06.09.2006 · Japans Prinzessin Kiko hat einen Jungen zur Welt gebracht. Somit ist auch die männliche Thronfolge gesichert. Die Geburt ist das Ereignis in den japanischen Medien: Extrablätter erschienen und Sondersendungen wurden ausgestrahlt. Dabei wurde viel über das Erbfolgegesetz diskutiert.
Von Anne Schneppen„2558 Gramm, 48,8 Zentimeter.“ Die Passanten wissen sofort, was das bedeutet. Bei leichtem Nieselregen blicken die Berufspendler, die der Tokioter Shibuya-Bahnhof in stetem Fluß ausspuckt, neugierig auf die High-Tech-Fassade des gegenüberliegenden Hochhauses. Dort leuchtet von einem elektronischen Laufband über dem Starbucks-Café die Nachricht des Tages. Manche halten gespannt inne, solange die Fußgängerampel rot ist - bis das wichtigste Detail erscheint, das in den Monaten zuvor vom kaiserlichen Haushofamt wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurde: Es ist ein Junge. Prinzessin Kiko hat am Mittwoch morgen um 8.27 Uhr einen Sohn zur Welt gebracht: Ein Thronfolger ist geboren. Mutter und Kind sind wohlauf.
Die Zeitung „Tokyo Shimbun“ bringt als eine der ersten die frohe Kunde mit einem Extrablatt unter die Leute. Fernsehsender unterbrechen ihr Programm. Die Sondersendungen über die Kindheit der Kaisersöhne Naruhito und Akishino, den heute glücklichen Vater, sind ausführlich vorbereitet worden, schließlich stand der Geburtstermin schon länger fest. Wegen befürchteter Komplikationen war für den 6. September ein Kaiserschnitt anberaumt worden. Seit dem 16. August ist Akishinos Frau in der Obhut des noblen Tokioter Aiiku-Hospitals, das auf schwierige Geburten spezialisiert ist und von einem kaiserlichen Fonds unterstützt wird. An diesem denkwürdigen Tag haben sich kaisertreue Gratulanten freigenommen. Als Kaiser Akihito mit Kaiserin Michiko am Morgen ihr Hotel in Sapporo verlassen, wo sie in Ausübung ihrer Pflichten einen Kongreß zu eröffnen haben, schallt ihnen aus der wartenden Menge „omedeto gozaimasu“ entgegen: Herzliche Glückwünsche zur Geburt des ersten Enkelsohnes!
Stoff-Karpfen als Symbol männlicher Jugend
Nahe der Tokioter Gakushuin-Universität, wo sich die Pfade von Prinz Akishino und der bürgerlichen Kiko Kawashima erstmals kreuzten, läßt eine Tänzergruppe bunte Stoff-Karpfen in die Luft steigen: ein Symbol männlicher Jugend. Mit Sake, japanischem Reiswein, stoßen die Schaulustigen an. Manche Boulevard-Blätter hatten es schon wild spekulierend vorweggenommen - in Versuchen, die Stille im Haushofamt zu deuten oder Bemerkungen des Prinzen gegenüber Freunden zu interpretieren. Nun ist es wahr geworden: Nach mehr als vier Jahrzehnten hat die kaiserliche Familie erstmals wieder männlichen Nachwuchs. Doch die Erlösung brachte nicht das Kronprinzenpaar - sondern eben Akishino und Kiko.
Das neue Mitglied in Japans kaiserlicher Familie steht nun an dritter Stelle der Erbfolge - hinter seinem Onkel, Kronprinz Naruhito, und seinem Vater. Mit seiner Geburt hat das Bangen um den Fortbestand der ältesten Monarchie der Welt zunächst einmal ein Ende, mithin auch die Diskussion um die Emanzipation in Japans Kaiserhaus. Noch vor neun Monaten schien es so, als wollte sich die Regierung durchringen, eine weibliche Erbfolge zuzulassen und damit der vier Jahre alten Prinzessin Aiko, dem einzigen Kind des Kronprinzenpaares, den Weg auf den Thron zu ebnen. Kommissionen wurden einberufen, Parlamentarier und Wissenschaftler befragt, um mögliche Änderungen des seit 1947 geltenden Hofgesetzes auszuarbeiten, das nur eine männliche Erbfolge erlaubt. Auch im Hinblick auf die Geschichte: Schließlich waren von 125 Herrschern acht Kaiserinnen, die letzte, Sakuramachi, regierte von 1763 bis 1770.
