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Kampf um die Achttausender Duell über den Wolken

23.04.2010 ·  Im Himalaja ist gerade Endrunde in einem Wettkampf, der vor zehn Jahren begann. Drei Bergsteigerinnen wollen wie einst Reinhold Messner alle Achttausender bezwingen. Das hat bisher noch keine Frau geschafft. Für zwei von ihnen ist es ein Lebenstraum, für die andere nur „ein Job“.

Von Annika Müller
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Tagelang hatte sie im Basecamp auf ein Abflauen des Windes gewartet. Dann war es endlich soweit: Der Wetterdienst sagte für den 17. April günstiges Wetter voraus. Nach zehnstündigem Aufstieg erreichten die spanische Bergsteigerin Edurne Pasabán und ihre neun Kollegen am vergangenen Samstag um 14.10 Ortszeit den Gipfel des Berges Annapurna. Es war ihr dreizehnter Achttausender, einer fehlt ihr noch. Sie hat alles gegeben, hat sich beeilt - und wird vielleicht doch nicht die erste Frau sein, die alle Achttausender bestiegen hat.

Im Himalaja ist gerade Endrunde in einem Wettkampf, der vor rund einem Jahrzehnt begann. Die Koreanerin Oh Eun-Sun, die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, die Spanierin Edurne Pasabán - sie sind alle da, sie alle wollen in die Geschichte eingehen wie einst Reinhold Messner, der am 16. Oktober 1986 als erster Mensch alle Achttausender bezwungen hatte. Vermutlich wird es ein Zweikampf zwischen der Koreanerin und der Spanierin, die gleichauf liegen.

Es ist ein enges Zeitfenster, das sich den Bergsteigern im April und Mai zwischen dem schneereichen Wintermonsun und den Unwettern des Sommermonsuns auftut. Diese Zeit nutzt Eun-Sun, um ebenfalls an der Annapurna ihr „Projekt 14“ abzuschließen. Die Vierundvierzigjährige plant den Aufstieg am „tödlichsten Berg des Himalaja“ für dieses Wochenende. Edurne Pasabán, wettergegerbte 36 Jahre alt und aus dem Baskenland stammend, nimmt sich derweil ihren letzten Berg vor, den Shishapangma.

Ein toter auf drei erfolgreiche Bergsteiger

Noch kann viel passieren. Die Berge sind unberechenbar. In den Schnee- und Eislawinen der Annapurna sind schon mehr als 60 Bergsteiger ums Leben gekommen. Auf weniger als drei erfolgreiche Besteigungen kommt ein Todesfall. Der Berg hat Pasabán großen Respekt eingeflößt. Noch im Herbst äußerte sie Zweifel, ob es sich lohne, das Risiko auf sich zu nehmen. Damals hatte sie gerade einen der schwersten Momente ihres Lebens hinter sich. Am Kangchendzönga war sie bewusstlos aus der Todeszone gebracht und mit Erfrierungen nach Katmandu ins Krankenhaus geflogen worden. „Damals war ich mir sicher, das Projekt der 14 Achttausender nicht fortsetzen zu wollen“, sagte Pasabán vor ihrer Abreise zur Annapurna. Sie wollte den gefährlichsten aller Riesen erst nach dem Shishapangma begehen, für den sie aber zunächst keine Besteigungslizenz der tibetischen Regierung bekam.

Als erste Expedition an der Annapurna nach den schweren Schneefällen des Winters mussten nun Pasabán und ihre Kollegen den Weg spuren, Fixseile legen, Gletscherspalten ausforschen. Vier Wochen brauchten sie dafür. Die nachkommenden Expeditionen, darunter auch das Team von Oh Eun-Sun, profitieren von der mühseligen Vorarbeit. Zuletzt gingen Pasabán die Seile aus. Ungesichert durchquerte sie einen schwierigen Eiskanal. Umso größer ihre Erleichterung, den Aufstieg ohne Zwischenfälle geschafft zu haben, wie ihr Trainer Ignacio Delgado berichtet.

