Home
http://www.faz.net/-guy-yq5w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wovor haben Kinder Angst? „Er umschleicht mich im Wald“

27.09.2010 ·  Alle Kinder, auch die fröhlichsten, haben Ängste. Aber warum? Und wie sollen Erwachsene damit umgehen? Katrin Hummel hat mit einem Kinderpsychiater gesprochen - und acht Kinder nach ihren Ängsten befragt.

Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (7)

Alle Kinder, auch die fröhlichsten, haben Ängste. Aber warum? Und wie sollen Erwachsene damit umgehen? Katrin Hummel hat mit einem Kinderpsychiater gesprochen - und acht Kinder nach ihren Ängsten befragt.

Herr du Bois, warum haben Kinder Angst?

Angst ist normal, sie ist eine grundlegende menschliche Reaktionsweise, ähnlich wie der Fluchtimpuls. Sie hilft uns dabei, das menschliche Beziehungsfeld zu regulieren, Gefahren zu identifizieren und uns vor ihnen zu schützen. Jemand, der keine Angst hat, ist ganz arm dran.

Hängt es vom Alter ab, wovor Kinder sich fürchten?

Ja. Selbst Säuglinge haben schon Angst, obwohl wir da noch nicht von Angst im engeren Sinne sprechen, sondern von der Regulierung von Erregung und Bedürfnissen. Säuglinge lernen, sich allein oder mit Hilfe anderer zu beruhigen. Das ist eine Vorstufe der Angst, die ja auch ein Erregungszustand ist. Kleinkinder entwickeln dann Trennungsängste. Sie begreifen die Bedeutung von Trennung, weil sie sich selbst abgrenzen können, und verstehen so, dass andere sich auch von ihnen abgrenzen können. Da holt sie sozusagen die grausame Wirklichkeit ein. Denn das Thema Trennungsangst begleitet uns unser ganzes Leben lang.

Und wenn die Kinder älter werden?

Im Schulalter haben die Kinder so viel Phantasie und Wissen über die Gefährlichkeit der Welt, dass sie sich auf gefährliche Dinge oder Themen kaprizieren. Das können beispielsweise die Dunkelheit sein, Einbrecher oder Feuer. Wie bei der Trennungsangst auch geht es hier um das Gefühl der inneren Sicherheit, die bedroht ist. Das Kind weiß inzwischen, wie schwer es ist, sich selbst im Griff zu behalten, und kann sich vorstellen, dass auch die Welt drum herum aus den Fugen geraten kann. Je ängstlicher die Eltern sind, desto ängstlicher werden die Kinder. Wenn die Eltern zum Beispiel sagen: „Trink nur diesen Sprudel, nimm nur diese Filzstifte, wegen der Gifte“ - das kriegen die Kinder genau mit, und das überträgt sich dann auf andere Dinge. Es ist manchmal regelrecht komisch anzusehen, zum Beispiel, wenn das Kind vollkommen sorglos und selbstsicher auf einen Baum klettert und die Eltern zum Kind sagen: „Du brauchst keine Angst zu haben!“ Damit provozieren sie erst die Ängste beim Kind.

Warum erscheinen den Kindern ihre Ängste denn real?

Das ist eine Angst-Lust-Wechselbeziehung. Die Kinder sind fasziniert von schlimmen und gefahrvollen Phantasien. Es geht dabei um innere aggressive Spannungen. Die Kinder beschwören angsterregende Situationen herauf und befreien sich dann davon. Das löst ein Gefühl der Erleichterung in ihnen aus, einen Schauer, im angelsächsischen Sprachraum spricht man gern von „Anticlimax“. In unserem Fachjargon gibt es das Wort „Angstlust“.

Wann lernen Kinder, reale und irreale Ängste zu unterscheiden?

Ungefähr zwischen sechs und acht Jahren. Sie diskutieren in diesem Alter über ihre Ängste. Die Eltern strengen sich an, die Ängste mit Fakten zu widerlegen, und dadurch können die Kinder ihre Ängste als mehr oder weniger realistisch einordnen. Die Kinder lernen, die Realität genauer zu prüfen, sie werden „vernünftiger“. Die Realitätsprüfung hilft also bei der Regulierung der Angst, und auch dieser Prozess begleitet uns unser ganzes Leben.

Wann sind Kinderängste behandlungsbedürftig?

Wenn die Beschäftigung mit der Angst andere wichtige Entwicklungsaufgaben blockiert: zum Beispiel das freie Spiel, die Erkundungslust, das Einschlafen, die sozialen Kontakte oder den Schulbesuch.

Lassen sich typische Jungen- und Mädchenängste unterscheiden?

Nein. Eigentlich nicht.

Wie sollten Eltern auf die Ängste ihrer Kinder reagieren?

Sie sollen sich erst mal prüfen, wie ängstlich sie selbst sind. Man muss wissen, wo man selbst im Vergleich zu anderen steht, was die Anfälligkeit für Ängste angeht, und sich dies eingestehen. Wenn man feststellt, dass man ängstlicher ist als die meisten anderen, die man kennt, sollte man auf andere Menschen verweisen, wenn es um die Einschätzung von Gefahren geht. Wenn das Kind zum Beispiel fragt: „Darf ich auf diesen Baum klettern?“, sollte man in so einem Fall antworten: „Du weißt ja, ich bin selber ein bisschen ängstlich, mal sehen, wie die anderen Eltern diesen Baum einschätzen. Nimm dir mich bitte nicht zum Maßstab.“ Noch ein Beispiel: Ein Kind spielt auf dem Bahnsteig, und zwar kurz hinter der weißen Begrenzungslinie, die den Mindestabstand zur Bahnsteigkante markiert. Es steht eigentlich noch auf der sicheren Seite. Aber die Mutter oder der Vater fühlen sich trotzdem nicht wohl dabei. Dann sollte man nicht sagen: „Komm da weg, der Zug überfährt dich gleich!“ Sondern man sollte sagen: „Sei so gut, du weißt ja, ich kann das nicht mit ansehen.“ Man sollte also Respekt haben davor, wie leicht die eigene Befindlichkeit ungefiltert auf das Kind überfließen kann.

Reinmar du Bois ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Stuttgart und Autor des Sachbuchs „Kinderängste“.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen