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Sonntag, 19. Februar 2012
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„Spongebob“ Der Schwamm der Herzen

17.12.2009 ·  Die Amerikaner lieben Spongebob. Aber auch in Deutschland hat der viereckige Kerl eine immer größer werdende Fan-Gemeinde. Sogar unter den Erwachsenen. Weil er dazu einlädt, wieder Kind zu sein.

Von Markus Collalti, Stuttgart
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Sein derbster Fluch ist „Algengrütze“. Im Schnellimbiss zur „Krossen Krabbe“, wo er seit zehn Jahren mit großer Hingabe als Burger-Brater arbeitet, wurde er 374 Mal zum Mitarbeiter des Monats ernannt. Er war kurzzeitig verheiratet - mit einem Grauhörnchen namens Sandy, das im Rahmen eines Nasa-Projekts den Meeresboden bewohnt. Mit Sandy teilt er zwar die Begeisterung für Karate, viel mehr aber nicht. Die Lebensgewohnheiten eines Grauhörnchens sind ihm fremd geblieben. Also ist er wieder Single.

In seiner Freizeit fängt er am liebsten Quallen und macht Seifenblasen. Diesen Hobbys geht er meist zusammen mit seinem besten Freund Patrick nach, einem tumben, naschsüchtigen Seestern. Sein größter Wunsch ist es, eines Tages den Bootsführerschein zu haben. Bei etwa vierzig fahrpraktischen Prüfungen ist er bisher durchgefallen.

Ein Kindskopf in einer Erwachsenenwelt

Er heißt „Spongebob“, Schwammkopf - und wie es sein Name sagt: Er ist ein Schwamm. Und wohnt am Schelfrand des Bikini-Atolls, in einer schmalen, exotischen Welt zwischen Strand und Tiefsee, in der ein ausgestopfter Thunfisch die Fernsehnachrichten moderiert und gelegentlich Jacques Cousteau (nur am französischen Akzent zu erkennen) als Rahmenerzähler in Erscheinung tritt. Spongebob sei ein Küchenschwamm, ist öfter zu lesen. Aber das stimmt nicht. Er ist nur zufällig rechteckig. Er ist ganz und gar ein Naturschwamm, wie der Trickfilmzeichner und Meereskundler Stephen Hillenburg beteuert, der Spongebob 1999 für den amerikanischen Kindersender Nickelodeon ersann.

Eines ist Spongebob aber unverkennbar: ein Kindskopf in einer Erwachsenenwelt. Er hat einen eigenen Hausstand (in einer Ananas) und eine Festanstellung. Auch seine Kleidung (Tennissocken, Shorts in Khaki, weißes Hemd mit roter Krawatte) signalisiert eine gefestigte bürgerliche Existenz. Sein Auftreten erinnert an Stan Laurel und Oliver Hardy, über die Hillenburg sagt, sie seien Vorbilder für Spongebob gewesen: In jedem Milieu, in das es sie verschlägt, wollen sie anerkannt sein, überziehen es stattdessen aber mit Chaos. Wo sie auftauchen, bringen sie die Ordnung in Gefahr. Spongebob fehlt diese subversive Ader jedoch, die Lust am Zertrümmern. Er könnte auch nicht wie Pipi Langstrumpf gegen die Autorität der Erwachsenen rebellieren. Er könnte nicht einmal der Held sein, der die Konsum- und Leistungsgesellschaft gegen Schurken verteidigt, so wie Musterschülerin Kim Possible. Auch wenn er spielerisch in solche Rollen schlüpft und ihre Möglichkeiten auslotet, könnte er sie nie ernsthaft zum Programm machen. Aus einem einfachen Grund: Er ist zu naiv und zu freundlich, um mit der Welt auf Kriegsfuß zu stehen. Er hält ihr, egal, wie sie ihm begegnet, unerschütterlich die Hand zur Versöhnung hin. Während die Kindheit in den meisten Büchern und Filmen mit der Erwachsenenwelt Fehde führt oder aber an ihre Türen klopft und Einlass begehrt, wagt Spongebob das Unerhörte. Er bietet seinen Meeresmitbewohnern das Kindsein an. Es müsste sich nur auch die Erwachsenenwelt mit ihm versöhnen wollen.

Es gibt keine Tragödie - bestenfalls Osmose

Doch Spongebob hält das durch, mit einer für Schwämme typischen Zähigkeit. Er scheitert nicht, wie Stan und Olli, an den Milieus. In seinem weichen Gemüt, das die Frage nach Sein oder Nichtsein stets mit größtmöglichem Optimismus deutet, gibt es keine Tragödie - bestenfalls Osmose. Er stellt seine Umwelt permanent auf die Bewährungsprobe, während sie ihn niemals zu überfordern scheint. Denn so porös, saugfähig und flexibel sein gelbes Äußeres ist und trotz aller Verbiegungen doch immer wieder in die Ausgangsform zurückkehrt - so ist auch sein verträumtes, bis hin zur Einfalt zuvorkommendes Wesen nicht verformbar, jedenfalls nicht dauerhaft. Er ist das Idealbild der Kinderseele, die alles aufnimmt und von allem durchdrungen, die aber durch nichts korrumpiert wird.

