Samuel kann kaum lesen, und vielleicht wird er es nie richtig lernen. Trotzdem besucht der Dreizehnjährige jetzt die sechste Klasse einer Berliner Gemeinschaftsschule. Wenn der geistig behinderte Junge zusammen mit einem Mitschüler ein Buch vorstellt, trägt er seinen Teil der Präsentation auswendig vor. Wenn die Klassenkameraden Aufsätze schreiben oder Grammatik pauken, übt er, Buchstaben zu Silben zusammenzuziehen. Neuerdings kann er ein paar Brocken Englisch. Er hat ein Referat über Pyramiden gehalten und zählt ägyptische Götter auf. „Das ist so ein Allgemeinwissen, das hätte er an der Sonderschule nicht gekriegt“, sagt seine Mutter. Noch wichtiger aber findet sie, dass Samuel sich seit seinem Wechsel von der Förderschule vor anderthalb Jahren in einem normalen Umfeld bewegt. „Das lernt er jetzt. Und das kann er auch.“
Nicht, dass sie davon ausginge, dass ihr Sohn jemals selbständig ohne Hilfe leben wird. Aber noch immer geht ihr das Herz auf, wenn sie an den jüngsten Schulausflug denkt. Samuels Mutter brachte ihr Kind zum Bahnsteig, wo das Gros der Klasse schon wartete. Sofort kamen drei Jungen auf Samuel zu und legten ihrem behinderten Mitschüler den Arm um die Schultern. Zum Abschied hat er sich nicht einmal mehr umgedreht.
Alle sind für Inklusion. Drei Jahre nachdem in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN in Kraft getreten ist, der zufolge behinderte Kinder selbstverständlich dieselben Schulen besuchen dürfen wie ihre nichtbehinderten Altersgenossen, wird offiziell nicht mehr darüber diskutiert, ob das für die Beteiligten das Beste ist. „Alle Bundesländer haben begriffen, sie müssen da etwas tun“, sagt Ulf Preuß-Lausitz, Erziehungswissenschaftler von der Technischen Universität Berlin. In Hamburg gibt es einen Rechtsanspruch auf Inklusion, in Berlin und Bremen werden inzwischen mehr als vierzig Prozent der Kinder mit Beeinträchtigungen an allgemeinen Schulen unterrichtet. Vorreiter ist mit fünfzig Prozent Schleswig-Holstein.
Weil aber zum Beispiel in Niedersachsen lediglich 8,5 Prozent der Förderkinder Regelschulen besuchen und der Bundesdurchschnitt zuletzt auf magere 22,3 Prozent geklettert ist, gilt Deutschland im internationalen Vergleich als Entwicklungsland. Preuß-Lausitz sagt: „Ich bin verärgert und frustriert, wie langsam diese Prozesse sind.“
Derweil gehen in Hessen ausgerechnet die Verfechter des gemeinsamen Unterrichts auf die Straße - und das, obwohl die Inklusion im neuen hessischen Schulgesetz verankert ist. „Etikettenschwindel“, schimpfen Kritiker wie Sibylle Hausmanns von der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“. Die gemeinsame Beschulung werde ausgeweitet, ohne die Ressourcen aufzustocken: „Das geht auf die Qualität.“ Die Mutter eines geistig behinderten Jungen formuliert es so: „Aus einer guten Kartoffelsuppe wird eine dünne Suppe gemacht, die dann für mehr Leute reicht.“
Quer durch die Republik geht es ums Geld, um den idealen Weg zum Ziel - und dann doch, immer wieder, ums Prinzip. Wie so oft in der Schulpolitik ist der Streit von ideologischen Gräben durchzogen. Im Fall der Inklusion sind außerdem handfeste Interessen im Spiel.
