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Reiten Die Pfleger-Fälle des Pferdesports

28.08.2009 ·  Null Privatleben, jedes Wochenende harte Arbeit und das für wenig Geld: Vor allem junge Frauen stehen als Pferdepflegerinnen hinter den guten Turnierreitern. Die meisten sind nach dem Abitur in dem Job hängengeblieben.

Von Christina Hucklenbroich
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Ein kühler Donnerstagmorgen in den Messehallen einer deutschen Großstadt. Wo sonst Autos parken, stehen 240 mit Stroh und Spänen gepolsterte Boxen, dazwischen schmale Stallgassen. Vor zwei Tagen sind die Pferde eingezogen, die in den Nachbarhallen an einem Reitturnier teilnehmen werden. Viele Boxen sind mit dicken Stoffplanen verhängt, auf denen das Logo der Turnierställe prangt. Ein wenig Privatsphäre für ihre Pferde erhoffen sich die Pfleger von diesem notdürftigen Schutz.

Nur ein paar Schritte entfernt absolvieren die Weltstars der Dressur- und Springszene hochdotierte Prüfungen – unter dem Applaus eines Publikums, das so zahlreich erschienen ist wie nie zuvor. Aber der Durchgang zur Stallhalle, gut getarnt durch mehrere Kübelpflanzen und streng bewacht von einem Mann der Security, bleibt den Zuschauern versperrt.

Finnin ist wohl bekannteste Pflegerin Deutschlands

Seit den Doping-Fällen während der Olympischen Spiele vor einem Jahr legt man noch mehr Wert darauf, dass kein Unbefugter die Stallhallen der großen Reitturniere betritt. Immerhin sind hier auch Weltklassepferde wie Shutterfly untergebracht. Der dunkelbraune Wallach taucht seinen rechten Vorderhuf geduldig in ein Fußbad, während seine Pflegerin, die Finnin Anu Harrila, Stroh von der Stallgasse in die Box fegt. Anu Harrila ist die wohl bekannteste Pferdepflegerin Deutschlands. „Ein ganz zierlicher, kleiner Mensch“, sagt Springreiterin Meredith Michaels-Beerbaum über sie. „Sie ist sogar noch kleiner als ich.“

Anu Harrila ist 30 Jahre alt, ein hellblondes, viel jünger wirkendes Mädchen, das sich seit neun Jahren um Shutterfly kümmert. „Für mich ist er ein ganz normales Pferd: lieb, normal und ruhig.“ Anu Harrila lernte den sechsjährigen Wallach noch als „Peter“ kennen, denn als Fohlen wurde er auf den Namen Struwwelpeter getauft. Für sie ist er deshalb Pietu, ein finnischer Kosename für Peter. Sie trägt ein Armband aus geflochtenem schwarzen Schweifhaar von Shutterfly und einem goldenen Amulett, darin ein kleiner Brillant und in Schönschrift eingraviert „Pietu“ – ein Geschenk ihrer Arbeitgeber und Kollegen zum 30. Geburtstag.

Sie wollen die Welt sehen

Anu Harrilas Biographie ist beispielhaft für den Weg, den die Pferdepflegerinnen der großen deutschen Turnierreiter zurückgelegt haben. „Seit ich sieben bin, habe ich in Ställen geholfen.“ Nach dem Abitur in Finnland lebte sie ein Jahr als Pferdepflegerin in Frankreich und ging dann nach Deutschland, um im Stall der Familie Beerbaum zu arbeiten.

Ninna Leonoff, die Pflegerin von Markus Beerbaums Pferden, erzählt in der Box gegenüber eine ähnliche Geschichte. Die Dreißigjährige arbeitet seit ihrem Schulabschluss als Pferdepflegerin, auch sie kommt aus Finnland. „In meiner Heimat ist die Reiterei eine eher kleine Angelegenheit“, sagt sie, während der Dunkelfuchs Siep seine Schnauze auf ihre Kapuze stützt. „Finnische Reiter bleiben in Finnland oder starten höchstens mal in Schweden. Ich wollte die Welt sehen. Ich war schon in den Vereinigten Staaten, überall in Europa und sogar in Malaysia. Das hier ist so etwas wie ein Lebensstil.“

