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Studieren mit Eltern Papa, Mama, die Uni und ich

21.06.2011 ·  Studienort, Wohnheim, Bafög: Eltern reden heutzutage wie selbstverständlich mit, wenn es um das Studium ihrer Kinder geht. Die finden das nicht peinlich, sondern bequem. Und wie reagieren die Hochschulen? Sie veranstalten Elternabende.

Von Stefan Locke
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Es ist Samstag, Viertel nach neun am Morgen, und Lilli Löffel hat längst einen Plan. Zuerst will sie den Dresdner Campus sehen, dann die Fakultät kennenlernen, anschließend das Mensaessen testen und noch einige Wohnheime anschauen. „Schaffen wir das alles?“, fragt die Achtunddreißigjährige aus Gotha und blickt leicht besorgt auf das Programm; neben ihr stehen ein roter Rollkoffer und Tochter Katrin. „Wir müssen nämlich am Nachmittag noch weiter.“ Katrin ist 16 und macht nächstes Jahr Abitur. Danach will sie internationale Beziehungen studieren. „Das hat sich in den letzten Monaten so herausgebildet“, sagt sie. „Und es wird ja langsam Zeit“, ergänzt ihre Mutter.

„Das schaffen Sie schon“, sagt Alexandra Schröder, 29, die solche Situationen kennt. Seit einem Jahr organisiert sie sechsmal im Jahr die Eltern-Campus-Tour an der Technischen Universität Dresden - auch an diesem „Uni-Tag“, der wie in jedem Frühjahr Abiturienten Studienwahl und Orientierung an der Hochschule erleichtern soll. Seit einigen Jahren schon erscheinen dabei immer mehr Eltern, zum Teil sogar ohne ihre Sprösslinge. Auch diesmal laufen auffällig viele Leute jenseits der 35 durch das Hörsaalzentrum, wo sich alle Studiengänge an Info-Ständen vorstellen. „Viele Eltern freuen sich über das Angebot und die Tour“, sagt Schröder. Einige hätten selbst hier studiert und schwelgten in Nostalgie, die meisten aber wollten unbedingt jedes Detail und häufig mehr als ihre Kinder wissen.

„Stop!“, ruft Lilli Löffel, als Schröder im Uni-Gelände zügig durch ihre Schaubilder blättert und gerade die Herkunft der Studenten - je zur Hälfte aus Sachsen sowie dem Ausland und den alten Bundesländern - aufzählt. „Das ist doch interessant! Können Sie das näher erläutern?“ Ein paar Schritte weiter, im Hörsaal, vertieft sich die Mutter umgehend in einen Vorlesungsplan. „Was ist das für eine interessante Zeitangabe?“, will sie wissen. „Und finden alle Vorlesungen in diesem Gebäude statt?“

Das mehr als finanzielle Interesse der Eltern am Studium ist ein Phänomen, auf das sich immer mehr Universitäten einstellen. Unis wie Frankfurt organisierten im Mai einen „Elternsprechtag“, in Kassel gab es bereits im Januar einen Elternabend (“Mein Kind will studieren“) und in Aachen Vorträge zum Thema „Was muss ich als Mutter/Vater bei der Studienentscheidung meines Kindes beachten?“. „Eltern beteiligen sich heute generell stärker“, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. „Für viele ist das Studium ein Projekt, das sie gemeinsam mit ihren Kindern angehen.“ Und das mit aller Konsequenz: Mütter und Väter kommen mit zur Erstsemesterbegrüßung, zur Wohnheimplatzvergabe und zum Bafög-Amt.

Viele junge Studenten sind unselbständiger geworden

Was diesen Eltern selbst seinerzeit sicher noch peinlich gewesen wäre, ist für ihre Kinder heute selbstverständlich. Das Verhältnis zwischen den Generationen sei heute eher partnerschaftlich, sagt Grob. Zudem seien die Studenten wegen des G8-Abiturs und des Wegfalls der Wehrpflicht immer jünger und durch die Umstellung auf Bachelor heute bereits mit 21 Jahren Absolventen - ein Alter, in dem früher das Studium gerade einmal ernsthaft anfing. „Die Abnabelung vom Elternhaus findet jetzt häufig erst nach dem Studium statt“, sagt Grob. Mit der Folge, dass viele Eltern wie selbstverständlich die Angelegenheiten ihrer volljährigen Kinder in die Hand nehmen - und die finden das auch noch bequem. „Boomerang kids“ nennt man diesen Nachwuchs in den Vereinigten Staaten, weil er immer wieder nach Hause kommt. Eltern, die zu viel Anteil am Leben der Kinder nehmen, haben ebenfalls ihren eigenen Terminus: „Helicopter parents“ - weil sie beobachtend über den Sprösslingen kreisen.

