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Sonntag, 12. Februar 2012
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Urban Explorer In die Geschichte einsteigen

17.11.2009 ·  Sie erkunden Ruinen, alte Industriegebiete und abrissreife Häuser: Die Lust am Entdecken, ihr Forscherdrang und Freiheitstrieb treiben Urban Explorer an. Aber ihre Touren sind nicht ungefährlich und häufig illegal.

Von Linda Tutmann
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In Regenbogenfarben glitzert die Wasseroberfläche. Ein schimmernder Film reflektiert das fahle Licht der Taschenlampe. Rot, Grün, Blau, als hätte ein Öltanker sein teures Gut ins Meer abgelassen. Mehr Brühe als Wasser füllt das, was von dem Schwimmbecken noch übrig geblieben ist. Hellblaue Kacheln, eine rostige Leiter zum Einstieg. Süßlich-herb riecht es, nach abgestandenem Wasser statt scharfem Chlor. In dieser Brühe, in der vor über zehn Jahren noch Kinder schwimmen lernten und Damen mit Badekappen ihre Bahnen zogen, treiben heute tellergroße Schimmelpilze an der Wasseroberfläche. Die Überreste von Füchsen, die im Dunkeln ins drei Meter tiefe Becken tappten und ertranken – der süßliche Geruch stammt von ihnen.

„Wir konnten über mehrere Monate ihren Verwesungsprozess mit der Kamera dokumentieren“, sagt er – sein Name soll geheim bleiben – und deutet auf die weißlichen Schimmelflocken. Seit über drei Jahren ist der Vierunddreißigjährige jedes Wochenende in verfallenen Gebäuden, Industrieruinen oder auf Baustellen unterwegs – mit Kamera, um den Verfall festzuhalten. Er ist ein Urban Explorer, erkundet die Stadt abseits des öffentlichen Raums und oft an der Grenze zur Legalität. „Am Anfang wollte ich Berlin kennenlernen und auch Orte, die man vielleicht als normaler Mensch nie aufsucht.“

Er wurde er schon von Wachmännern angezeigt

Auch heute ist er wieder unterwegs in der Stadt, die ein Paradies ist für Explorer. Besonders der Ost-Teil Berlins lockt mit unzähligen DDR-Bauten, die kurz vor dem Abriss stehen und somit die idealen Objekte für morgendliche Erkundungstouren sind. Heute hat er sich eine alte Brauerei in Friedrichshain vorgenommen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier noch Bier gebraut, nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die DDR das Gebäude als Sportzentrum. „Es ist spannend, wie Geschichte in den alten Mauern erfahrbar wird“, doziert er. Aufgang Halle 2, Halle 3: „Gymnastikraum, Billard“ steht in schwarzen Blockbuchstaben an einer Eisentür. Ein Aufkleber daneben verrät, welcher Verein in der Sportstätte seinen Sitz hatte: Der SG Empor Brandenburg 1952 – „Fit für die Freizeit“. Der Sticker stammt von 1994. „Die Anlage wurde auch noch nach der Wende genutzt.“

Ähnlich akribisch wie beim Durchforsten der Ruine mit Taschenlampe, Kamera und Gartenhandschuhen ist er auch bei der Vorbereitung seiner Touren. Wo es neue Objekte zu erkunden gibt, erfährt er aus der Lokalpresse oder auch in einem der Urban-Explorer-Foren. Die wachsende Szene organisiert sich hauptsächlich im Internet, tauscht sich über Gebäude aus, verabredet sich zu Touren, diskutiert über Neuentdeckungen und gibt Tipps, wie man am besten in die Gebäude eindringen kann. „Man muss schon vorher eine gute Orientierung haben“, sagt er. Besonders brenzlig sei der Einstieg, da viele Gebäude abgeschlossen und mit Brettern verrammelt sind. In die alte Brauerei kommen wir über ehemalige Entlüftungsrohre. Heikel ist der Einstieg auch, weil man hier am leichtesten erwischt wird. Juristisch gesehen, begeht er nämlich Hausfriedensbruch. Ein paarmal wurde er schon von Wachmännern überrascht und angezeigt. Zur Anklage ist es aber bisher nie gekommen: „Der Staat, dem die meisten Häuser gehören, hat oft kein Interesse daran.“

