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Soziales Netzwerk im Kleinformat Mehr Nähe in der Nachbarschaft

26.11.2011 ·  In Hamburg haben zwei französische Entwickler ihre Jobs gekündigt und ein neues soziales Netzwerk gegründet. Es ist ein Balanceakt zwischen realer und virtueller Welt, um die Gemeinschaft in einzelnen Stadtvierteln zu fördern.

Von Talisa Dean
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© Thiel, Christian Oft wohnen Menschen mit den gleichen Interessen Tür an Tür, ohne sich zu kennen

Nähe in der Nachbarschaft, das ist das Ziel von Babak Ghanadian und seinem Kollegen Cédric Trigoso. Die beiden entwickelten die Social Media Plattform „Niriu“. Der Name ist eine Abwandlung der Wörter „Near you“ - „In deiner Nähe“. Bislang hat das „Social Network“  in der Testversion 400 aktive Nutzer und über 1000 Registrierungen, davon sind die meisten im Alter zwischen 25 und 35.  In einzelnen Hamburger Stadtteilen sollen Menschen dazu animiert werden, sich zu treffen und gemeinsam verschiedenen Aktivitäten nachzugehen. „Alles aber völlig ohne Verpflichtungen oder Risiken“ erklärt Ghanadian. Vielmehr ginge es um öffentliche Treffen und Unternehmungen.

Ghanadian und Trigoso sind selbst gern unter Leuten. Die Franzosen leben seit vier Jahren in Deutschland. Beide fanden über ihre Arbeit bei IT- und Kommunikationsmanagementfirmen Zugang zu Social Media. Bisher waren sie in ihrer beruflichen Karriere erfolgreich, aber nicht davon erfüllt. „Ich wollte einfach mal etwas anderes machen, etwas, wobei ich wirklich Spaß habe und direkte Ergebnisse erlebe“, erzählt Ghanadian.

Vision von einem besseren Zusammenleben

Angefangen hat alles mit einer Vision davon, das Zusammenleben in einzelnen Hamburger Vierteln langfristig zu verbessern. Damals, als Ghanadian und sein Kollege Trigoso nach Hamburg kamen, fühlten sie sich in ihrer Nachbarschaft etwas verloren. „Schnell wurde uns klar, dass wir eine Anlaufstelle brauchen, um neue Kontakte zu knüpfen“, erklärt der Entwickler. Gemeint ist aber keine Social Media Plattform wie „Facebook“, „My Space“ oder auch „Lokalisten“. Diese Netzwerke sind Ghanadian zu großflächig angelegt und zu unpersönlich, um dem Nutzer den Sprung aus der virtuellen Welt in die reale zu ermöglichen. „Im Zentrum unseres Konzepts steht der lebendige Kontakt und der regelmäßige Austausch im eigenen Viertel. Wenn man neu in einer Stadt ist oder schon lange dort lebt, hat man oft nur wenige Kontakte in der unmittelbaren Umgebung. Zum Joggen braucht man einen Laufpartner, der nicht am anderen Ende der Stadt wohnt“, sagt Ghanadian. „Das Netzwerk soll eine Schnittstelle sein, um sich zu finden und sich zu treffen.“

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© niriu.com Babak Ghanadian ist einer der Entwickler von „Niriu“: „Ich wollte einfach mal etwas anderes machen“

„Genau das ist es eigentlich auch“, erzählt Laura S..Sie nutzt das Netzwerk seit einigen Monaten und kommt damit gut zurecht. „Design und Benutzeroberfläche sprechen mich an, allerdings würde ich mir wünschen, dass „Niriu“ wächst“, erzählt sie. Sie hofft auf eine größere Vielfalt an Angeboten und Nutzern. Zwei bis drei mal die Woche loggt sie sich bei „Niriu“ ein und sieht die Angebote durch oder bietet selbst etwas an. „Inzwischen habe ich einige Leute kennengelernt, manche sehe ich jede Woche bei irgendwelchen Treffen“, berichtet sie. Allerdings verlagert sich der Kontakt zwischen ihr und ihren „Niriu“-Bekanntschaften häufig auf andere Kanäle, so zum Beispiel auf „Facebook“, da viele die Anwendung dort als ausgefeilter empfinden. Der entscheidende Vorteil von „Niriu“ ist in Laura S.’ Augen aber der, dass man bei „Niriu“ tatsächlich neue Leute kennenlerne und sich nicht ständig im gleichen Bekanntenkreis bewege.

