23.04.2009 · Das ist die kulinarische Art der zeitgemäßen Partnervermittlung: Vorspeise bei Jens, Hauptgang bei Sabine, Dessert in der eigenen Wohnung. Beim „Jumpingdinner“ bekochen sich Fremde am heimischen Herd und ziehen von Wohnung zu Wohnung.
Von Daniela JaschobNoch zehn Minuten. Von einem Parkplatz in der Ottenser Hauptstraße in Hamburg keine Spur. Noch zwei Minuten. Britta ist gelassen, ihr Beifahrer Yuri flucht. Ein schwarzer Smart fährt direkt vor ihnen aus einer Lücke. Endlich. Britta zwängt ihren silberfarbenen Toyota Aygo hinein, ein Fahrradfahrer käme hier nicht mehr vorbei. Vor der Eingangstür suchen beide auf den Klingelschildern nach dem Namen ihres Gastgebers.
Aus den Lautsprechern dröhnt ein schrilles Summen, der Duft frisch gerösteter Nüsse strömt aus dem Treppenhaus des mehrstöckigen Miethauses entgegen. Oben im fünften Stock wartet Gastgeber Jens an der Tür zu seiner Dachgeschosswohnung, fast pünktlich beginnt das „Jumpingdinner“.
Ob Frankfurt, München, Hannover oder Hamburg: Singles gibt es überall in Deutschland. So wie es auch in fast jeder größeren deutschen Stadt das „Jumpingdinner“ gibt: Eine Gruppe von einander unbekannten Menschen bekocht sich am jeweils heimischen Herd und zieht zwischen jedem der insgesamt drei Gänge von Wohnung zu Wohnung. Und damit niemand alleine quer durch die Stadt reisen muss, weist der Veranstalter jedem Teilnehmer vor Beginn der Veranstaltung anhand eines zuvor ausgefüllten Fragebogens einen Kochpartner zu. Kosten: 26 Euro, Zeitnot und kulinarische Fehltritte inklusive.
Ziegenkäse mit Ladehemmungen
Im Wohnzimmer der Dachgeschosswohnung sitzen bereits zwei andere Teilnehmer des Jumpingdinner, Jörg und Meret, auf dem weißen Sofa mit Stoffbezügen. Eine kurze Vorstellungsrunde, ein Schluck vom Willkommens-Sekt, Funkstille. Jörg und Meret, die einander zuvor ebensowenig wie Britta und Yuri kannten, sind Akademiker, beide mit einer Vorliebe für Musik. Jörg starrt die Drucke von Joan Miró und Salvador Dalí an, Meret sitzt mit gefalteten Händen da.
Yuri erzählt. Er sei 37, vor über zehn Jahren von Mexiko nach Hamburg gezogen und bereits zum vierten Mal dabei. So wie Britta, 25, die aus der Nähe von Braunschweig kommt. Nicht wegen der Liebe sei sie hier, sondern aus Spaß am Kochen mit unbekannten Leuten. Britta ist, wie die anderen auch, Single.
Es ist 18.30 Uhr, als Gastgeber Jens und seine Kochpartnerin Anja die Vorspeise bringen: Überbackener Ziegenkäse mit Honig-Topping, dazu Feldsalat und geröstete Pinienkerne. Für die nächste halbe Stunde ist die Zubereitungsart des Ziegenkäses das Gesprächsthema. Von Flirten keine Spur, aber das Essen schmeckt hervorragend.
Um 19.15 Uhr ist der erste Gang auch schon wieder vorbei. Jörg und Meret müssen weiter nach Blankenese, Britta und Yuri ins abgelegene Jenfeld. Das Gastgeberpaar Jens und Anja muss aufräumen.
Singlesein ist nur eine Phase
Laut Online-Partnerbörsen wie Parship.de oder ElitePartner.de gibt es mehr als elf Millionen Singles in Deutschland. Neun Millionen davon surfen nach Angaben von ElitePartner.de regelmäßig im Netz. Die Online-Partnervermittlungen liegen derzeit im Trend. Doch auch Verkuppelevents wie das Jumpingdinner werden immer häufiger für die erfolgreiche Suche nach dem passenden Partner genutzt: „Durch die Face-to-Face-Situation können die Singles aktiv ihren Partner aussuchen. Online wäre das erst mal nicht möglich, hier zählt zunächst die Übereinstimmung der Interessen und Wertvorstellungen, bevor es zu einem Treffen kommt“, erklärt Anna Kalisch von ElitePartner.de den Unterschied.
