19.11.2011 · Es geht halt nicht anders: Ein WG-Casting ist für alle Beteiligten eine heikle Sache. Ein Protokoll.
Von Julia Schaaf, BerlinIch find die cool“, sagt Franz, als Steffi gegangen ist.
„Cool“, sagt Vitali.
Yvonne nickt nur.
„Die hat krass viel geredet“, sagt Franz. „Sie war aufgeregt.“
„Ich fand sie voll sympathisch“, sagt Vitali.
Franz: „Und sie hat einen Staubsauger . . .“
Ein Novembersonntag in Berlin-Mitte. Franz hat sein Zimmer aufgeräumt. Vitali bringt den Müll runter und fegt mit der Hand die Tabakkrümel vom Couchtisch. Yvonne ist gerade rechtzeitig aufgestanden, um frisch geduscht auf dem Wohnzimmersofa zu sitzen, bevor es um zehn nach zwölf zum ersten Mal klingelt.
„Ihr habt heute so ’ne Art Casting?“, fragt die Bewerberin.
Sie winden sich.
„Casting klingt so komisch“, sagt Franz und, ein wenig hilflos: „Es geht halt nicht anders.“
Vitali: „Uns ist wichtig, dass ein harmonisches Verhältnis entsteht. Wir wollen die Leute wirklich kennenlernen.“ Am liebsten hätte er eine Party für die Bewerber geschmissen, um im Lauf eines entspannten Abends herauszufinden, wer am besten passt. Jetzt begrüßt er jeden, indem er fragt: „Wie geht es dir?“ Das Casting soll sich nicht nach Casting anfühlen.
Das Ritual der Mitbewohnersuche ist so alt wie die Erfindung der Studenten-WG. Manche Wohngemeinschaften bestellen alle Interessenten zum gemeinsamen Besichtigungstermin. Andere vergeben Viertelstunden-Slots, in denen die Bewerber sich anpreisen können wie die Kandidaten einer Fernseh-Show. Es soll Männer-WGs geben, die reihenweise Studentinnen einladen, ohne ein Zimmer frei zu haben. In dem Herbst, in dem doppelte Abiturjahrgänge an die Unis strömten und es keinen Wehrdienst mehr gibt, vermutlich keine dumme Masche. Die Städte sind voll mit Erstsemestern, die Wartelisten für Wohnheimplätze lang.
Die erste Bewerberin trägt Stiefeletten, Rock und Parka. Das Zimmer (28 Quadratmeter, 400 Euro) und die riesige Wohnung (Altbau mit Stuck in abgewohntem, aber nicht heruntergekommenem Zustand, Wasch- und Spülmaschine vorhanden) spielen merkwürdigerweise keine Rolle. Das wird auch bei späteren Besichtigungsterminen nicht anders sein. Schlimmer ist: Es entsteht kein Gespräch. Vitali, Franz und Yvonne erzählen also zum ersten Mal an diesem Nachmittag, dass sie 20 beziehungsweise 21 Jahre alt sind, Medienwissenschaften (Franz) beziehungsweise an der Kunsthochschule studieren (Vitali) beziehungsweise dort ein Praktikum machen (Yvonne). Zweimal Fürstenwalde, einmal Köln. Die junge Frau auf der Sofakante sagt immerzu „okay“, sonst fast nichts. Franz lädt sie zur Einweihungsparty ein Wochenende später ein. „Ich guck mir verschiedene Wohnungen an, das ist wie so ein Marathon.“ Dann ist sie weg.
Yvonne: „Anstrengende Person.“
Vitali: „Konservativ, unsicher, verklemmt.“
„Ich find jeden erst mal nett“, sagt Franz. „Aber ich fand die Atmosphäre übelst angespannt.“
Abreißzettel am Schwarzen Brett waren gestern. Sie haben in einem Internetportal eine Anzeige aufgegeben und geschrieben, dass sie jemanden auf Dauer wollen, „der auf unserer Wellenlänge ist“, Mann oder Frau, 19 bis 26 Jahre alt. Dann wurde aufgrund der E-Mails aussortiert. Mittdreißiger, Pärchen, Kurzzeitmieter, Verwender von Standardformulierungen. Franz war selbst lang genug auf Wohnungssuche, um zu wissen, dass man sich bei den ersten Anfragen noch Mühe gibt. Dann kommt der Frust, weil die Reaktionen spärlich sind. Aber er kann es einfach nicht leiden, wenn Leute beschwören, wie witzig sie seien. „Ich finde cool, wenn die sich auf Facebook stalken lassen“, sagt er. Die Fotos, ein gewachsenes Persönlichkeitsprofil - da bekomme man wenigstens einen gewissen Eindruck.