Es wird schmerzlich darauf gestoßen, dass sie anders sind
Nirgend sonst auf der Welt gibt es ein so hochspezialisiertes Förderschulsystem wie in Deutschland. Fachleute sind stolz auf diese Errungenschaft, die dazu beigetragen hat, dass geistig Behinderte in der Nachkriegszeit überhaupt einen Zugang zu schulischer Bildung bekamen. Nach der Vernichtungspolitik der Nazis etablierten sich Behinderteneinrichtungen als Schutzraum. Aber, und darauf zielt die Kritik: Sie blieben einer Logik der Absonderung verhaftet.
Als Franziskas Mutter ein Mädchen mit Down-Syndrom entband, gingen die Krankenschwestern ihr aus dem Weg. Freunde zögerten: Darf man überhaupt gratulieren? Das ist fast 18 Jahre her. In der Folge eilten Mutter und Kind zur Frühförderung, zur Krankengymnastik, zum Sprachtherapeuten. Eines Tages fragte sich Franziskas Mutter, wie sie eigentlich leben wolle. Damals traf sie eine Grundsatzentscheidung: „Wir machen alles so wie andere Menschen. Wir lassen uns nicht aus dem System hinausschleudern.“
Sie schickte Franziska in einen kirchlichen Kindergarten, in eine gewöhnliche Grundschule, auf die Hauptschule. Der Begriff Inklusion, der meint, dass jeder Mensch inmitten der Gesellschaft die Förderung erhalten muss, die er braucht, damit er diesen Platz auch einnehmen kann, war damals noch nicht erfunden. Der Weg der Integration, also die Eingliederung Behinderter in die Mehrheitsgesellschaft, erwies sich für Franziskas Mutter als Kampf. Mittelschichtseltern, die um die Gymnasialempfehlung ihrer Schulanfänger fürchteten, fragten: Bleibt da genügend Zeit für unsere Kinder? Der Schularzt unterstellte: Wollen Sie die Grenzen Ihres Kindes nicht sehen? Die stundenweise abgeordnete Förderlehrerin säuselte: Wie viel besser könnte ich Ihr Mädchen doch an unserer Sonderschule fördern!
In der achten Klasse nahm Franziskas Mutter ihre Tochter von der Hauptschule. Das Kind hatte zwar lesen und schreiben gelernt und sich auch sonst gut entwickelt. Aber die Förderung hatte sich mit den Jahren erst verringert, dann verschlechtert. Anfangs waren ständig zwei Lehrer in der Klasse. Dann wurde der Zusatzlehrer bei insgesamt fünf Kindern mit Förderbedarf für insgesamt 19 Unterrichtsstunden bewilligt. Am Ende kam der Sonderpädagoge vier Stunden für Franziska vorbei - vorzugsweise in Sport, wenn sie ihn nicht brauchte. Immer öfter saß Franziska allein mit ihrem Integrationshelfer in einem Nebenraum. „Mama, ich will nicht immer woanders sein“, sagte sie.
Und weil Franziska nicht unter den Idealen ihrer Eltern leiden sollte, schickte die Mutter ihr Kind zur Förderschule. Die Lehrer dort loben sie. Nur Franziska trauert. Sie vermisst ihren Bio-Unterricht, Erdkunde, Herausforderungen in Deutsch. Vor allem aber wird sie nun viel schmerzlicher darauf gestoßen, dass sie anders ist. „Mama, da sind nur Behinderte. Und ich muss da sein, weil ich behindert bin“, sagt das Mädchen. Ihre Mutter sagt: „Das tut mir weh.“
„Wir finanzieren ein System der Ausgliederung“
Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung ist ein unverdächtiger Mann, wenn es um politische Projekte geht, die traditionell mit dem linken Lager in Verbindung gebracht werden. Hubert Hüppe, seit fast vierzig Jahren CDU-Mitglied, hat früher in Nordrhein-Westfalen gegen rot-grüne Gesamtschulträume gekämpft. Auf seinem Berliner Schreibtisch steht ein Kalender mit Familienfotos: eine hübsche Ehefrau, drei fröhliche Kinder, dem jüngsten, inzwischen siebzehnjährigen Sohn, ist eine Behinderung anzusehen. „Ich wollte, dass er nicht ausgeschlossen wird von den anderen“, sagt Hüppe. Und so hat sich der Behindertenbeauftrage angewöhnt, den Bremsern und Blockierern eines inklusiven Schulsystems mit ketzerischen Fragen zu begegnen: Worin, bitteschön, besteht der vielbeschworene Erfolg der Förderschulen, wenn drei von vier Kindern dort keinen Abschluss machen? Glauben Sie wirklich, Kinder mit Sprachdefiziten lernen besser in einer Spezialschule, wo kein Kind richtig sprechen kann? Warum müssen Kinder mit Behinderungen rund um die Uhr gefördert werden, während man ansonsten davon ausgeht, dass Kinder am meisten von anderen Kindern lernen?