„Ewig kann man den Job nicht machen“

Ein Lebensstil, für den die jungen Frauen sich einiges zumuten: fast jedes Wochenende auf einem anderen Turnier, körperlich harte Arbeit, Tage im provisorischen Turnierstall, Nächte in den Wohnabteilen der Pferdetransporter, früh aufstehen, nach den letzten Prüfungen spät ins Bett gehen. „Ewig kann man den Job nicht machen“, sagt die 27 Jahre alte Melina Jobst, die anders als viele Kollegen gelernte Pferdewirtin ist. Sie zeigt auf den Mann, der mit einem Schimmel vor ihr in der Schlange auf den Gesundheitscheck durch den Turniertierarzt wartet. „Das ist unser Oldie. Derren ist schon 38. Der macht den Job seit 20 Jahren.“

Derren Lake ist kaum 1,65 Meter groß, ein blonder, jungenhafter Jockey-Typ. Er ist wenig später in der ruhigsten Ecke der Stallhalle anzutreffen, wo die Pferde seines Arbeitgebers ihre Boxen bezogen haben. „Ja, die Mädchen denken an die Zukunft“, sagt Derren, während er den Schimmel Brisco für die nächste Springprüfung sattelt. „Viele Leute würden den Beruf in meinem Alter an den Nagel hängen. Aber ich bin noch voller Enthusiasmus.“ Der Brite arbeitet seit 16 Jahren in Deutschland. Dass so viele Pferdepfleger aus dem Ausland stammen, erklärt er mit der Anziehungskraft der deutschen Reitsportszene. „Viele Mädchen kommen aus Schweden oder Finnland, weil Deutschland mit seinen vielen erfolgreichen und professionellen Reitern das beste Land für diesen Beruf ist.“

Pferdepfleger ist kein anerkannter Ausbildungsberuf

Aber Derren und seinen Kolleginnen ist auch bewusst, dass es in der Branche gerade viele Konflikte gibt. Doping-Fälle und der Einsatz illegaler Trainingsmethoden hat die deutsche Pferdeszene in Misskredit gebracht. Der Druck von außen – Medienberichte und die Sperrung der Doping-Sünder für die Reit-Europameisterschaft, die derzeit im britischen Windsor stattfindet – verstärkt die internen Spannungen noch. Vor mehreren Monaten gaben zwei Pferdepfleger im Fachblatt „Reiter Revue“ detailliert über tierschutzwidrige Trainingsmethoden ihrer Ställe Auskunft. Das hat die Turnierszene tief verunsichert. Unter Reitern und Pflegern wird noch immer gerätselt, wer sich hinter den Pseudonymen Muriel M. und Johannes T. verbirgt. Oft sind es auch die prekären Gehälter, die solchen Groll hervorrufen.

Pferdepfleger ist kein anerkannter Ausbildungsberuf, und selbst für gelernte Pferdewirte gibt es keine Tarifvereinbarungen. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) verweist die Arbeitgeber von Pferdewirten auf die Gehaltsempfehlung der Bundesvereinigung der Berufsreiter. Zwischen 1400 und 2000 Euro brutto, je nach Berufserfahrung, gilt demnach als angemessen. Bindend ist das aber noch nicht einmal für ausgebildete Pferdewirte. „Zwischen 700 und 1000 netto, viele machen’s drunter“, sagt eine Pflegerin. „Viele Mädchen machen den Job auch für wenig Geld, weil sie den Reiter toll finden – als sportliches Vorbild oder weil sie für ihn schwärmen.“ Von dem Gehalt könne niemand leben, fügt ein Kollege hinzu, „zumal die meisten von uns sich während der Turniere selbst verpflegen müssen“. Der Brite Derren Lake hingegen sieht die Sache pragmatisch. „Es hängt alles mit der Erfahrung zusammen“, sagt er. „Wenn du den Truck fahren und das Pferd reiten kannst, kannst du mehr verlangen.“

Ihre Stimme ist voller Bedauern

Auch Julia Geißler kann den Truck fahren. Im vergangenen halben Jahr, erzählt die Dreiundzwanzigjährige, habe sie nur drei Wochenenden zu Hause verbracht. Oft fährt sie allein mit dem Lastwagen und mehreren Pferden zu einem Turnier, während der Reiter erst später kommt. „Die Arbeit geht an die Substanz“, sagt sie. „In den Ställen ist es im Winter oft bitterkalt, man muss viel warten. Wir haben alle null Privatleben. Es ist kein Job, den man 20 Jahre machen möchte.“