Dass die einen nicht loslassen können und die anderen nicht wollen, beobachtet Michael Klink seit Jahren. „Da hat sich erheblich was verändert“, sagt der sechsundfünfzigjährige Vizechef des Studentenwerks Ostniedersachsen. Gehe es um Wohnheimplätze, brächten heute 80 bis 90 Prozent der Studenten ihre Eltern mit, die dann auch prompt alles regelten. Viele Studenten hätten kaum Lebenserfahrung, seien bequemer geworden und froh, dass sich die Eltern kümmerten. „Früher wurden Probleme in Wohnheimen direkt geklärt, heute wird vielfach Papa angerufen, der sich dann bei uns meldet und die Sache erledigt haben will“, berichtet Klink. „Aber das machen wir nicht mit. Ich sage den Studenten: Sie wollen Führungskraft sein, da können Sie das doch nicht delegieren!“

Eltern mischen sich freimütig in die Angelegenheiten ihrer Kinder ein

Als das Studentenwerk im vergangenen Oktober in Lüneburg ein Erstsemester-Wohnheim mit Hausmeister im Block eröffnete und dazu auch die Eltern einlud, mussten am Nachmittag Nachwuchs und Erzeuger getrennt werden, weil die Eltern die Zimmerverteilung in die Hand nehmen wollten. „Das sollten die Studenten mal schön selber machen“, erzählt Klink. Er sagt aber auch, dass die meisten Eltern wüssten, dass zu viel Fürsorge nicht gut sei: „Drei Viertel von ihnen sind selbst Akademiker und auf das Thema ansprechbar.“ Doch manche könnten nicht aus ihrer Haut.

„Überbemutterung“ nennt das Ingo Wachendorfer, 34, vom Studentenwerk in München, wo er auf den Gängen in letzter Zeit immer mehr Eltern sieht. Zum Semesterbeginn verlosen sie hier stets rund 100 Zimmer unter fünf Mal so viel Bewerbern. „Wir wollen das unbürokratisch halten, aber Eltern verkomplizieren die Sache oft. Einige reagieren renitent und wedeln einem mit dem Mietvertrag vor der Nase herum.“ Hier gebe es die günstigsten Zimmer, und die Warteliste sei lang. „Ich habe nichts dagegen, wenn sich Eltern kümmern“, sagt Wachendorfer. Aber es gehe nicht, dass Bafög-Bearbeiter einen Zweiundzwanzigjährigen einlüden und dann dessen Eltern erschienen. „Ich verstehe ja, dass sie nur das Beste wollen, aber einige sind übervorsichtig und lassen ihren Kindern gar keine Chance, selbständig zu werden.“

„Das ist nichts für mein Kind!“

Auch Alexandra Schröder erlebt das auf ihren Eltern-Campus-Touren in Dresden: „Manche Eltern haben alles in der Hand.“ Es gebe Mütter, die erklärten: „Das ist nichts für mein Kind!“, die ihre Söhne anherrschten: „Nun frag doch auch mal was!“ und Väter, die verzweifelt fragten: „Meine Tochter will Politologie studieren - was macht man denn damit?“ Manche Studenten aber brächten extra ihre Eltern mit, um bei ihnen um Verständnis zu werben: „Die wollen, dass ihre Eltern wissen, was sie machen.“ Münster hat diese Art der Elternbeteiligung bereits professionalisiert. Alle zwei Jahre herrscht hier „Elternalarm“, bei dem mehr als 1000 Mütter und Väter von Studenten für ein Wochenende in die Universitätsstadt einfallen und sich am eigens für sie organisierten Debattierclub, Improvisationstheater, Mensa-Brunch und Medizinklausur beteiligen.

