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Karneval in Argentinien Lasterhafte Rotznasen

 ·  Die Murgas sind der Inbegriff des Karnevals in Buenos Aires. Dabei haben sie mit ihrem geheimnisvollen Schnarren und Rasseln nichts mit Schunkelseligkeit zu tun. Wegen ihrer schonungslosen Kritik an den sozialen Verhältnissen waren sie in der Diktatur verboten.

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Der eintönige Rhythmus, das dumpfe Donnern der Trommeln, das Scheppern der Becken und das Schnarren der Rasseln klingen geheimnisvoll, beklemmend, unheilverkündend. Die Verrenkungen, wie in Zeitlupe ausgeführt, und die unbeholfen wirkenden Sprünge der Mitglieder der durch die Straße ziehenden Truppe haben nichts gemein mit Fröhlichkeit und Schunkelseligkeit. Und doch sind die „Murgas“, wie sich die Gruppen nennen, am Río de la Plata Inbegriff des Karnevals.

Sie widmen sich keineswegs dem reinen Klamauk. Wegen ihrer schonungslosen Kritik an den sozialen Verhältnissen waren sie stets dem Argwohn der Regierungen ausgeliefert, die ihre Aktivitäten nie gerne sahen. Während der argentinischen Militärdiktatur galten sie als gemeingefährlich und wurden verboten.

Feuerwerkskörpern wurde inzwischen verboten

Zehn Murgas überdauerten die bleierne Zeit und sind allmählich wieder in das Leben der Hauptstadt Buenos Aires zurückgekehrt. Um die Wiederbelebung des Fastnachtsbrauchtums in Argentinien bemüht sich die 1997 gegründete „Karnevals-Kommission“. Sie hat ein Budget von umgerechnet 250.000 Euro. Im Jahr 1997 gab es 32 Murgas, heute sind es mehr als hundert, mit insgesamt 15.000 „Murgueros“.

Die Gruppen ziehen an den Februarwochenenden abends durch ihre Viertel. Im vergangenen Jahr begleitete eine Million Zuschauer die Umzüge. Die Verwendung von Feuerwerkskörpern wurde inzwischen verboten, aus Furcht vor einer neuen Katastrophe wie Ende Dezember 2004, als in der Diskothek „República Cromagnon“ fast 200 junge Menschen ums Leben kamen.

Kübel mit Stöcken traktiert

Die 1950 gegründete Murga „Viciosos von Almagro“ (Die Lasterhaften von Almagro, einem Stadtviertel) mit ihren bevorzugten Farben Blau, Weiß und Schwarz erinnert mit ihrem gemäßigten Rhythmus am meisten an die musikalischen Formen des Tangos. Die „Cometas de Boedo“ (Drachen von Boedo) mit paillettenbestickten Kostümen in Rot und Weiß sind stolz auf ihre raffinierten Schrittfolgen. Ausgerechnet die „Mocosos von Liniers“ (Rotznasen von Liniers) aus einem bescheidenen Quartier, in dem die Schlachthöfe beheimatet waren, haben seit 1952 den diversen Diktaturen standgehalten.

Der spanische Begriff „murga“ soll auf Umwegen von „música“ abgeleitet und dann auf Straßenmusikanten und Komödianten übergegangen sein. Ausgestattet sind die Murgueros mit Seidenfrack, Handschuhen und Hut, angeblich einem Erbe aus der Zeit, als die schwarzen Sklaven heimlich in die Kleidung ihrer reichen Herren schlüpften. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Murgas meist nur sechs Mitglieder, jeder spielte ein Instrument, Trommel, Becken, traditionelle Blasinstrumente wie Trompete, Saxophon und Flöte oder selbstgemachte tönende Gerätschaften.

Die Tradition der Murgas entzieht sich einer schlüssigen Chronologie. Der argentinische Norden hat seine eigene, von Indio-Bräuchen durchtränkte Karnevalstradition. Das Instrumentarium Kübel, die man mit Stöcken traktierte war denkbar einfach. Damit begleiteten die Gruppen ihre Gesänge, in denen sie gegen Staat und Gesellschaft zu Felde zogen, bis ihr respektloses Treiben 1840 unter dem Gouverneur von Buenos Aires und späteren Diktator Juan Manuel Rosas verboten wurde.

Kinder basteln ihre Instrumente selbst

Es gibt noch eine ganz andere Erklärung für die Entstehung der Murga-Tradition. Danach soll 1906 die spanische Theatertruppe „La Gaditana“ aus Cádiz, die sich der Zarzuela (der spanischen Variante der Operette) verschrieben hatte, bei einem Gastspiel in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo mit ihren Gesängen und ihrer Kostümierung auf den Straßen der Stadt Aufsehen erregt haben.

Tatsächlich ist die Murga-Tradition auch in Uruguay noch immer höchst lebendig. Erstmals erwähnt wurde eine Murga um das Jahr 1876 in der Zeitung „Die Eisenbahn“ in Montevideo. Der erste Corso hatte in Buenos Aires schon einige Jahre zuvor, 1869, stattgefunden.

Die soziale Mission der Murgas, die sich meist nach ihrem Stadtviertel nennen, hat heute neue Aufgabengebiete gefunden. Um die Kinder von der Straße zu holen und ihnen eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten, sind in den Armenvierteln Murgas gegründet worden. Ihre Instrumente basteln die Kinder selbst. Durch ihr Engagement in der Gruppe sollen die jungen „Murgueros“ zu Solidarität, Verantwortung und Gemeinschaftssinn angehalten werden und die Wurzeln ihrer Kultur kennenlernen.

Nach einem Gottesdienst erschossen

Die Murga „Los Guardianes de Mugica“ (Die Wächter von Mugica) ist in dem berüchtigten Armenviertel „Villa 31“ mitten in Buenos Aires 1999 zum Gedenken an die Ermordung des Geistlichen Carlos Mugica im Mai 1974 entstanden.

Der Priester wurde wegen seiner vorgeblichen Sympathie für die Befreiungstheologie und die linksperonistischen Montoneros von einem Mitglied der staatlichen Terrororganisation „AAA“ (Antikommunistische Allianz Argentinien) nach einem Gottesdienst erschossen. Sein Leichenzug wurde von einer Murga begleitet. Die Mugica-Murga bietet ihren Mitgliedern, die durchweg jünger als 15 Jahre sind, Theater-Workshops, Nachhilfe und kulturelle Veranstaltungen verschiedenster Art.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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