26.05.2009 · Auf der Suche nach einem Weibchen legte ein Waschbärenmännchen aus dem Müritz-Nationalpark 800 Kilometer zurück - mehr, als je ein anderer Waschbär vor ihm. Doch die Suche nach Liebe endete für den kleinen Casanova tragisch.
Von Jan GrossarthIm Herbst vor zweieinhalb Jahren begann Waschbär Nummer 5002, an Weibchen zu denken. Waschbär 5002 war zu dieser Zeit etwa sieben Monate alt und noch nicht geschlechtsreif. Da er das aber bald werden sollte, bot es sich an, sich schon mal nach einer Bärenfrau umzusehen. Natürlich hatte Waschbär 5002 aus dem Müritz-Nationalpark gar keine andere Wahl, sondern lief eines Tages einfach los, weil ihn die Natur so programmiert hatte: Waschbärenmänner verlassen zur Paarung ihre Heimat, damit sie zu Hause nicht Inzest treiben. So weit hatte der Kleinbär also alles richtig gemacht. Einen großen Fehler beging er trotzdem: Er wanderte in Richtung Westen.
Es wurde Winter, und Nummer 5002 lief und lief und lief, acht bis zehn Kilometer weit in jeder Nacht. Zunächst hatte er wohl einfach nur Pech, dass er kein Weibchen fand. Doch irgendwann war er so weit in den Nordwesten Deutschlands vorgedrungen, dass er gar keines mehr finden konnte: in der Region gibt es keine Waschbärenpopulation von nennenswerter Größe. Der Bär hatte eine unglückliche Liebesreise angetreten.
Ein kleiner Casanova auf Tour
Waschbären sind stur, Nummer 5002 blieb auf seinem Weg. Immerhin führte ihn dieser zu einem Weltrekord: Vom mecklenburgischen Goldenbaum lief der Bär bis in die Nähe von Bremerhaven, fast 300 Kilometer Luftlinie, geschätzte 800 Kilometer Wegstrecke. Das sei die längste Wanderung, die auf der Welt je ein markierter Waschbär unternommen habe, teilten Wissenschaftler des „Projekts Waschbär“ am Montag mit - so stolz, als handele es sich beim Waschbärenweitlauf um eine olympische Disziplin. „Männchen sind reproduktionsorientiert. Sie wandern immer weiter, um ein geeignetes Weibchen zu finden“, erläuterte der Leiter des Forschungsprojektes, Frank-Uwe Michler. Durchschnittlich reisten die Rüden jedoch nur acht bis zwölf Kilometer, ehe sie ein Weibchen fänden.
Waschbären stammen ursprünglich aus Nordamerika, gelten hierzulande also als „Neozooen“, als heimische Tiere mit Migrationshintergrund. Ein erstes Paar wurde in Deutschland 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt. Die Mecklenburger und Brandenburger Population hingegen stammt aus einer ehemaligen Pelzfarm nahe Strausberg, die kurz vor Kriegsende im Frühjahr 1945 von einer Bombe getroffen worden war, was den Tieren die Freiheit schenkte. In dem wasser- und waldreichen Umland pflanzten sie sich fort. Während Waschbärenmännchen vor der Paarungszeit im Februar auf Wanderschaft gehen, bleiben die Weibchen standorttreu. Die „Ranz“ dauert nur wenige Tage, nur so lang sind die Weibchen empfängnisbereit. Das „Projekt Waschbär“ von der Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz hat diesbezüglich herausgefunden, dass es sich bei den jungen Waschbärenmännchen aus dem Nationalpark Müritz um „regelrechte Casanovas“ handle: Sie besuchten während der Ranz bis zu vier Weibchen.
Tod durch Schokokuss
Es gibt ein Foto von Nummer 5002, einem von mehr als hundert markierten Waschbärenrüden aus dem laufenden Forschungsprojekt. Das Foto zeigt ihn als Welpen im Arm einer Biologin. Die Biologin guckt den Bären liebevoll an. Doch der Bär auf dem Foto scheint schon irgendeinen fernen Punkt zu fixieren.
Welchen Weg genau Nummer 5002 wählte, ist nicht bekannt, da die Funkverbindung von der Forschungsstation nur einige Kilometer weit reicht. Fest steht, dass er 90 Tage lang unterwegs war. Statt eines Weibchens fand er nur den Tod: Er wurde am 5. März 2007 erschossen. Erst jetzt erfuhren die Forscher durch einen Zufall vom Fundort des Pelztiers. Der Waschbär war einer Jägerin in eine Marderfalle getappt, er hatte sich von einem Schokokuss ködern lassen. Die Jägerin tötete den Bären in Oerel bei Bremervörde, weil sie seine Ohrmarke nicht rechtzeitig erkannte. Darauf stand nur „5002“, nicht aber, zu welchem Forschungsprojekt der Waschbär gehörte. Die Jägerin behielt das Fell als Trophäe. Erst mehr als zwei Jahre nach dem Abschuss erfuhr sie zufällig von dem Waschbären-Forschungsprojekt im Müritz-Nationalpark.
In Mecklenburg und Brandenburg verbreitet sich der Waschbär nun immer stärker und drängt dadurch nach Angaben des Brandenburgischen Umweltministeriums auch die Bestände an heimischem Niederwild zurück. Im Westen Deutschlands haben erst im vergangenen Winter einige Waschbären die Rheingrenze überquert: Nahe der Stadt Bingen wurde ein angefahrenes Tier auf einer Landstraße gefunden. Rund um Kassel werden Waschbären bereits als Plage bezeichnet. Sie haben kaum natürliche Feinde, meist beenden Autos oder Motorräder ihr Leben. Immer häufiger kommen sich Mensch und Waschbär auch auf anderen Terrains in die Quere: In der Uckermark aßen die Tiere neulich die Trauben von mehr als 500 Rebstöcken eines Winzers, andere durchwühlten auf der Suche nach Engerlingen fein gestutztes Golfgrün. Und in Märkisch Oderland verdächtigten empörte Naturschützer Angler, die Kormoran-Nester zu zerstören. Doch daran waren wieder die Waschbären schuld, die doch manchmal so weit reisen müssen.