In der Episode „Idiot Box“ („Der Film im Kopf“) bekommt Spongebob ein mannshohes Paket zugestellt. Unter den Blicken seines notorisch übellaunigen Nachbarn Thaddäus Tentakel, eines Tintenfischs, packt er ein riesiges Fernsehgerät aus. Er stellt es neben die Mülltonne und springt stattdessen gemeinsam mit Patrick in den leeren Pappkarton, um darin „Kopfkino“ zu spielen. Thaddäus nimmt das Fernsehgerät an sich, lauthals über die Dummheit des Schwamms spottend, der sich einen teuren Fernseher kauft, nur um einen Karton zu haben. Bald sitzt Thaddäus gelangweilt vor dem monströsen Bildschirm, schaltet von einem Kanal zum nächsten, während von draußen, wo die beiden Freunde noch immer im Karton sitzen, die spannendsten Geräusche erschallen. Tief in der Nacht schleicht Thaddäus schließlich hinaus und klettert in den Karton, ohne begreifen zu können, was daran lustig sein soll.

Durchschnittsalter der Zuschauer ist auf 22 Jahre gestiegen

Auch ihm hält Spongebob beständig die Hand hin und lädt ihn ein, wieder Kind zu sein. Vordergründig sieht das so aus, als scheitere Spongebob an Thaddäus, der lieber in seine Klarinette bläst und den albernen Schwamm für eine Bedrohung der unterseeischen Kultur hält. Aber es ist das Kalkül der Erwachsenen, nach dem eben ein teures Fernsehgerät mehr Unterhaltungswert besitzen muss als ein leerer Karton, das vor Spongebob kapituliert. Denn die Lebensfreude bleibt dem Schwamm treu. Nun schon seit 236 Episoden.

Die Unverwüstlichkeit, mit der Spongebob ein glückliches Leben führt, macht ihn zum Helden, nicht unbedingt in Bikini Bottom, seiner Trickfilmwelt, aber in der wirklichen. Glaubt man den Einschaltquoten, so ist er unter den Sechs- bis Elfjährigen der Schwamm der Herzen. Nahezu jedes Mal, wenn in den Vereinigten Staaten eine neue Spongebob-Folge zum ersten Mal ausgestrahlt wird, ist Nickelodeon auch in puncto Marktanteile der Tagessieger. Zuletzt war das am 6. November der Fall, als die Doppelfolge „Truth or Square“ („Eiskalt entwischt“) Premiere hatte. Laut Sender schalteten sie 4,4 Millionen Kinder ein (Marktanteil 12,5 Prozent). Aber das ist nur der Teil der Wahrheit, den Paneldaten offenbaren. Denn Spongebob wird nicht nur in Kinderherzen geschlossen. Das Durchschnittsalter der Zuschauer lag schon immer deutlich über dem Alter der vermeintlichen Zielgruppe. Seit 2007 ist es noch einmal deutlich auf momentan 22 Jahre gestiegen. Ein Schelm, wer da noch an ein vorpubertäres Publikum denkt.

„Ich bin für immer wieder da

Das war der Grund, warum man bei MTV Networks, das seit vergangenen Sommer die alleinigen Ausstrahlungsrechte in Deutschland besitzt, den Versuch wagte, Spongebob nicht nur auf Nick (dem deutschen Pendant zu Nickelodeon), sondern auch auf den Jugendsendern Viva und MTV auszustrahlen. Am 28. November ließ das Medienunternehmen unter dem Slogan „Think Happy Day“ auf allen Kanälen 24 Stunden lang Spongebob senden. Das brachte insgesamt 18,2 Millionen Zuschauer ein. Spongebob gelang es, den Zuschauerschnitt bei MTV um 30 Prozent, bei Viva gar um 50 Prozent über den Durchschnitt zu heben. Offensichtlich behauptet sich der unverwüstliche Schwamm überall. Ist er gefordert, macht er auch Gangsta-Rapper platt.

Für den „Think Happy Day“ konnten die Zuschauer per Internet ihre Lieblingsfolge bestimmen. Auf Platz eins gelangte „Heimat, süße Ananas“. In dieser frühen Folge aus dem Jahr 1999 fressen Fadenwürmer die Behausung von Spongebob auf. Es droht ihm, das selbständige Leben wieder zu verlieren und ins Elternhaus zurückkehren zu müssen. Doch er hat noch einen Samen seiner Ananas in der Hosentasche. Als eine Abschiedsträne darauf fällt, wächst ein neues Ananas-Haus (komplett mit Türen, Fenstern und Mobiliar) daraus. Freudig jubelt Spongebob: „Alles ist da, wo es hingehört. Thaddäus, ist das nicht toll? Ich bin für immer wieder da.“

Es sieht so aus, als hätte er recht behalten. Als am vorletzten Samstag die Folge „Eiskalt entwischt“ auch bei uns Premiere hatte, da schalteten genauso viele Erwachsene wie Kinder ein.

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