19.02.2004 · Vielfältig in Bräuchen, Gebräuchen, Ausrichtung und Folgen ist Karneval eine der wenigen urtypischen deutschen Traditionen, die die Nation noch zelebriert - aber wie!
Von Charlotte AlbertzJedes Jahr, pünktlich ab dem 11.11. um 11:11 Uhr, haben pflichtbewußte Deutsche eine Pflicht mehr: Jeck sein. Obwohl hauptsächlich im Rheinland gefeiert, zieht der Karneval weite Kreise. So daß auch an manchen Hamburger Grundschulen, damit die Kleinen nicht allzu enttäuscht sind, die fünfte Jahreszeit an Weiberfastnacht eingeläutet wird.
Von vielen Mythen ist der Ursprung der fröhlichen Zeit verklärt, jede Region, in der Karneval gefeiert wird, hat ihr eigenes urtypisches Karnevalsvokabular, ihre eigenen Regeln. In Köln wie Mainz, Bonn und Düsseldorf kann man die Jecken auf den Straßen bestaunen und sich über ihr, manchmal wunderliches, Verhalten nicht genug wundern. Für Uneingeweihte und Desinteressierte sind die Rituale der sechs meistgefeiertsten Karnevalstage, von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, kaum zu durchschauen. Daß jedoch Kostümierungen, Spottreden auf prominente Persönlichkeiten und recht viel Alkohol im Spiel sind, ist allgemein bekannt.
Am Donnerstag der „Wieverfastelovend“ (Weiberfastnacht) begonnen, zieht sich die Narrenzeit bis zum „Veilchen-Dienstag“ und wird offiziell in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, pünktlich um 24.00 Uhr, ausgeläutet. Doch dazwischen liegt viel Zeit mit der, in den richtigen Städten, die Jecken viel anzufangen wissen.
Der einzig korrekte Schlachtruf in Köln: Kölle, Alaaf!
Köln zum Beispiel: Der Höhepunkt der „tollen Tage“ wird mit dem Sturm der Jecken auf das Rathaus eröffnet. Diese Tradition hat ihren Ursprung im 14. Jahrhundert und geht darauf zurück, daß „ratsfähige“ Frauen beschlossen hatten Feste zu veranstalten in denen sie, zwar befristet doch immerhin, das Recht hatten die Männer zu befehligen. Das Befehlen hat heutzutage keinen so großen Reiz mehr, das traditionelle Abschneiden der Krawatten aber immer noch. Und so kann jedem Mann, der sich an Weiberfastnacht auf die Straße traut, nur geraten sein, das „Status-Symbol“ Krawatte schnellstens in Sicherheit zu bringen.
Von Donnerstag bis Sonntag füllen Paraden, Karnevalszüge und Büttenreden das Programm der eifrigsten Karnevalisten. Die Repräsentanten der Jecken in den einzelnen Städten, das Prinzenpaar, ist fest eingespannt in einen straffen Zeitplan und hat alle Hände voll damit zu tun, Kamelle unters jubelnde Volk zu bringen. Doch erst der Rosenmonatg ist der eigentliche Tag der Umzüge.
Alt vs. Kölsch
Der erste dieser Art fand in Köln 1824 statt, und die Tradition hat sich bis heute gehalten. Aufwendig geschmückte Motivwagen, die ironische Anspielungen auf gesellschaftliche Ereignisse machen, Musikkapellen der unzähligen Kölner Karnevalsvereine und natürlich eifrige Kamelle-Schmeißer bahnen sich ihren drei Stunden langen Weg durch die überfüllte Kölner Innenstadt. Jeck, wo man geht und steht, an ein Durchkommen ist nicht zu denken. Die Straßen werden gesperrt und ein Überqueren der Zug-Strecke für eben diese drei Stunden ist völlig unmöglich. Wer dann auf der falschen Straßenseite steht, bleibt dort auch erstmal. Wenn man also am Rosenmontag sein Jecken-Glück in Köln finden will, sollte man vorher einplanen, welche Wege zu vermeiden sind, um dem Zug nicht in die Quere zu kommen. Das Motto, unter dem die Domstadt diese Karnevalssaison steht, „Lach doch ens. Et weed widder wäde“ (Lach doch mal, es wird schon wieder), spiegelt die typisch rheinische Sorglosigkeit und den Frohgemut.
