22.02.2011 · Prinzessin Füsun lebt im Bonner Vorgebirge. Dort in Roisdorf herrscht die türkische Rheinländerin noch bis zum Aschermittwoch. Ihr Kleid hat sie selbst genäht - der Umhang zeigt Halbmond und Stern.
Von Johannes Schmitz, RoisdorfDie Prinzessin empfängt in ihrer Maisonette-Wohnung. Sie trägt Jeans und eine schwarze Bluse mit verspieltem Rüschendekolleté. Die dunklen Haare sind hochgesteckt, die Brille ruht auf dem Kopf. Durchs Fenster sind die Ausläufer von Roisdorf zu sehen, 6000 Einwohner, Rhein-Sieg-Kreis. Gleich hinter dem Haus verläuft die Durchgangsstraße. Die Lastwagen seien schon laut, sagt sie. Doch demnächst wird eine Umgehungsstraße gebaut, und die Fenster dämmen gut.
Hier, im tiefsten Bonner Vorgebirge, leben Füsun Mack und ihre Untertanen, also jene Roisdorfer, die sich als „jeck“ bezeichnen lassen und die Regentschaft der karnevalistischen Tollität anerkennen. Rheinisches Brauchtum eben, wie es rund um Köln in Hunderten Orten anzutreffen ist.
So richtig kann die Vierundvierzigjährige daher auch nicht verstehen, was gerade sie von anderen närrischen Regenten abhebt. Das Fernsehen war da und hat bei ihr gefilmt, sechs Stunden lang. Die Artikel aus den Lokalzeitungen liegen ausgeschnitten griffbereit. „Wenn ich 80 bin und am Strand sitze, dann lese ich die und denke: So jung warst du mal.“
Lokalpolitiker nennen sie die „Integration in Perfektion“
Der Strand in dieser Vorblende liegt am türkischen Mittelmeer. Bürgerin dieses Staates ist Füsun Mack bis heute. Und doch fühlt sie sich auch als Deutsche, als Rheinländerin. So hatte sie keinerlei Bedenken wegen ihrer Herkunft, als sie gefragt wurde, ob sie Karnevalsprinzessin werden wolle. Ihr Vorbehalt war viel praktischer: „Ich selbst könnte mir das nicht leisten.“ Ein Kleid, Hunderte Orden, ein Wagen, das Wurfmaterial für den Umzug und viele weitere Ausgaben sah die allein erziehende Mutter zweier Töchter auf sich zukommen. Doch Spenden und Sponsoren haben die Zweifel zerstreut.
Und jetzt gilt sie als Beispiel für „Integration in Perfektion“, wie ein Lokalpolitiker sagte. Dabei fragt sich, ob Füsun Mack integriert sei, gar nicht, wenn man sie erlebt. Ihr Deutsch lässt weniger türkische Wurzeln als die rheinländische Schwäche erkennen, sich vom postalveolarem Zisch-Laut narren zu lassen. Dass sie jemals wie eine Einheimische würde reden können, war in ihren ersten Jahren in Deutschland nicht vorgezeichnet.
Sie erzählt, wie ihre Grundschullehrerin in der Kreisstadt Siegburg sie an den Zöpfen zog und vor der Klasse verspottete, weil sie etwas falsch verstanden hatte und daher zu spät zur Schule gekommen war. Doch sie lernte es. „Mein Deutsch verdanke ich der Mutter meiner Freundin Doris.“
Ein Kopftuch hat sie nie getragen
Ihre Mitschülerin sei auch eine Außenseiterin gewesen, allerdings weil sie rote Haare hatte. „Wir wurden immer gehänselt. Heute nennt man das Mobbing.“ Doris’ Mutter habe konsequent mit ihr geübt, am Wochenende, beim Einkaufen, beim Spazierengehen. Dennoch beschritt die zehnjährige Füsun jenen Bildungsweg, den das deutsche Schulsystem zuverlässig für türkische Kinder bereit hält, und landete auf der Hauptschule. Hier jedoch machte sie bessere Erfahrungen. Für ihren Klassenlehrer empfindet sie tiefe Dankbarkeit. Herzblut habe der gehabt und sie positiv getrieben. Dass ihre sechzehnjährige Tochter heute das Gymnasium in Bonn besucht, hebt Füsun Mack nicht hervor. Alle in ihrer Familie hätten studiert, außer ihr. Das könnte auch an einer Kindheit liegen, die sie selbst als „Hin und Her“ beschreibt.
Als sie in der türkischen Stadt Bursa zur Welt kam, habe ihr Großvater ihren Vater weggeschickt, weil der nicht gut für die Mutter gewesen sei. Ihre Mutter sei dann nach Deutschland gegangen, um Geld zu verdienen. Vier Jahre lang lebte die kleine Füsun bei ihrer Oma in der Türkei und wuchs dort im Kreis einer westlich orientierten Großfamilie auf, zu der 24 Enkel zählten. Als die Mutter sie nach Deutschland nachholen wollte, sei sie vor der fremden Frau weggelaufen, also sei die Oma mitgekommen. Das Verhältnis zur eigenen Mutter sei nie so innig geworden wie das zur Großmutter, deren Bild im Wohnzimmer hängt: ein ernstes Gesicht, eingerahmt von einem dunklen Kopftuch. Schon ihre Mutter habe das nicht mehr getragen. Füsun Mack und ihre zwei Töchter gehen auch unverschleiert.
Ihr König ist der achtjährige Enkel
Was Thilo Sarrazin zu einer türkischen Karnevalsprinzessin sagen würde? „Interessiert mich nicht die Bohne!“ Ständig werde sie mit diesem Namen konfrontiert. Sie will sein Buch aber nicht lesen. Sich gut zu benehmen ist für Füsun Mack eine Selbstverständlichkeit, ganz gleich, ob man zu Hause oder zu Gast ist, integriert oder nicht. Sie empfiehlt eine andere Lektüre, wenn man verstehen wolle, wie man als Türkin in Deutschland in und zwischen den Kulturen leben könne: „Einmal Hans mit scharfer Soße“ von Hatice Akyün. Dieses Buch handele auch von ihr, sagt Füsun Mack. Und dann erzählt sie von ihrem ersten Mann, dem Türken, der zu türkisch, und von ihrem zweiten Mann, dem Deutschen, der zu deutsch gewesen sei. Der eine besitzergreifend, der andere ungesellig.
Gibt es jetzt einen Prinzen in ihrem Leben? „Nein.“ Aber einen König, ihren achtjährigen Enkel, den Sohn ihrer 26 Jahre alten älteren Tochter. Sonst seien Männer Mangelware in der Familie. Da kommt ihr der Roisdorfer Brauch entgegen, dass es kein Dreigestirn, kein Prinzenpaar, sondern eben nur eine Prinzessin gibt. Denn der Karnevalsumzug findet in diesem Ort immer an Weiberfastnacht statt. Da hätte ein Mann eh nichts zu kamellen.
„Die Orden sind so schwer wie ich selbst“
Rund 120 Auftritte vermerkt der Terminplan, der am Türrahmen zur Küche hängt. Damit sie die 54 Tage zwischen Proklamation und Aschermittwoch genießt, haben ihre Freundinnen von der Karnevalsgruppe „Sonnenblumen“ ihr einen karnevalistischen Adventskalender gebastelt. Jeden Tag kann sie ein kleines Geschenk öffnen, dieses Mal sind Pralinen drin.
Die kann Füsun Mack brauchen. Sie habe schon abgenommen bei den vielen Auftritten. Da sie ohnehin zierlich ist, muss sie darauf achten, dass sie sich auf der Bühne nicht zu viel Gewicht auflädt. Neulich seien ihr an einem Abend 25 Orden verliehen worden: „Die sind so schwer wie ich.“ Wie gut, dass Füsun Mack als selbständige Schneiderin ihr Ornat selbst entworfen und genäht hat: Im Nacken des Unterkleides brachte sie einen Haken an, hinter den sie die Bänder der Orden legt. So zieht das Gewicht sie nicht herunter.Außerdem hat sie sich ein mehrteiliges Kleid genäht, so verteile sich das Gewicht besser auf den ganzen Körper.
Halbmond und Stern auf dem Umhang
Ihr Ornat hebt sich merklich von dem anderer Tollitäten ab. Der schwarze Samt mit den goldenen Strass-Steinen soll an den nächtlichen Himmel über dem Bosporus erinnern. Der Umhang zeigt Halbmond und Stern, die Symbole der türkischen Flagge. Der Unterrock aus weißem Satin komme jede Nacht in die Waschmaschine. Die dunklen Bordüren kann man abnehmen, da sie sonst das Weiß der Wäsche verdunkeln könnten.
Ein Schlüsselerlebnis in der Kindheit wies schon auf ihre närrische Regentschaft hin: Als Sechsjährige schaute sie sich mit ihrer Mutter den Rosenmontagszug in Siegburg an. Die Kostüme der Funkenmariechen gefielen ihr so gut, dass die Mutter ihr aus einer Tischdecke ein Prinzessinnenkleid machen musste.
Nun richten sich die Augen auf sie. „Ich bin die Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht, mit drei Mal Alaaf bin ich aus dem Traum erwacht“, heißt es im Mottolied von Füsun Mack. Dass sich darin Alaaf und Allah begegnen, entspricht ihrer Lebensauffassung: „Ich habe das Glück, dass ich beide Kulturen feiern kann.“ Das gelte für Weihnachten ebenso wie für das Zuckerfest. Religion, Kultur und Brauchtum machen für Füsun Mack das Leben schöner. Besonders der Karneval, weil sie schon immer eine Schwäche für das Verkleiden hatte. Die Prinzessin schätzt die kleinen Ausbrüche aus dem Alltag. Bis zum Aschermittwoch trägt sie dazu ein Krönchen im Haar, statt der Brille.
Nicht Integration, sondern Entblödung des Karnevalsvereins
Michael Meier (never1)
- 22.02.2011, 14:20 Uhr
@Herr Michael Meier
Mustafa Aydoğdu (maydogdu01)
- 22.02.2011, 17:35 Uhr
Mustafa muss ....
Michael Meier (never1)
- 22.02.2011, 18:05 Uhr
@ Mustafa Aydogdu (maydogdu01):
Sönke Peters (soenkepeters)
- 22.02.2011, 18:21 Uhr
Wo
Flip Averna (pit-flip)
- 23.02.2011, 01:33 Uhr