Nur einmal hat er sich verletzt

Ein mulmiges Gefühl hat er trotzdem häufig, wenn er über Rohre, Fenstersimse oder Dächer in die Häuser einsteigt. Aufatmen kann er, wenn er den sicheren Boden des Gebäudes unter seinen Füßen spürt. Denn sobald er sich in einer Ruine befindet, wird es für jeden Wachmann schwer, einen Urban Explorer in den oft weitläufigen und verwinkelten Gängen und Räumen aufzuspüren. Und warum nun überhaupt die Touren an jedem Wochenende, sommers wie winters? Er zieht an einer Zigarette: „Früher wollte ich immer Archäologe werden.“ Forscherdrang, Entdeckungslust, Freiheitstrieb und die Freude am Fotografieren und Dokumentieren treiben ihn an. „Und der kontrollierte Anarchismus.“

Überall in der Stadt gebe es Vorschriften. Hier könne man sich seine Regeln selber machen. Aber das muss man auch wirklich tun bei dieser nicht ungefährlichen Leidenschaft: „Ich gehe niemals alleine los, das ist mir viel zu gefährlich.“ Man erahnt es, wenn man, nur geleitet durch das Licht der Taschenlampe, durch Kellergewölbe tappt und sich plötzlich direkt vor einem ein Schacht öffnet. Nur einmal hat er sich verletzt. Beim Einstieg über einen Balkon ist er drei Meter tief gefallen und hat sich seinen Knöchel angeknackst: „Da ist man ohne Begleitung aufgeschmissen.“ Besonders in den unteren Stockwerken habe man nicht mal Handyempfang. Eine seiner persönlichen Regeln: Einer klettert vor, der andere wartet unten, damit einer im Notfall Hilfe holen kann. „Man weiß nie, wie sicher so ein Dach ist.“

Manchmal ärgert ihn der Vandalismus

Nicht zum ersten Mal läuft er über ein Wellblechdach. Geübt umrundet er jede brüchige Stelle. Zehn Mal war er schon hier, langweilig wird es ihm nie: „Man entwickelt eine Art Beziehung zu den Objekten und schaut gerne mal wieder rein, um zu gucken, was sich verändert hat.“ Und wirklich war seit dem letzten Mal jemand hier. Er zeigt auf die leuchtend roten Graffiti-Schriftzüge an der Wand. Darüber hängen noch die rostigen Ringe der Basketballkörbe. Manchmal ärgert ihn der Vandalismus, der mit Urban Exploration nicht viel zu tun hat. Mehrere Lagen Putz blättern von den Wänden, von Mintgrün über Dunkelgrün bis hin zu Gelb. „Mich fasziniert, dass man in vielen Ruinen Geschichte wirklich noch erleben kann“, doziert er wieder. In einem Haus habe er mal alte DDR-Dokumente gefunden.

Wie viele Touren er in den letzten Jahren gemacht hat, weiß er nicht genau, 300 schätzt er, vielleicht auch ein paar mehr. Damit er sich besser mit anderen Urban Explorern vernetzen kann, gründete er vor drei Jahren eine Internetseite für den Großraum Berlin. Die Userzahlen steigen kontinuierlich. Zwischen 250 und 300 angemeldete Mitglieder hat die Plattform. Die besonders Aktiven kennt er auch persönlich von den Streifzügen. „In den Foren gibt es einen Wettstreit, wer als Erster eine Eingang bei neuen Objekten findet.“

Und den Ausgang. „Keine Wachhunde in Sicht“, sagt er und balanciert über die Rohre zu einer Steinmauer ins Freie. Es ist fast Mittag. Stimmen von der angrenzenden Straße dringen herüber. „Take nothing but pictures and leave nothing but footprints.“ Getreu dem Motto der Urban Explorer verlässt er das verwilderte Grundstück. Hinterlassen hat er nichts. Aber er hat sich wieder mal ein Bild von der Geschichte gemacht.

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