07.02.2005 · Größer könnten die Unterschiede kaum sein: Offen und ausschweifend feiern die Brasilianer in Rio, geheimnisvollen Mummenschanz betreiben die Narren in Venedig. Zwei Gesichter des Karnevals.
Südländisch nennt man das Temperament in beiden Ländern. Betrachtet man jedoch den Karneval wie er in Rio und in Venedig gefeiert wird, so wirkt der Italiener wie ein Nordländer. Die Pose regiert in der Lagunenstadt, am Zuckerhut der Rhythmus. Gemeinsam haben beide die Erotik.
Diese freilich ist in Rio ein direkte: Tausende Kondome ließen die Behörden in der Metropole verteilen - im Kampf gegen ungewollte Schwangerschaften und Aids. Es ist das Verlangen, das die Leichtbekleideten in Rio treibt, in Venedig ist es die Verführung: Wer steckt hinter der Maske? Versprechen, Zauberei oder Abgrund?
Rauschgiftschieber und Brighella
Buchstäblich nah am Abgrund sind die rund 700.000 Besucher - etwa ein Fünftel kommt aus dem Ausland - des Spektakels in Rio. 30.000 Polizei-Beamte sind im Einsatz und anders als in Köln ist ihre Hauptsorge nicht, daß die Dienstmütze verlorengehen könnte. Rund 10.000 schützen das Sambadrom, das Zentrum der Feiern, ständig patrouilliert wird in den benachbarten Slumvierteln, die üblicherweise von schwerbewaffneten Rauschgiftschieberbanden kontrolliert werden. Ohne Tote geht die brasilianische Ekstase, der man zum Beispiel auch in Recife oder Sao Paulo ausgiebig frönt, selten über die Bühne.
Brighella, der verschlagene Schurke mit der grünlichen Gesichtsfarbe, scheint dagegen weniger gefährlich zu sein. Er ist eine der traditionellen Figuren der venezianischen Maskerade. Eine andere ist der Dottore, ganz in schwarz gewandet und mit einer Schnabelnase. Wie ein mittelalterlicher Pestarzt. Mit leeren Blick ziehen die Maskierten durch die Gassen Venedigs, starren die Menschen an. Wie reagieren? Einfach zurückstarren? Ignorieren? Auch dieser Karneval fasziniert, lockt an, wenn auch deutlich weniger Menschen als in Rio.
60.000 bis 70.000 Touristen bevölkern an den tollen Tagen Venedig. Darunter zahllose Deutsche, die eigentlich auf Karnevalsflucht sind. Wenn die sich ab Mittwoch wieder nach Hause trauen, ist der „Volo dell'Angelo“ - der Flug des Engels - längst beendet, die Sambatrommeln sind verstummt. Aschermittwoch ist überall.