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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Senioren im Internet „Hello, Youtubers“

19.03.2010 ·  Vielen Senioren ist das Web 2.0 immer noch fremd. Umso mehr liebt die Jugend Rentner wie Peter Oakley, die sich ans Bloggen und Filmchendrehen wagen. Sätze wie „Früher war alles besser“ wird man von diesem Pensionär nicht hören.

Von Friederike Haupt
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Peter hat einen Job, der ihn oft bis tief in die Nacht beschäftigt. Viele Stunden sitzt er tags sowieso schon am Computer, doch wenn Überstunden gefordert sind, macht er sie gern und ohne zu murren. Manchmal steht er sogar extrafrüh auf, um der ganzen E-Mails Herr zu werden. „Aber das macht mir Spaß“, sagt Peter, der in der englischen Kleinstadt Leicester lebt. Mittags macht er meist eine kleine Pause, isst etwas und schaut sich Nachrichten im Fernsehen an, um zu wissen, was in der Welt vor sich geht. Danach geht er zurück ans Werk. Weil viele Leute, mit denen er telefoniert, in anderen Zeitzonen leben, sitzt er oft bis tief in die Nacht am Rechner. Peter, der seine E-Mails auch an Fremde freundlich mit seinem Vornamen unterschreibt, heißt richtig Peter Oakley und ist 82 Jahre alt. Für Tausende von Menschen ist er „The Internet Granddad“, ein Großvater für jeden auf Youtube. Selbstgedrehte Filmchen verschafften ihm 2006 auf einen Schlag eine unüberschaubare Zahl von Enkeln.

Dabei hatte er es gar nicht darauf angelegt, ein Star des Web 2.0 zu werden. Doch er war einer der ersten Rentner, die in Blogs und Netzwerken ein Mittel erkannten, die bunte und vor allem ständig schnatternde Internetgemeinde in ihr mitunter recht einsames Wohnzimmer zu holen. In den vergangenen Jahren haben das viele Senioren entdeckt und – oft mit Hilfe ihrer Kinder und Enkel – eine Welt erobert, die in ihrer eigenen Kindheit als irre Utopie für schwachsinnig erklärt worden wäre. Bei Twitter etwa hat es ein 74 Jahre alter Amerikaner zu Ruhm und 1,2 Millionen Fans gebracht, weil er seine so bissigen wie schlaumeierischen Alltagsweisheiten posten lässt: Sein Sohn Justin tippt für ihn unter dem Pseudonym „shitmydadsays“ die neuesten Zitate ein. „Das Universum ist vierzehn Billionen Jahre alt. Scheint mir dumm, ein Jahr zu feiern. Das wäre, wie immer wenn ich pinkele, eine verdammte Parade aufmarschieren zu lassen“, merkte er etwa kurz vor seinem 74.Geburtstag an.

Mehr als 200 Videos gepostet

Auch die 91 Jahre alte Münchnerin Marga avancierte im vergangenen November kurzzeitig zum Star, als ihre Nichte ihr das Blog „marga1919.blogspot.com“ schenkte. Margas erste Frage, was eigentlich das Internet sei, wurde von mehr als hundert Menschen beantwortet; von manchen scherzhaft („Das Internet ist eine Vorrichtung zur schnellen, massenhaften Verbreitung von Katzenfotos.“), von anderen in langen, ernsthaften Abhandlungen. Aus allen aber ging die Sympathie für die alte Dame hervor, die sich der Lebenswelt der jüngeren nicht verschließt, sondern teilhaben möchte. Bei Facebook freunden sich Rentner mit Fremden an, andere haben das Portal „seniorennet.de“ gegründet, und die im vergangenen Jahr gehypte Seniorenband The Zimmers („My Generation“) wagte sich sogar zu Myspace. Natürlich mit dabei: Peter Oakley, „The Internet Granddad“ und großer Bluesfan.