„Viel zu gefährlich für einen Wettstreit“

Gerlinde Kaltenbrunner, die 39 Jahre alte Österreicherin, die im Badischen lebt, bezeichnet das Höhenbergsteigen als „viel zu gefährlich, um darin einen Wettstreit sehen zu wollen“. Sie konzentriert sich nach zwei gescheiterten Versuchen am K2 auf die Mount-Everest-Nordwand. Mit ihrem Mann Ralf Dujmovits hat sie sich den wohl schwierigsten Aufstieg auf den höchsten Berg der Erde gewählt - das Supercouloir wurde bislang nur einmal ohne Sauerstoff bezwungen. Kaltenbrunner stand auf den Gipfeln von zwölf Achttausendern, legt aber mehr Wert auf anspruchsvolle Begehungen und einen puristischen Stil als darauf, die Gipfel schnell abzuhaken. Künstlicher Sauerstoff, Fixseile und Träger sind für sie ein Tabu.

Nicht für Oh Eun-Sun. Ihr scheinen alle Mittel recht, um sich den Platz in der Galerie der Pioniere zu sichern: „Ich habe einen Job zu erledigen.“ Die Südkoreanerin greift bei Bedarf zu künstlichem Sauerstoff, lässt sich von vielen Trägern helfen und fliegt per Hubschrauber von Basislager zu Basislager, um Zeit zu gewinnen. Geld spielt keine Rolle. Der koreanische Staat finanziert ihre Expeditionen. Die Besteigung der Annapurna soll sogar live im Fernsehen übertragen werden. Nur durch präzise Planung und den großzügigen Einsatz von Material und Hilfspersonal ist zu erklären, dass die lange Zeit unbekannte Oh Eun-Sun in nur 15 Monaten acht Achttausender bestiegen hat. Umstritten ist ihre Besteigung des Kangchendzönga, da es kein Gipfelfoto gibt, auf dem sie einwandfrei zu identifizieren wäre.

„Sauerstoff lehne ich ab“

„Mit selbstverantwortlichem Bergsteigen hat das nichts zu tun“, sagte Kaltenbrunner vor ihrer Abreise in den Himalaja im März. „Ich möchte es zwar nicht als Doping bezeichnen, aber für mich ist Sauerstoff ein künstliches Hilfsmittel, das ich vollkommen ablehne.“ Doch auch Pasabán hat zweimal zur Sauerstoffflasche gegriffen - einmal am K2, als schwere Unwetter den Abstieg erschwerten und die Bergsteigerin mit Erfrierungen an den Füßen kaum voran kam, ein zweites Mal beim Abstieg vom Kangchendzönga, wo sie mit Fieber länger als geplant im Camp 4 ausharren musste.

Und selbst Reinhold Messner ließ sich 1986 mit dem Hubschrauber vom Makalu- zum Lhotse-Basislager fliegen. Er musste Zeit sparen, um den Wettkampf gegen seinen härtesten Widersacher, den polnischen Bergsteiger Jerzy Kukuczka, zu gewinnen. Seither haben 19 Männer seine Leistung wiederholt - zuletzt der Portugiese João Garcia, der mit Pasabán auf der Annapurna, seiner Nummer 14, stand. Ins öffentliche Gedächtnis schrieb sich allerdings nur Messner ein.

Die Erfolge von Oh Eun-Sun lassen die Spanierin und die Österreicherin, die gut miteinander befreundet sind, zumindest nach außen hin kalt. Edurne Pasabán spielte sogar im Basecamp der Annapurna mit ihrer größten Konkurrentin Volleyball, tauschte sich mit ihr bei einer Tasse Tee über die Besteigung aus und erlaubte es dem koreanischen Team, die von ihr angebrachten Fixseile zu nutzen. Für Pasabán und Kaltenbrunner geht es um einen Lebenstraum, für Eun-Sun auch um Guinnessbuch, Sponsorenverträge, Buchveröffentlichungen.

Drei Frauen wollen
14 Achttausender besteigen. Zwei von ihnen sind ganz nah am Ziel.
Von Annika Müller

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