Der Erfolg dieser Eltern-Gaudi hat ihren Initiator Klaus Baumeister nicht völlig überrascht. Er hatte herausgefunden, dass die Studenten in Münster durchschnittlich sechsmal im Jahr Besuch von ihren Eltern bekommen. „Das war für viele Professoren, die noch den totalen Bruch mit dem Elternhaus vollzogen hatten, völlig unfassbar.“ Baumeister, 48 und selbst Vater, findet den Wandel nicht ungewöhnlich. Die Generations-Lebensläufe seien heute homogener, das Eltern-Kind-Verhältnis viel entkrampfter. „Wer hätte vor 40 Jahren gedacht, dass sich ein Fünfzig- und ein Fünfundzwanzigjähriger auf einen Kinofilm einigen können? Und ich kriege auch keinen Schock, wenn meine Kinder Lady Gaga hören.“ Vielen Eltern sei es einfach wichtig, Studienumgebung und Professoren ihrer Kinder persönlich zu erleben. Baumeister glaubt auch, dass gegenseitiges Wissen Konflikte minimiert und den Studienerfolg steigert. Das alles freilich unter einer Bedingung: „Eltern haben keine Mitsprache.“

Letzteres sei für viele hart, sagt Katarina Stein, 50, Studienberaterin an der TU Dresden, die am Uni-Tag einen 45-Minuten-Vortrag extra für Eltern hält. Der Titel: „Mein Kind hat Abitur - was nun?“ Begriffe wie Numerus Clausus, Bologna-Prozess und Credit Points schwirren durch den Saal; vor allem Mütter machen sich Notizen. Stein hat es zunehmend mit Eltern zu tun, die sich bei ihr per Telefon erkundigen, ob Sohn und Tochter in der Vorlesung waren. „Es passiert sogar sehr oft, dass Eltern Termine für sich und ihr Kind vereinbaren wollen. Aber wir verlangen, dass sich das Kind an uns wendet.“ Und nicht wenige Eltern schlucken, als sie Steins Kernbotschaft vernehmen: Egal ob Studienfach oder Vorlesungsbesuch - „im Zweifel entscheidet immer das Kind“.

Studieren statt protestieren

Bei Familie Schröder aus Bremen hat das Kind entschieden: Sohn Robert, 18, will Maschinenbau studieren. Seine Familie nutzt den Dresden-Besuch zur Campus-Tour. „Ich war ja seit dem Studium nicht mehr an einer Uni“, sagt die Mutter. Robert will sich später noch - allein - in Aachen umschauen, aber es werde wohl auf Dresden hinauslaufen. „Schließlich gibt es hier noch das Diplom“, raunt der Vater. Er selbst ist Diplom-Architekt und heilfroh, dass sich sein Sohn „für was Solides“ entschieden hat. Die Mutter ist vom Campus schwer begeistert. „Alles so sauber hier und kein Vergleich zu den Siebzigern, als wir studiert haben.“ Allerdings seien ihr die Studenten heute zu brav. „Das Studium ist doch die Zeit, auch mal zu protestieren.“ Ihr Sohn sagt, mit Studieren werde er wohl genug zu tun haben.

Auch Katrin Löffel nimmt die Wissbegierde ihrer Mutter mit Humor. Anfangs habe sie der ganze Elan genervt. „Aber jetzt weiß ich, was auf mich zukommt.“ In ihrer Klasse sei sie die Einzige, die sich schon ums Studium kümmert. „Heute gibt es so eine Info-Flut, wie soll sie sich denn da zurechtfinden?“, sagt die Mutter, die Wirtschaftsinformatik studiert hat. Den Einwand, dass sich die Kinder früher auch gekümmert hätten, lässt sie nicht gelten. „Ich hätte mir damals gewünscht, dass mir mal jemand was erklärt.“ Im Übrigen rede sie ja ihrer Tochter auch nicht rein. „Sie soll studieren, was ihr Spaß macht, dann ist sie auch gut, und nur wenn sie gut ist, kriegt sie auch einen Job.“ Während der Campus-Tour hat Katrin einen Vortrag zu ihrem Wunschstudium entdeckt. „Der bringt uns nichts“, sagt ihre Mutter mit Blick auf die Uhr. Vor zwei Wochen waren sie bereits in Leipzig, jetzt wollen sie sich noch die Unis in Würzburg, Stuttgart, Hildesheim und Göttingen angucken. „Gute Planung“, sagt Lilli Löffel, „ist der halbe Erfolg.“

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