Alleine bleiben? Das will kein Single. Davon ist auch die Psychologin Beate Küpper von der Universität Bielefeld überzeugt: „Single zu sein betrachtet die große Mehrheit als Phase, nicht als Lebensplan.“ Doch helfen Online-Partnervermittlungen und Flirt-Marathon-Events wirklich bei der Suche nach dem großen Glück? „Wer einen Partner sucht, sollte aktiv werden und am Ball bleiben“, rät Küpper den Singles. Denn „je länger die Partnerlosigkeit dauert, desto besser richten sich Singles in diesem Leben ein.“ Die Ansprüche stiegen in unerfüllbare Höhen und die Kompromissbereitschaft nehme ab. Frustration sei programmiert. Das Risiko, in einen Kreislauf aus Verlieben und Scheitern zu geraten, auch.
Frust statt Lust
Über eine Stunde später in Jenfeld. In der 70-Quadratmeter-Wohnung riecht es nach Thymian und Rosmarin. In der Mitte des gläsernen Esstisches steht eine Vase mit gestutzten Sonnenblumen, die Gastgeberinnen, zwei Freundinnen, sitzen jeweils am Ende des Tisches. Beide im kleinen Schwarzen mit tiefem Ausschnitt und viel Goldschmuck, beide Anfang 40.
Es klingelt an der Tür. Michael, Mitte 30, entschuldigt sich für die Verspätung, fast zwei Stunden hätten er und sein Kochpartner mit der Bahn hierher gebraucht. Sabine serviert Spaghetti mit Bolognese-Sauce, ihre Freundin schenkt Rotwein ein. „Ich habe noch nie bei so etwas mitgemacht“, sagt Michael. „Aber ich wollte es unbedingt ausprobieren, man sieht ja immer so viel im Fernsehen über solche Veranstaltungen.“ Auch die Gastgeberinnen sind zum ersten Mal dabei, weil sie mit Single-Parties nicht so gute Erfahrungen gemacht hätten. Und hier? „Bis jetzt blieb das Flirten auf der Strecke!“
22 Uhr. Britta und Yuri sind in seiner Wohnung in Winterhude. Noch eine Viertelstunde, dann kommen die Gäste. Die alten Dielen knacken laut unter den schnellen Schritten. Britta stellt die Schoko-Sahne-Torte auf den Holz-Esstisch ins Wohnzimmer, Yuri dekoriert ihn mit einem Orchideen-Gesteck und Silberkugeln. „Lass mal Pause machen“, sagt sie, greift zur Sektflasche und gießt sich einen ordentlichen Schluck ins Glas. Ein Hürdenlauf scheint in dieser Sekunde dagegen ein Kinderspiel zu sein.
Hoffnung gibt es immer
Die Türklingel hallt immer noch, als sich Sarah, eine Modedesignerin, und ihr Begleiter Sascha vorstellen. Yuri gibt ihnen ein Glas Sekt, dann schrillt es wieder. Eine zwei Meter große Frau, dahinter ihr um zwei Köpfe kleinerer Begleiter, sind das letzte Pärchen für den letzten Gang.
„Das sieht aber gut aus“, lobt Sarah Britta's Schoko-Sahne-Torte. Schon wieder nur Smalltalk übers Essen? Nicht mit Sascha. Mit einem breiten Kölner Akzent erzählt er von seiner Zeit auf Mallorca und über die „falsche Seite“ von Köln. „Die Gespräche waren bis jetzt eher hölzern und nicht so locker“, sagt Britta, „aber diese Runde ist wirklich lustig.“ Ihre Herkunft und ihre Berufe, dass interessiert vor allem Yuri: „Es ist doch spannend zu erfahren, was die Leute so machen und woher sie kommen, gerade weil auch ich in Hamburg zugezogen bin!“
Vor über sechs Stunden hat das „Jumpingdinner“ begonnen. Jetzt, auf der Abschlussparty, treffen sich die insgesamt 28 Teilnehmer in einer Bar im Schanzenviertel. Die Theke ist von den Hängeleuchten schwach beleuchtet. Das passt zur gedämpften Stimmung. Die Suche nach dem passenden Partner ist nicht leicht, drei Gänge im Rekordtempo zu verdauen auch nicht. Britta und Yuri haben an diesem Abend in zwei verschiedenen Wohnungen gegessen, zwölf Singles kennengelernt und mehr als 100 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. Die große Liebe war nicht dabei. Ob nun aus Freude am Kochen oder doch wegen der leisen Hoffnung, die Suche eines Tages beenden zu können: Die beiden werden auch ein fünftes Mal am „Jumpingdinner“ teilnehmen.