Manchmal kriegt Hüppe die Wut. Dann geht es um das Rundum-Sorglos-Paket des deutschen Sonderwesens. Ein behindertes Kind? Kein Problem: „Das Kind wird Ihnen morgens abgeholt und abends frisch therapiert vor die Tür gesetzt“, sagt Hüppe. Es wird kilometerweit zur nächsten Einrichtung chauffiert, alles für lau, der spätere Arbeitsplatz in der Behindertenwerkstatt steht schon bereit. Während Eltern oft noch um jeden Cent für inklusive Beschulung und Jobs zu kämpfen hätten. „In Deutschland finanzieren wir ein System der Ausgliederung, und das kostet Milliarden“, sagt Hüppe. Auf der Straße, im Viertel, im Alltag, bei den anderen Kindern - da taucht der Behinderte nicht mehr auf.
Die Bertelsmann-Stiftung hat Förderschulen deshalb kürzlich als Isolationsfalle bezeichnet. Prompt warf sich der Philologenverband für deren Sinn und Verdienst in die Bresche. Die Zukunft der Sonderschulen ist der ewige Zankapfel der Debatte. Damit die Kosten nicht explodieren, müssten Geld und Personal aus dem Fördersystem an die Regelschulen umgeschichtet werden. Selbst wenn das geschieht, hat eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergeben, braucht das deutsche Schulsystem für die Umstellung auf Inklusion in den nächsten zehn Jahren 10 000 neue Lehrer. Dennoch: „Auf die Dauer ist das Doppelsystem die teuerste Variante“, warnt Ulf Preuß-Lausitz.
Er hasst die leidigen Blicke, das Entsetzen, die Sprachlosigkeit
Dabei herrscht eine gewisse Einigkeit, dass Schüler mit den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache und Verhalten sehr gut im normalen Schulbetrieb unterrichtet werden können - mit dem entsprechenden sonderpädagogischen Know-how. Die Kategorie „Lernbehinderung“, in die mehr als vierzig Prozent der deutschen Förderschüler fallen und die eng mit der sozialen Herkunft verknüpft ist, kennt sowieso kein anderes Land in Europa. Marianne Schardt vom Verband Sonderpädagogik sagt sogar: „Der Großteil der Sonderpädagogen ist bereit, seinen Arbeitsplatz an die allgemeine Schule zu verlagern.“
Dann jedoch argumentiert die Verbandssprecherin mit - sehr seltenen - Schwerstmehrfachbehinderungen und Kindern, die gefüttert und gewickelt werden müssen. Mit Verhaltensauffälligkeiten, die - wahrlich ein Problem - jeden Unterricht zu sprengen drohen. Außerdem seien viele, viele Eltern überzeugt, die Sonderschule sei das Beste für ihr Kind. „Deshalb“, sagt Schardt, „muss man ein gewisses Potential an Förderschulen auf lange Sicht vorhalten.“
Karls Vater zum Beispiel schwört tatsächlich auf die Förderschule seines geistig behinderten Sohnes. Und das nicht nur, weil er es nach dem integrativen Kindergarten als Entlastung empfand, endlich Eltern um sich zu haben, die nicht nur über musikalische Frühförderung und zuckerfreie Marmelade diskutieren. Auch er wünscht sich, dass behinderte Kinder ganz normal ihren Platz mitten in der Gesellschaft haben. Er hasst es, mit Karl auf Spielplätze zu gehen, die hippe, scheinbar perfekte junge Eltern mit durchgestylten Kindern bevölkern. Diese mitleidigen Blicke. Das Entsetzen. Die Sprachlosigkeit.