Doch nicht nur Köln ist eine Karnevalshochburg, auch Mainz und Düsseldorf sind voll eingespannt in den Trubel der fünften Jahreszeit. Dort finden mit die größten Karnevalszüge statt und die stadteigenen Karnevals-Parolen und Getränke erleben Hochkonjunktur. Mit dem Motto des diesjährigen Rosenmontagszugs „Watt kütt, datt kütt“ (was kommt, das kommt) geben sich die Düsseldorfer übrigens recht frohgemut. Doch ein wenig aufpassen sollte man trotz aller Ausgelassenheit schon. Wer zum Beispiel in Düsseldorf „Helau, ich will ein Alt“ mit dem Kölner „Alaaf“-Schlachtruf verwechselt, der wird sich bald zumindest ein wenig schräg von der Seite angeschaut fühlen. Könnte man doch schließlich zum Thema „Düsseldorfer Alt oder Kölner Kölsch“ ganze Diskussionsrunden füllen.
In froher Erwartung auf die „heiße Schlußphase“
Und dennoch, dieses Jahr sind manche Jecken nicht ganz so feierwütig wie gewohnt. Und das liegt, wie schon der alte Karnevalshit „Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld“ thematisierte, an der finanziellen Seite der ansonsten lustigen Zeit. Daß Eintritts- und Getränkepreise unlustige Dimensionen angenommen haben, läßt viele Kneipentische leer. Auch die Prunksitzungen sind dieses Jahr angeblich schlechter besucht als noch im Vorjahr; besonders die kleinen Karnevalsgesellschaften stünden „finanziell mit dem Rücken zur Wand“ heißt es in Krefeld. Der Präsident des Regionalverbandes Linksrheinischer Karneval klagte jüngst über Einnahmeverluste der Vereine „von bis zu 20 Prozent“. So wird für die kommende Saison die kostengünstige Fusion von Karnevalsgesellschaften nicht ausgeschlossen, denn abgesagte Prunksitzungen seinen in 2003/2004 keine Seltenheit gewesen. Und da das Geschäft mit den „tollen Tagen“ allgemein nicht sonderlich gut verlief, hoffen Wirte nun auf den „Straßenkarneval“ und die „heiße Schlußphase“ ab Donnerstag.
Ein anderes vielbewegtes und vor allen Dingen bewegendes Thema ist jedes Jahr die Kostümierung. Zwar sei nach der Meinung eines Kostümverkäufers jeder Jeck anders, doch gewisse Trends zeichnen sich auch in der Zeit der traditionellen Bräuche in Deutschland ab. So gehen zwar Tiermasken und Tierkostüme jedes Jahr gut, aber in Düsseldorf und Duisburg gibt es eine starke Nachfrage nach Piratenkostümen. Und fertig gekauft heißt ja nicht gleich unkreativ und „von der Stange“. „Da erkundigt sich auch schon mal jemand nach einem Piratenkostüm mit der Maske von Gerhard Schröder oder Hans Eichel“, wie eine Fachkraft vom Kaufhof in Düsseldorf berichtet.
Der Rosenmontagszug (23.02.2004) in Köln:
Der Zug geht um 11 vor 11 am Chlodwigplatz los und braucht für den 6,5 Kilometer langen Weg etwa vier Stunden. Drei Stunden lang kann man als Zuschauer den Zug betrachten. Im Jahr 2004 lautet das Motto "Laach doch ens, et weed widder wäde!"