Ihr gemeinsamer Favorit: ein Grafikdesigner Anfang zwanzig, der in seiner Heimatstadt Möbel verkauft. Jung, aber tatkräftig, einer mit Plan. Einer wie sie.
Steffi hatte geschrieben, sie sei keine Tussi, obwohl sie an einer Elitehochschule International Business Management studiert. Rouge, lackierte Fingernägel, dazu ein Piercing. Sie sitzt auf dem Sofa und redet wie ein Wasserfall. Eine Jury würde loben: Sie macht das hervorragend. Greift auf, was die anderen sagen. Erzählt unterhaltsam von sich. Pflichtet Franz bei, dass besonders doofe Sendungen fürs gemeinschaftliche Fernsehen besonders lustig seien. Wechselt mit Vitali ein paar Sätze auf Russisch, als er sagt, dass seine Eltern aus Russland stammen. Und ihr „Neon“-Abo „wäre natürlich Allgemeingut“. Auch ein paar selbstgebaute Möbel fürs Wohnzimmer könnte sie beisteuern. Schließlich wollte sie ursprünglich mit einer Freundin zusammenziehen und ist entsprechend ausgerüstet, nur der Wohnungsmarkt gab das nicht her.
Vitali (ironisch): „Sie sammelt hier krasse Pluspunkte.“
Franz (nicht ironisch): „Hast du einen Staubsauger?“
Alle lachen (selbstironisch). Sie hat.
Dann erzählt Franz, wie ihm auf einer Lateinamerika-Reise der Laptop geklaut worden ist und von der Lebensmittelvergiftung, später, im Bus. Steffi erzählt, dass sie einmal beinahe nicht mehr heil aus Ruanda zurückgekommen wäre, weil Rebellen die Straße zum Flughafen gesperrt hatten. Nach einer Dreiviertelstunde erfragt sie beiläufig, dass es eine Gemeinschaftskasse für Toilettenpapier gibt und einen Putzplan, dessen Umsetzung daran krankt, dass kein Staubsauger vorhanden ist. Dann piepst ein Wecker in ihrer Handtasche. Sie zieht ihren weißen Anorak über und sagt: „Mir hat’s gefallen bei euch. Würde mich wirklich freuen.“
Als die Amerikanerin klingelt, übernimmt Yvonne. Die erste Bewerberin wurde noch im Pulk durch die Wohnung geführt, aber Vitali fand das aufdringlich und peinlich, jetzt kümmern sie sich reihum. Der Spiegel mit dem mächtigen Goldrahmen über der Badewanne. Yvonnes Zimmer, mit Kleiderstangen vollgestellt. Vitalis Zimmer, ein Fotostudio. Franz besitzt einen Boxsack. Das leere Zimmer hat abgezogene Dielen und einen Erker. Die Küche ist fast aufgeräumt. „Und, was sagst du?“, fragt Vitali, als die Frauen ins Wohnzimmer zurückkommen.
„Wow“, sagt die Amerikanerin. Sie kichert die ganze Zeit. Yvonne taut auf. Die Frauen fachsimpeln über die Schwierigkeiten, einen Studienplatz als Bühnenbildnerin zu bekommen.
Franz: „Hast du einen Staubsauger?“
Vitali: „Das soll kein Kriterium sein.“
Die Amerikanerin hat keinen. Dafür besitzt sie einen Wasserkocher, was auch ein Pluspunkt sein könnte. Jedenfalls stellt sich heraus, dass Yvonne nachts so friert, dass sie zwei Wärmflaschen mit ins Bett nimmt und deshalb jeden Abend das Gemeinschaftsgerät aus der Küche entführt. Franz hatte sich schon gewundert.