Im Trubel einer ganz normalen Grundschule wäre sein Junge untergegangen, fürchtet er. Und vermutlich hätte er den Unterricht als ständiges Versagen empfunden. Der Zwölfjährige spricht nämlich nicht. An der Förderschule hat er mit Hilfe von Bildern und Gesten gelernt, sich zu verständigen. „Die Förderschule bietet bessere Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt Karls Vater. Er regt sich auf, wenn Inklusionsverfechter den besseren Schulerfolg behinderter Kinder für ihre Ziele ins Feld führen: „Das ist doch Augenwischerei! Mein Sohn wird im Leben keinen mittleren Schulabschluss oder sonstwas machen!“
Der Gedanke einer „Schule für alle“ steht unter Ideologieverdacht
Ist das Gelingen von Inklusion also von der Art und Schwere einer Behinderung abhängig? Oder liegt es an den Bedingungen, zu denen die Förderung an Regelschulen passiert? Und kommt es da am Ende nicht nur auf den Umfang der Ausstattung an, sondern vor allem auf kluge Pädagogik?
„Inklusion ist deshalb so spannend, weil sich dadurch eine neue Förderkultur breitmacht im Schulsystem“, sagt Ulrich Kober von der Bertelsmann-Stiftung und spricht von einer „Revolution im Klassenzimmer“. Je weiter die Fähigkeiten der Schüler auseinanderklaffen, um so radikaler muss der Lehrer seinen Unterricht darauf einstellen. Individualisierung heißt das Zauberwort, das nicht nur im klassischen Sinn behinderten, sondern auch lernschwachen Kindern eine erfolgreiche Schullaufbahn ermöglichen soll - und zwar ohne dass die starken Schüler zu kurz kommen. Aus diesem Grund gelten mitunter Brennpunktschulen, die mit einem hohen Anteil an Schülern aus Zuwandererfamilien und Hartz-IV-Haushalten gute Ergebnisse erreichen, als Musterbeispiele für Inklusion. Die Sache hat nur einen Haken: Der Gedanke einer „Schule für alle“ steht hierzulande unter Ideologieverdacht und ruft reflexhaft den Fanclub des gegliederten Schulsystems auf den Plan.
Keiner sagt, dass alles einfach wäre. Samuels Mutter würde sich sogar hüten, den Fall ihres Sohnes als Ideal zu preisen. Sie weiß, dass Samuel schon als „Schulbaby“ beschimpft worden ist. Dass es ihn schmerzt, wenn sich nachmittags niemand mit ihm verabredet. Auch deshalb karrt sie ihn einmal die Woche zu Treffen mit behinderten Gleichaltrigen. Auf seine Förderschule von einst lässt sie nichts kommen.
Und trotzdem. Allein die Aussicht, dieselbe Schule zu besuchen wie die Schwester, habe Samuel innerlich wachsen lassen, sagt seine Mutter. Er sei so stolz darauf, und er gehe so gern dorthin. Auch die Schwester habe sich entspannt, seit ihre Freunde den Bruder kennen. Früher habe das Mädchen nie jemanden zum Spielen eingeladen. Heute sei das kein Thema. Samuels Mutter sagt: „Wenn man geschiedene Eltern hat, ist das eine Bürde. Wenn man einen behinderten Bruder hat, ist das eine Bürde. Aber es ist halt so. Es gehört dazu.“
Ideologieverdacht ...
Geiger Joachim (ein_Beobachter)
- 08.05.2012, 15:53 Uhr