Als Peter anfing, eigene Filme bei Youtube hochzuladen, kannte er den Begriff „Videoblogging“ noch gar nicht. Seinen zweiminütigen „First try“ veröffentlichte er am 5.August 2006, als die Plattform noch in den Kinderschuhen steckte. Innerhalb von nur einer Woche stieg er zum Youtube-Nutzer mit den meisten Abonnenten auf. Sein erstes Video wurde bis heute fast drei Millionen Mal angesehen. Dabei hatte Peter gar nichts Sensationelles gemacht: Er wählte ein uneitles Pseudonym („geriatric1927“), setzte sich an seinen Schreibtisch und sprach, nachdem er eine alte Schallplatte angespielt hatte, unaufgeregt in die eigene Webcam. Hellblaues Hemd, beiger Pulli, eine große Brille, weißes Haar, leicht übersteuerter Ton – es war nichts Internetstarmäßiges an Peters Ansprache an die Netzgemeinde, in der er ankündigte, aus der Sicht eines alten Menschen ein bisschen herumzumurren und zu -grummeln, aber auf nette Art. Das tut er bis heute, erzählt aus dem Krieg und seinem Alltag heute, von seiner Liebe zu Motorrädern und der Musik. Mehr als zweihundert Videos hat er gepostet, das jüngste ist gerade ein paar Tage alt. „Hello Youtubers“, seine schon legendäre Begrüßung, geht ihm noch immer leicht über die Lippen. Fragt man ihn, wie Youtube sein Leben verändert habe, sagt er: „In einem Wort: enorm!“

Kommunikation zwischen den Generationen ankurbeln

Mehr wohl auch, als es eine herkömmliche Brieffreundschaft vermocht hätte. Eine solche wünschte Peter sich, seit vor zwölf Jahren seine Frau starb: „Ich fühlte mich einsam“, sagt er, doch seine Versuche, Brieffreunde zu finden, waren „nicht sehr erfolgreich“. Die beiden erwachsenen Kinder waren aus dem Haus, ein Herzleiden und Athritis schränkten seinen Aktionsradius ein. Zwar habe er einige gute Freunde gehabt und sich auch selbst mit Lesen, Musikhören und dem Schreiben von Kurzgeschichten beschäftigt. „Und natürlich bringt das Alleinleben mit sich, dass man eine Menge langweiligen Hausarbeits-, Einkaufs- und Kochkram machen muss, bevor man seine freie Zeit genießen kann.“ Diese nutzte Peter auch für ein weiteres Hobby: das Fotografieren. Er schaffte sich einen Computer an, um die Bilder zu archivieren und mit Photoshop zu bearbeiten. Und dann entdeckte er Youtube, sah sich die Filmchen der anderen an und begeisterte sich dafür.

Viel hat sich verändert seit seinem ersten Auftritt, der für so großes Aufsehen sorgte, dass Peter später sogar von der BBC zum Interview überredet und von Johannes B. Kerner zum Jahresrückblick 2007 eingeladen wurde. „Ich glaube, dass mein Eintritt bei Youtube dazu geführt hat, dass mehr ältere Leute meinem Beispiel folgen“, meint Peter. Er wolle die Kommunikation zwischen den Generationen ankurbeln und mit gegenseitigen Vorurteilen aufräumen. Das hat geklappt: „Ich bin froh, dass die Jugend mich so gut aufgenommen hat, und es ist mir ein Vergnügen, auf ihre Briefe und Videos zu antworten.“ Heute nehmen die Youtube-Kontakte die meiste Zeit seines Tages in Anspruch – und beschränken sich längst nicht nur auf die Videoplattform. Einige seiner Internetenkel haben ihn schon besucht, mit vielen telefoniert er täglich. „Hausarbeit ist zur Nebensache geworden“, sagt Peter zufrieden.

Unterhaltsamer als die Königin

Neben Peters Leben hat sich aber auch Youtube selbst verändert. Die Millionen von neuen Nutzern, die verschiedensten Filme, die es dort zu sehen gibt, die Kommerzialisierung stören den Briten aber nicht; er glaubt an die „Macht der Masse“ der Menschen, die dort zusammenfinden. „Und Youtube verbessert seine Qualität, wir haben jetzt viel schnelle Uploadzeiten und sogar HD-Qualität für unsere Videos.“ Sätze wie „Früher war alles besser“ wird man von diesem Pensionär nicht hören. Vielmehr bricht er eine Lanze für die Jugend, die er ins Herz geschlossen hat, obwohl manch ein Youtuber auch greisenfeindliche Kommentare unter seinen Videos hinterließ: „Ich glaube, dass es wichtig ist, die Weltsicht anderer Generationen zu kennen, damit man nicht besserwisserisch wird. Vieles von dem, was Schlechtes über die Jugend in den Zeitungen steht, ist komplett falsch.“

Daran, mit dem Videobloggen aufzuhören, denkt Peter Oakley nicht: „Es hat mein Leben soviel besser gemacht. Ich habe dadurch sogar unsere Queen getroffen!“ Aber bei Youtube und auch auf seiner Homepage „askgeriatric.com“ nehmen immer noch vor allem Jüngere mit ihm Kontakt auf. Und die sind am Ende doch unterhaltsamer als die Königin.

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