locken, hippe Nerd-Brille, sitzt im zweiten Raum seiner „Kassette“, wo Inhaber und Gäste auf alten grünen Plüschsofas Kaffee trinken. Liebevoll haben er und drei Freunde das Zimmer eingerichtet: Die Tapete besteht aus unzähligen DIN-A-4-Blättern, die mit kleinen Kassetten bedruckt sind, die Möbel haben sie von Flohmärkten und aus leerstehenden Häusern, einen Fernseher und zwei Kassettenrekorder gibt es auch, in den Ecken leuchten bunte Lampen, und durch die Glasfront hat man die Straße im Blick.

Leipzig-Lindenau, wo auf jeden Studenten etwa zwei Alkoholiker kommen, wo um die Ecke der Fünf-Euro-Friseur und ein Erotik-Discount ihre Kundschaft finden, und wo trotzdem immer mehr kleine Läden und Galerien eröffnen. Jacob Schneikart dreht sich eine Zigarette und schaut raus: „Was mitgestalten ist doch gut!“ Er und seine drei Freunde sind zum Studieren nach Leipzig gekommen - aus Ulm. „Länger als 20 Jahre hält man's da nicht aus“, sagen sie. Zu saturiert, zu kantenlos - als Stadt eher CD als Kassette.

Geld bringt ihr Laden nicht. Die Einnahmen reichen gerade für die Miete. Tauschen kostet eben nichts, und wer etwas trinkt, zahlt, was er gerade übrig hat - feste Preise gibt es nicht. Sein Geld verdient Jacob Schneikart als Parkwächter und mit Auftritten seiner Band „Nufa“. Die „Kassette“ ist ein Liebhaberprojekt, und Liebhaber zieht es auch an. Einen Kunden etwa gibt es, der sich jede Woche ein Tape ertauscht, es im Auto durchhört, beim nächsten Mal zurückbringt und sich ein neues mitnimmt, erzählt Jacob Schneikart. Würde er auch so machen, wenn er ein Auto hätte. So aber hat er sich für unterwegs wenigstens einen Walkman zugelegt. „Die sind jetzt günstig, nur 20 Euro.“

Wer mag, kann in die Kassetten reinhören

Wer eine Kassette tauscht, tauscht auch eine Geschichte. Warum wohl hat „die liebe Santina“ - so steht es auf dem Cover - ihr Tape weggeben? Wer hat zu den „Alten Schlagern“ getanzt, die auf der „Magnetbandkassette Low Noise“ aus dem VEB Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“ in Premitz gesammelt sind?

Wer nennt seine Kassette „Herpes 06“, und warum finden sich auf einem Tape mit dem Untertitel „Musik für den nächsten C&A-Werbespot“ Bands wie The Velvet Underground und The Kinks? Wer mag, kann vor dem Tausch in die Kassetten reinhören. Andere lassen sich lieber überraschen. Auch wer ein Mixtape von Jacob Schneikart mitnimmt, dürfte überrascht werden. Er kombiniert nämlich die alte Aufnahmetechnik mit der Möglichkeit, neue Musik im Internet kennenzulernen. „Ich mach' dann zehn Myspace-Seiten von Bands auf, halte ein Mikro dran und spiel' das auf Kassette.“

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