Diskussionen über Gesetzesänderung
Doch die Widerstände waren groß, vor allem im erzkonservativen Haushofamt und unter Japans Nationalisten, auf die Tokioter Politiker durchaus nicht selten Rücksicht nehmen. Selbst Ministerpräsident Koizumi, der diese Klientel des öfteren bedient hat, sprach sich noch zum Jahreswechsel für eine Gesetzesänderung aus. Er habe kein Problem, sich eine Frau auf dem Chrysanthementhron vorzustellen. Doch als die Nachricht von Kikos Schwangerschaft im Februar überraschend publik wurde, wurden sämtliche Pläne auf Eis gelegt. Koizumis wahrscheinlicher Nachfolger, Kabinettssekretär Shinzo Abe, noch konservativer als der amtierende Regierungschef, dürfte nach der Geburt eines Jungen wohl kaum auf eine Änderung der Gesetze dringen. „Die Reformierung des Hofgesetzes ist eine wichtige Angelegenheit, die die Stabilität der kaiserlichen Familie berührt. Wir müssen die Debatte darüber vorsichtig und bedächtig führen“, sagt Abe am Mittwoch. Übersetzt bedeutet das in etwa: Alles bleibt, wie es ist. Und fast schon poetisch sinniert Abe dann über die frohe Botschaft: „Es ist ein erfrischendes Gefühl, das uns an einen klaren Herbsthimmel erinnert.“ Wäre eine Prinzessin geboren worden, wäre die Novellierungsdebatte wiederaufgeflammt. Doch mit dem lang erwarteten Sohn ist die Thronfolgekrise nur aufgeschoben. Wie die vergangenen vier Jahrzehnte zeigten, ist auf männlichen Nachwuchs kein Verlaß. Das gilt ganz besonders, seit Kaiser Hirohito, der Urgroßvater des noch namenlosen kleinen Prinzen, die Konkubinen vom Hof verbannte.
Zumindest der Zeitpunkt, zu dem die Nachricht über Kikos Schwangerschaft durch die festen Mauern des Palastes drang, gab zu Spekulationen Anlaß. Manche vermuteten sogar eine Intrige am Kaiserhof. Doch wer genau in die Familie hineinhörte, hätte das Ereignis vielleicht schon vorher erahnen können. Bei der kaiserlichen Gedichtlesung zum Jahreswechsel fielen die Zeilen von Prinz Akishino und Prinzessin Kiko durch die Erwähnung eines Storches auf. Und schon im Jahr 2003 hatte der Leiter des Haushofamts, Toshio Yuasa, recht unverblümt die Anregung ausgesprochen, die beiden sollten doch noch einmal die Erweiterung ihrer Familie in Erwägung ziehen. Hintergrund waren damals schon der fehlende männliche Nachwuchs und die Befürchtung der Hofschranzen, es könnte bei der Ein-Kind-Familie des Kronprinzenpaares bleiben. Ein Jahr später nahm Prinz Akishino den etwas vorlauten Diener in Schutz - er habe nur an das Wohlergehen der Familie gedacht. Vielleicht hatten die beiden schon länger den Wunsch nach einem dritten Kind gehegt, sich jedoch in Rücksicht auf das Kronprinzenpaar geübt. Die zwei Töchter Kikos und Akishinos sind schon elf und vierzehn Jahre alt. Mit der Geburt des Brüderchens tritt die Familie Akishino aus dem Schatten des Kronprinzenpaares heraus. Das ist neuer Stoff für Verschwörungstheoretiker, die jetzt schon darauf verweisen, daß es um die Harmonie unter den Brüdern wie überhaupt in der Kaiserfamilie nicht zum besten stehe. Aus der Sicht von Kaiser, Kaiserin und Hofamt ist Kiko ohnehin die einfachere, wenn nicht bessere Schwiegertochter. Sie hatte keine „Anpassungsschwierigkeiten“ an das Leben bei Hofe, fügte sich vortrefflich an die Seite ihres Mannes, bei öffentlichen Auftritten und als fürsorgliche Mutter. Ständig präsent, aber unauffällig. Kiko, die in fünf Tagen ihren 40. Geburtstag feiert, stammt aus der Präfektur Shizuoka und erlebte in jungen Jahren mit ihren Eltern die Welt. Ihr Vater, ein Volkswirtschaftsprofessor, lehrte in Pennsylvania und Wien. Sie studierte Psychologie und heiratete im Juni 1990 den zweiten Sohn des Tenno.
Druck auf Masako wächst
Wie sich die Geburt des Prinzen auf Kronprinzessin Masako auswirken wird, ist in Japan Gegenstand mancher Spekulationen. Die Meinungen sind geteilt: Der Druck auf sie, endlich einen männlichen Thronfolger zu gebären, dürfte nun schwinden, meinen die einen. Andere denken, daß die neue Konkurrenz in der eigenen Familie für die an Depressionen leidende Masako eine weitere Last werden könnte. Japans Boulevardpresse wird der Stoff nicht ausgehen. An diesem Mittwoch herrscht jedoch eitel Freude.
Noch an seinem ersten Lebenstag bekommt der Säugling Besuch von einem Gesandten des Kaisers, er überbringt ein Schwert, das dem Jungen unter das Kissen gelegt wird. Es ist das Symbol dafür, daß dieses Kind unter dem Schutz des Tenno steht. Nach den am japanischen Kaiserhof üblichen Regeln folgt eine Woche darauf die Namenszeremonie. Danach wird sein Name in das Register der kaiserlichen Familie eingetragen. Vielleicht gibt es dann schon ein Foto. Alles, was die neugierigen Untertanen bislang zu sehen bekommen, sind ständige Live-Übertragungen, die nichts anderes zeigen als abgedunkelte Fenster des Aiiku-Hospitals, mal aus der Ferne, mal mit dem Zoom betrachtet. Und für diejenigen, die die Nachricht noch nicht über Radio, Fernsehen oder Extrablätter erfahren haben, hängt mancher Ladenbesitzer eine selbstgefertigte Geburtsanzeige in sein Schaufenster.
Fehlerhafter Bericht
Holger Schreck (toxicbuddha)
- 06.09.2006, 13:09 Uhr
Konkubinen
Akane Yasufuku (Ayame)
- 06.09.2006, 14:05 Uhr