„Natürlich wollen wir auch irgendwann davon leben“

Ursprünglich spielten Ghanadian und Trigoso mit der Idee vom sozialen Netzwerk im Kleinformat, mit der Zeit wurde das Konzept immer gezielter, der Plan ernsthafter. Schließlich kündigten die beiden ihre Jobs, um ihre Arbeitserfahrung in das gemeinnützige Projekt zu investieren. „Wir haben beide jahrelang für Internetagenturen gearbeitet. Das ist uns zu wenig für die Gemeinschaft und die Leute in unserer Stadt“, erzählt Ghanadian. Das Risiko, einen gesicherten Job aufzugeben, rückte dem Ideal zuliebe vorerst in den Hintergrund. Inzwischen arbeiten die beiden Gründer und Entwickler Vollzeit an „Niriu“. Unterstützt werden sie von vier weiteren Hilfskräften.

Bislang erwirtschaften sie noch keinen Gewinn, sie finanzieren sich selbst. Laut Ghanadian soll sich das zukünftig ändern: „Natürlich wollen wir auch irgendwann davon leben.“ Dazu brauchen Trigoso und Ghanadian Kontakte zu Unternehmen mit ähnlichem sozialen Schwerpunkt. Allerdings wollen sie sich in keine großen Abhängigkeiten verstricken. Kooperationen sind ihnen trotzdem wichtig. „Wir lehnen  „Facebook“ beispielsweise auch als Tool nicht grundsätzlich ab. Das wäre vermessen.“ Viele Menschen nutzen „Facebook“ inzwischen als einziges soziales Netzwerk, „Niriu“ verfügt auch über ein „Facebook“-Profil, was zusätzliche und kostenlose Werbefläche bietet.

Gratwanderung zwischen zwei Welten

Von der grundsätzlichen Idee hinter Facebook distanzieren sich die „Niriu“-Gründer jedoch. Bei ihrem Netzwerk soll es lediglich um den Startschuss für den Erstkontakt und die leichtere Organisation unter Leuten gehen. „Alles möglichst ohne Verpflichtungen, oder Risiken“ erklärt Ghanadian. Auf die Frage, ob es denn gut sei, ausgerechnet Nachbarn als Freunde zu haben, reagiert Ghanadian amüsiert. „Klar muss man aufpassen, wie viel man mit den Leuten im eigenen Haus zu tun hat“. Deshalb richte sich das Portal auch an das ganze Viertel. Das Grundmenü der Seite besteht aus einer Stadtkarte, die gesamte Kommunikation wird so über örtliche Merkmale strukturiert. Viele Informationen, die das eigene Viertel betreffen, müssten vorab angegeben werden, um Missbrauch zu vermeiden.

Das scheint sich auch in der alltäglichen Anwendung zu bestätigen. „Die Leute melden sich zwar mit einem Spitznamen an, geben aber in ihren Beschreibungen ziemlich viel Preis“, sagt Laura S. Oft führen ausführliche Profile in Netzwerken wie „New in Town“, dazu, dass eine reine Flirtplattform entsteht. Bei den Nutzern von „Niriu“ bestimmen eher familiäre und gemächliche Unternehmungen im öffentlichen Raum das Programm. Man verabredet sich zu Restaurantbesuchen, Radtouren, oder Weinproben.

„Wir hoffen, den Bogen vom Web zum Real Life schlagen zu können“, sagt Ghanadian. Das Problem vom reinen Onlinekontakt unter den Nutzern bahnt sich jedoch schon an. Viele Mitglieder tauschen sich zwar auf der Plattform aus, aber ohne sich regelmäßig zu treffen. Oft, weil sie noch immer zu weit voneinander entfernt wohnen. Auch Laura S. hat durch „Niriu“ keinen unmittelbaren Kontakt zu den Leuten aus ihrem Viertel oder in ihrer Nachbarschaft, gewonnen. Sie wohnt in Hamburg-Othmarschen, einer familiären Gegend. „Viele Leute suchen den direkten Kontakt und Austausch einfach nicht“, erklärt sie, man müsse in dem Fall eher nach Leuten aus jüngeren Vierteln suchen. „Studierende sind da viel offener, die ziehen dauernd um und sind somit kontaktfreudiger“.

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