Im grün-grauen Kleid mit Glitzerbesatz betritt Montserrat Caballé am Arm ihres Pianisten Manuel Burgueras die Bühne der Oper in Leipzig. So gewandet hätte sie auch in die Stadt gehen können, ohne aufzufallen, denn wie jedes Jahr zu Pfingsten seit 1992 ist „Wave-Gotik-Treffen“ (WGT), eines der größten Treffen der „Schwarzen Szene“ in Deutschland. Und wie in den vergangenen Jahren haben die Organisatoren des Treffens, bei dem Künstler der Gothic- und Dark-Wave-Bewegungen aus der ganzen Welt auftreten, auch ein Kartenkontingent für Veranstaltungen in der Oper gekauft. So sitzen dort zum Liederabend mit der 79 Jahre alten Sopranistin die Musikliebhaber, die in Anzug und Abendkleid gekommen sind, neben den schwarzgewandeten WGT-Teilnehmern.
350 Karten stehen für die Gotiker zur Verfügung. Verteilt werden sie nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Um 19 Uhr soll der Abend in der Oper beginnen, schon zwei Stunden davor bevölkern Hunderte den Platz davor. Als die Verteilung um 18 Uhr beginnt, sind es gut 1000 Gotiker, die in einer langen Schlange anstehen. Viele gehen leer aus, und die Enttäuschung ist groß: „Man hätte wenigstens ankündigen können, wie viele Karten es gibt“, sagt einer. „Dann hätten wir nicht die Stunde hier umsonst angestanden.“
Parkbühne, Messegelände oder Moritzbastei, die ganze Stadt ist am Pfingstwochenende Veranstaltungsgelände der Gotiker. Und so überlegen sich vier, wohin sie noch gehen können. Letztlich ziehen sie aber unverrichteter Dinge ab. Zwar hätten sie noch Karten kaufen können, doch der Preis zwischen 85 und 105 Euro schreckt viele ab. „Schade, das war die Chance, einmal Montserrat Caballé zu sehen“, sagt ein junges Mädchen mit bunten Haaren und sehr hohen Plateau-Sohlen.
Im Saal sind noch einige Plätze frei, und teilweise ist nicht zu erkennen, wer wegen des WGT gekommen ist und wer nicht. Kleider und feine Hemden sind auch in der schwarzen Szene beliebt. Als die weltbekannte Operndiva endlich die Bühne betritt, empfängt sie tosender Applaus. „Ich möchte die Leipziger und alle Gotiker grüßen“, ruft sie unter dem Beifall des Publikums. Und fragt dann: „Sagen Sie mir, was sind Gotiker?“ Eine antwortet ihr: „Schwarze Seele!“ Montserrat Caballé fängt an zu lachen: „Schwarze Seele? Und was wollen Sie dann hier?“ Während ihres Auftritts wird sie immer wieder darauf zurückkommen und ihr Lachen im Zaum halten müssen.
In der Pause wird diskutiert, wie es gewesen ist. Karl-Heinz, ein WGT-Besucher aus Bayern, findet es großartig. Er gehört zu den Glücklichen, die eine Karte bekommen haben. „Ich war gegen 17 Uhr hier, habe gefragt, wie viele Karten es gibt und die Leute abgezählt.“ Für andere, die sich über die Organisation beschweren, hat er kein Verständnis: „Sollen die doch in die Emo-Ecke gehen.“ Für ihn gehört der Besuch der klassischen Musik zum WGT dazu, und er empfindet es überhaupt nicht als Kontrastprogramm. Auch optisch hält er seinen Aufzug und den seiner Freundin für angemessen: „Ich habe ein Hemd, sie ist im Kleid da, das passt doch.“
Susann und Julia Michel sind extra aus Berlin zum Caballé-Konzert gekommen. Die beiden sind positiv überrascht, das ungewohnte Publikum zu sehen. „Es ist doch schön, dass die dabei sind.“ Gerade auch junge Leute sollten doch in die Oper gehen. Sie waren vor ihrem Opernbesuch auch in der Stadt unterwegs und fanden es spannend, die ganzen phantasievollen Kostüme und Verkleidungen der Gotiker zu sehen. Die Szene sei vollkommen neu für sie. Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, sind sich einig, dass sie mehr darüber erfahren wollen. Zumindest, um herauszufinden, worum es bei Gotik geht, denn mit „Schwarze Seele“ konnten sie nichts anfangen.
Nach der Pause kommt die Sängerin in einer weinroten Samtrobe mit abgesetzten Ärmeln auf die Bühne, was die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hinreißt, ähnelt das Kleid doch noch mehr als das vorherige der ungeschriebenen Kleiderordnung des WGT. Auch im zweiten Teil des Konzerts gibt es immer wieder Zwischenapplaus. Und zum Schluss lernt Montserrat Caballé zwei der „Schwarzen Seelen“ auch noch aus nächster Nähe kennen. Während sie die Ovationen entgegennimmt, kommen ein Mann auf Plateau-Schuhen, im schwarzen Frack und mit einem Zylinder, um den er eine fantasiereich verzierte Schweißerbrille trägt, und eine jungen Frau mit kurzem schwarzen Kleid und Netzstrumpfhosen auf die Bühne und überreichen den Künstlern Blumen. Die Überraschung ist sichtlich gelungen, die Caballé blickt verwundert zu dem gut zwei Köpfe größeren Mann hinauf. Doch es ist auch nicht zu übersehen, dass sie Spaß hat. Sofort nimmt sie den Blumenkavalier in Beschlag, hakt sich bei ihm ein und unterhält sich mit ihm. Nach ein paar Verbeugungen verlassen sie gemeinsam die Bühne, und der Saal leert sich.
Klassische Musik trifft Gothic, das geht also gut zusammen. Und so planen die Veranstalter des Treffens schon fürs nächste Jahr. Zeitgleich mit dem WGT finden 2013 die Wagner-Tage in Leipzig statt. Auszüge des „Parsifal“ werden dann vor dem Völkerschlachtdenkmal gespielt - und mit Sicherheit werden sich wieder viele Gotiker darüber ärgern, an dem Abend keine Karte mehr bekommen zu haben.
Gotiker... *schmunzel*
Julia Schulz (JuliaSchulz)
- 29.05.2012, 19:41 Uhr