„Das ist die geheimnisvolle Geschichte vom Wasserkocher“, resümiert Yvonne. Lachen.
Als die Amerikanerin nach ihren Lieblingssprachen fragt, weiß keiner eine Antwort. Vitali wirkt gelangweilt. Da klingelt es. Er verabschiedet sie mit dem Versprechen, noch am gleichen Tag zu melden, wie sie sich entschieden hätten.
Die Engländerin, die zur Türe hineinkommt, bleibt noch kürzer. Ein Miss-Piggy-Typ; den Mantel, farblich abgestimmt auf die nussbraunen Haare, legt sie gar nicht ab. Sie ist höchstens ein Dreivierteljahr in Deutschland, und ihre Selbstbeschreibung - „ich koche gern, liebe Kunst und gehe gerne aus“ - ist nicht aussagekräftiger als Standardsätze in E-Mails. „Arsenal oder Chelsea?“, fragt Franz zum Abschied. Sie muss überlegen.
„O Gott, ist das anstrengend“, stöhnt Vitali und lässt sich aufs Sofa fallen, als sie wieder alleine sind. Yvonne hat keine Lust mehr, jedes Mal dasselbe über sich zu erzählen. Franz reicht zum Trost eine Tafel „Ja“-Schokolade in die Runde. Seine „Hartz-IV-Stullen“ hat er schon verspeist: Billigtoastbrot, Billigwurst, Billigkäse, darüber dänische Röstzwiebeln und Senf, den Becher für 27 Cent. Er finanziert mit seinem Bafög lieber sein Zimmer und spart an anderen Stellen. „Mir schmeckt’s“, sagt Franz, „wenn man’s toastet.“ Leider haben sie noch keinen Toaster.
Ob Georg (Name geändert) einen besitzt? Und ob er eine Chance gehabt hätte, wenn er sich als erster vorgestellt hätte und nicht alle so ermattet gewesen wären?
Eigentlich erzählt der Vierundzwanzigjährige lustige Geschichten: dass er Geld brauchte, als er ohne Master-Studienplatz dastand, weshalb er bei einem Supermarkt an der Kasse angeheuert hat. Nach zwei Tagen war es ihm zu stressig. Weil er die Zahlencodes der Backwaren nicht auswendig konnte, tippte er im Zweifelsfall immer auf „Italienische Brötchen“. Ein Zimmer sucht er, weil das Zusammenleben mit der Exfreundin des Bruders nicht funktioniert, dabei waren sie „nicht in der Kiste und nichts“. Georg kennt sogar die Kleinstadt, in der Vitali und Franz aufgewachsen sind.
Und trotzdem: Mit seiner Schiebermütze, findet Franz, sieht Georg aus, als betrachte er sich als Teil der jungen, weltoffenen Elite Europas. Außerdem arbeitet er neuerdings sechzig Stunden die Woche, im Marketing, ohne dass er die Frage beantworten kann, ob ihm der Job gefällt. Die Zahnbürste im Büro wolle er jedenfalls wieder abschaffen, sagt er. Keiner bringt ihn zur Tür. Schweigen.
„Ich fand ihn nett“, sagt Franz, aber Vitali bremst ihn: Immer erst zehn Sekunden warten, damit man sicher sein kann, dass keiner an der Türe lauscht.
„Ich fand ihn leider nicht sympathisch und uninteressant für mich“, sagt Yvonne. „Ich habe dann nicht mehr zugehört.“
Franz sagt: Wäre Steffi nicht gewesen, er wäre frustriert. „Und sie hat einen Staubsauger . . .“
Vitali ruft sie an, sie könne jederzeit einziehen. Dann klingelt sein Telefon. Es ist ihr Favorit. Vier Uhr nachmittags, und der Möbelverkäufer-Grafiker ist gerade erst aufgestanden, Besichtigungstermin hin, Besichtigungstermin her. „Die Sache ist die: Weil du nicht angerufen hast, haben wir uns jetzt schon entschieden“, sagt Vitali. Und zu den anderen, später: Wahrscheinlich sei der wirklich wie sie. Jedenfalls habe er es echt verpennt.
Kommt mir bekannt vor
marc siebecker (sevenbaker)
- 22.11.2011, 13:26 Uhr
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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