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Karneval in Brasilien : Der Donnergott tanzt Samba

„Brasilien und Deutschland vereint“: Mehrere Tausend Sänger und Tänzer proben bei der „Tijuca“. Bild: David Klaubert

Seit Monaten bereitet sich die Sambaschule „Unidos da Tijuca“ auf den nächsten Karneval vor. Das Motto ihres Umzugs: „Verzaubertes Deutschland“.

          Paulo Barros, 50 Jahre, gelernter Flugbegleiter, Beruf: Karnevalist, gilt als bester seines Faches. Mehr als zehn Jahre arbeitete er für die brasilianische Fluglinie Varig, doch die ist längst bankrott und Barros auf zu neuen Höhenflügen. In den neunziger Jahren heuerte er bei „Vizinha Faladeira“ an, einer kleinen Sambaschule in der dritten Liga von Rio de Janeiro. Auf Anhieb schaffte er den Aufstieg. Auch in der zweiten Liga holte er Titel, so dass er bald von einer der ganz Großen abgeworben wurde, der „Unidos da Tijuca“. Dreimal führte er sie zur Vizemeisterschaft, zweimal wurde er Meister. Der Präsident der Sambaschule sagt: „Er ist unser Pelé. Unser - wie war noch mal der Name von diesem Deutschen?“ - „Beckenbauer?“ - „Er ist der Beckenbauer des Karnevals.“

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der alljährliche Aufmarsch im sambódromo, dem Samba-Stadion in Rio, ist nicht nur eines der größten Feste der Welt, sondern auch ein harter Wettkampf. Punktrichter bewerten die Auftritte, es geht um viel Ehre und um noch mehr Geld. Jede Sambaschule schickt bis zu 5000 Mitglieder in die Arena: Tänzer, Sänger, Musiker, doch die wichtigsten in diesem Spektakel sind die carnevalescos, die Karnevalisten. Sie sind die kreativen Strategen, die ordnenden Kräfte im entfesselten Spiel. Sie denken sich die Drehbücher der Umzüge aus und führen Regie.

          „Im Karneval werden Geschichten erzählt mit Kostümen, Kulissen, Musik und Tanz. Das sind auch die Elemente, aus denen sich eine Oper zusammensetzt“, sagt Paulo Barros. „Unser Karneval ist nichts anderes als eine populäre Oper.“

          Die Themen ihrer Umzüge suchen sich die Sambaschulen selbst aus, jedes Jahr aufs Neue. Und für die Mission Titelverteidigung im nächsten Februar hat sich die „Unidos da Tijuca“ ein besonderes einfallen lassen: „Alemanha encantada“ - „Verzaubertes Deutschland“.

          36.000 Meter Stoff: In sieben Ateliers schneidern, nähen und kleben die Mitarbeiter Kostüme. Bilderstrecke

          “Das war kein Thema, zu dem ich schon Ideen im Kopf hatte. Das hat mir ein bisschen Arbeit gemacht“, sagt Barros, ein weiches Lächeln um den Mund. Er sitzt in seinem Büro im dritten Stock des „Tijuca“-Hauptquartiers. Die Tür steht offen, dahinter liegt ein riesiger Hangar, in dem es hämmert, rattert, scheppert, klirrt. Die Luft riecht nach Kleber, Lack und funkensprühenden Schweißarbeiten. Als ein Angestellter hereinkommt und Barros um Rat fragt, zeichnet der mit schnellen Strichen eine Konstruktionsanleitung.

          Barros ist Perfektionist. An seinem ersten Arbeitstag als Karnevalist der „Tijuca“ nahm er einen Besen und kehrte stundenlang die Werkhalle aus. Und als ihm der Vorstand das Deutschland-Thema vorschlug, beauftragte er drei Kulturwissenschaftler der Universität von Rio. Im April reiste er mit einer Abordnung der Sambaschule nach Köln und Berlin. Er sog alle Informationen auf. Und dann begann er, seinen Karneval zu komponieren - als Reise in fünf Akten:

          Thor, der Gott des Donners, wird von seinem Vater Odin auf die Erde hinabgeschickt, um Deutschland zu erkunden. Er beginnt seine Reise in der germanischen Mythologie, dann durchstreift er die deutsche Kunst: Literatur, Musik und Film. Er bewundert das Spielzeug und die Märchen, die sich die Deutschen für ihre Kinder ausgedacht haben, und all die technischen Erfindungen. Als letzten Akt beschließt Thor, ein großes Fest zu schmeißen; aber nicht in Deutschland, sondern, wie könnte es anders ein, in Brasilien, wohin im neunzehnten Jahrhundert immerhin Tausende Deutsche ausgewandert sind. Thor feiert die Zusammenkunft der Kulturen, tischt Schweinswürste auf, Sauerkraut und Ente, und zum Trinken: „Es geht einfach nicht anders“, sagt Paulo Barros. „Es muss Bier sein.“

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