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Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen „Abnehmen ist wie ein Wettkampf“

12.04.2009 ·  Dicke Kinder werden gehänselt. Nach außen lassen sie diese Beleidigungen an sich abprallen. In Wirklichkeit sind viele mit ihrem Körper aber selbst nicht zufrieden. Sie wollen die Kilos loswerden. Manchmal hilft eine Kur, manchmal mehr Taschengeld.

Von Yvonne Wagner
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Mit 14 Jahren ist Katharina Hess klargeworden, dass ihr Übergewicht zum Problem wird. Immer öfter haben die Schulkameraden über ihre kräftige Erscheinung gelästert. „Wenn jemand an mir vorbeigegangen ist, kamen Sprüche wie ,Geh abnehmen' oder ,fettes Schwein'“, erzählt sie. Nach außen hat sie diese Beleidigungen an sich abprallen lassen. In Wirklichkeit war sie mit ihrem Körper aber selbst nicht zufrieden.

Viele Jugendliche kennen dieses Problem nur zu gut. Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren sind zu schwer oder gar fettleibig. Das kann schwere Folgen für die Gesundheit haben - von erhöhtem Blutdruck und Diabetes bis zu einem erhöhten Risiko, Nierensteine oder Gicht zu bekommen.

Fehlende Unterstützung

Deswegen empfahl der Arzt Katharina dringend, Gewicht abzubauen. Bei ihr sorgte die hohe Gelenkbelastung bereits für Knieschmerzen. Doch sie wusste nicht, wie sie das schaffen sollte. Längst hatte sie das Gefühl für ihren Körper verloren. Oft hat sie gegessen, weil ihr langweilig war, und nicht, weil sie Hunger hatte. „Als ich noch klein war, ist mein Vater oft mit mir rausgegangen. Später hatte er keine Zeit mehr dafür“, erzählt sie. Das Essen sollte die gemeinsame Zeit mit ihrem Vater ersetzen. Um sich selber wieder zu spüren, hat sie sich zeitweise fest in die Haut gezwickt, kurzzeitig sogar geritzt. Doch es nutzte nichts. Genauso wenig wie das Fußballtraining zweimal in der Woche. Mit 15 Jahren und einer Körpergröße von etwa 1,65 Metern wog Katharina 110 Kilo.

Schließlich meldete sie sich bei einem Projekt des Gesundheits- und Pflegezentrums Rüsselsheim für stark übergewichtige Kinder an. Hier sollen Kinder vor allem lernen, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. Gemeinsam in einer Gruppe mit Gleichgesinnten hat Katharina ein Jahr lang gekocht, Sport getrieben, medizinische Hintergründe erfahren und über ihre Probleme geredet. Sie hat gelernt, wie man gesund lebt und sich gut ernährt. Das Mindestziel des Projektes, ihr Gewicht zu halten, hatte sie in diesem Jahr erreicht. Allerdings war Katharina gerade darüber sehr enttäuscht, denn eigentlich wollte sie abnehmen. „Mir fehlte einfach die Unterstützung. Meine Mutter hat nur am Anfang fettarm gekocht“, erzählt die heute 17-jährige Auszubildende, „und weil es mit dem Abnehmen nicht gleich geklappt hat, hatte ich keine Motivation mehr.“

Schluss mit dem Mobbing

2007 unternahm sie den nächsten Versuch und machte eine Kur im hessischen Bad Orb. Dieses Mal hatte sie Erfolg. „Acht Wochen war ich dort und habe 25 Kilo abgenommen. Ich war ein ganz neuer Mensch“, sagt Katharina. Sie hat täglich Sport getrieben, drei fettarme Mahlzeiten pro Tag zu sich genommen und nur Wasser oder ungezuckerten Tee getrunken. Selbst auf die erlaubten Süßigkeiten hat sie meistens verzichtet. „Für mich war die Kur wie ein Wettkampf, ich wollte unbedingt besser sein als die anderen.“ Es hat sich gelohnt - sie hat es richtig genossen, nicht mehr gemobbt zu werden.

Doch nach der Kur hat sie gemerkt, wie schwer es ist, das Gelernte im Alltag anzuwenden. Denn der behütete Rahmen einer Kur spiegelt das wahre Leben nicht wider. Seit Katharina eine Lehre als Einzelhandelskauffrau macht, findet sie weniger Zeit für den Sport und das regelmäßige Essen. Sie hat wieder zehn Kilogramm zugenommen. „Mir fehlen die Mitstreiter aus der Kur und jemand, der mich beim Abnehmen betreut“, sagt sie. Wie viele übergewichtige Kinder und Jugendliche braucht auch Katharina einen geordneten Tagesablauf, um mit ihrem Gewichtsproblem fertig zu werden. Außerdem fehlt ihr jemand, der sie unterstützt und sie daran hindert, aufkommenden Frust mit Essen zu ersticken und sich mit den Köstlichkeiten von innen zu streicheln.

„Das hab' ich alles schon gegessen, das ist langweilig“

Doch nicht immer sind seelische Belastungen die Ursache für Übergewicht. Manche Kinder haben auch einfach Spaß am Essen. Kombiniert mit zu wenig Bewegung und falschen Essgewohnheiten, brechen für sie im Laufe der Jahre „schwere“ Zeiten an. Manchmal helfen kleine Tricks. Bei Stefanie, die gerade am Rüsselsheimer Projekt teilnimmt, ist es der Trick mit dem Taschengeld. „Meine Mutter gibt mir einen Euro für 100 Gramm weniger Gewicht“, erzählt die Zwölfjährige. Stefanie hat so schon in einer Woche 13 Euro verdient. Inzwischen hat sie noch eine andere Methode entwickelt, um den übermäßigen Genuss besser zu kontrollieren: Wenn sie einen Blick in den Kühlschrank riskiert, sagt sie sich: „Das hab' ich alles schon gegessen, das ist langweilig“, und klappt die Tür wieder zu.

Was bei Stefanie gut funktioniert, kann aber für andere ganz anders wirken. Durch den Druck, bei Misserfolg auch Taschengeld abgezogen zu bekommen, dreht sich wieder alles nur um das Gewicht. Und das kann erneut zum heimlichen Essen verleiten.

Was aber den meisten Kindern hilft, ist die Unterstützung durch ihre Eltern. Vor allem wenn sie sich angenommen und unterstützt fühlen, und zwar unabhängig von ihrem Gewicht. Wenn die Eltern dann noch eine gesunde Lebensweise vorleben, sind die Chancen besonders gut, dass die Kinder dauerhaft abnehmen.

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