Julia ist ein hübsches, sportliches Mädchen mit roter Strähne im dunklen Pferdeschwanz. Sie wuchs in einer Kleinstadt in Sachsen nahe der polnischen Grenze auf und begann mit neun Jahren im Verein zu reiten. Nach dem Abitur studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen, gab aber nach zwei Semestern auf, um als Pferdepflegerin in einem großen Springpferdestall zu arbeiten. „Julia ist eine unserer Besten“, sagen ältere Kollegen. Julia selbst streut in alle ihre Sätze leisen Zweifel. Dass sie ihr Studium abbrach, um das Leben mit den Pferden zu verbringen, schildert sie voller Bedauern, aber auch wie etwas, das sich nicht vermeiden ließ. „Man sagt ja, wenn der erste Freund kommt, ist das mit den Pferden vorbei. Das war bei mir aber nicht so.“ Sie zieht die Schultern hoch. „Ist halt ein Virus, das Pferdevirus.“

Die Arbeit hört nie auf

Während des Gesprächs steht sie auf, sieht nach einem Pferd und fegt ein paar Halme zur Seite. Für einen Pferdepfleger hört die Arbeit nie auf. „Hier herrscht ein rauhes Klima. Es gibt viel Neid in der Szene. Die Pferdepfleger sehen, dass ein Reiter viel netter ist als der eigene. Bei dem hat man’s besser, heißt es dann. Viele Pfleger sind aber auf den Job angewiesen und lassen sich anschreien, weil sie sich nicht wehren können.“

Für die Sorgen der Pfleger gibt es während der Turniere eine Art inoffizielle Anlaufstelle: das Stallbüro, das in einem ausrangierten Wohnwagen mit blau-weißen Vorhängen untergebracht ist. Draußen warnen Schilder davor zu rauchen und weisen auf eine Notfallnummer hin. Drinnen ein Chaos aus Kaffeebechern, Teetassen und leeren Colaflaschen. Auf durchgesessenen Polstern haben drei Frauen Platz genommen – das Stallbüroteam. Susanne Rülke, Alexandra Grauenhorst und Rabea Fischer, die im wirklichen Leben andere Berufe ausüben, nehmen sich fünf Mal im Jahr frei, um auf internationalen Turnieren Strohballen gegen Wertmarken zu tauschen, hinter dem Tierarzt herzutelefonieren und verfrorenen Pferdepflegern mit heißem Kaffee weiterzuhelfen.

Enttäuschte Hoffnungen bei Reitern und Pflegern

„Menschen, die nicht inspiriert sind, die diesen Knall nicht haben, die könnten das hier nicht machen“, sagt Susanne Rülke. „Die Pferde sind speziell, die Menschen auch.“ Die 26 Jahre alte Alexandra Grauenhorst erzählt: „Viele Pfleger kommen in den Wohnwagen, um sich auch mal auszusprechen. Wir hören oft: ,Es klappt gerade nicht, ich bin auf der Suche nach was Neuem.‘“

Insider sprechen von einem ständigen Wechsel von Pflegern zwischen den Arbeitgebern, begleitet von Konflikten und enttäuschten Hoffnungen auf beiden Seiten. Dennoch können sich die meisten Pfleger keinen anderen Beruf vorstellen. Der Drang zum Pferd und das fehlende Interesse an anderen Tätigkeiten brachte sie überhaupt erst zu ihrem Job.

„Die Pferde sind halt unsere Kinder“

Im Stall ist es mittlerweile ruhig geworden. Vor einer Box sitzen zwei Pflegerinnen mit Pappbechern und unterhalten sich. Hier, wo Rauchen zum Turnierausschluss führen kann, trifft man sich auf einen Kaffee und nicht auf eine Zigarette. Die beiden arbeiten für eine österreichische Dressurreiterin. Anders als in der Springreiterei ist es bei den Pflegern sogar üblich, im Stall zu schlafen – auf einem Feldbett in einer Extrabox, in der auch die Sättel untergebracht sind. „Die Pferde sind halt unsere Kinder“, sagt Pferdewirtschaftsmeisterin Brigitte Kostersitz. Sie hält inne und überlegt. „Irgendwie ist das wirklich so“, sagt sie dann. „Man muss halt mit Leib und Seele dabei sein. Sonst macht man das hier nicht.“

Eine, die sich für einen anderen Weg entschieden hat, ist die 23 Jahre alte Rabea Fischer, die Jüngste aus dem Stallbüro. Nach dem Abitur arbeitete sie zwei Jahre in Schweden als Pferdepflegerin. Danach kam sie zurück nach Deutschland und studiert jetzt Geschichte in Göttingen. Die Pferde sind ein Hobby geblieben, mehr nicht. „Viele Mädchen sehen den Pflegerjob als Möglichkeit, mal ein paar gute Pferde unter den Sattel zu bekommen“, sagt Rabea. „Aber man hat vor allem viel Arbeit.“ Und sie fügt hinzu: „Es ist eben trotz allem so: Der Reiter reitet, und der Pfleger pflegt.“

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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