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Pubertät Die Alten stehen den Jungen im Weg

16.11.2008 ·  Erwachsenwerden lässt das Gehirn rotieren. Das macht Teenager aufmüpfig - und so kreativ wie nie wieder. Zwei Wissenschaftler aus Erlangen glauben sogar, nur „Pubertisten“ könnten die Gesellschaft nach vorne bringen.

Von Susanne Prebitzer
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„Herzlichen Glückwunsch“, sagt der Vater. „Prima, dass du deinen ersten Samenerguss hattest.“ Eine Mutter nimmt ihre Tochter in den Arm und flötet: „Alles Gute zur ersten Regelblutung, willkommen im Klub!“ Nein, diese Szenen stammen nicht aus einem schlechten Film. Sondern, noch besser: aus der Zukunft. Zumindest nach den Vorstellungen zweier Professoren aus Erlangen.

Ralph Dawirs und Gunther Moll heißen sie, der eine ist Biologe, der andere Jugendpsychiater. Das Duo will Schluss damit machen, dass Eltern auf ihre erwachsen werdenden Kinder wie auf Aliens starren. Statt zu nerven, raten die beiden in einem Buch („Endlich in der Pubertät!: Vom Sinn der wilden Jahre“, Beltz Verlag, 17,90 Euro), sollten Eltern feiern, wenn die Söhne und Töchter „geschlechtsreif“ werden. Man möchte sich eine derartige Party lieber nicht vorstellen. Wünscht sich ernsthaft jemand solche Eltern?

„Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden“

Doch die Idee zeigt auch: Wenn es darum geht, was Jugendliche mit elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn oder sechzehn Jahren umtreibt, herrscht unter Erwachsenen das große Schulterzucken. „Die ist halt in der Pubertät“ - ein Satz wie dieser soll dann alles erklären. Neuerdings wird Jugendlichen der Titel „Pubertisten“ angehängt. Julian ist 13 und will den Schwarzen Peter zurückschieben: „Pubertät ist, wenn Eltern schwierig werden.“

Was bedeutet Pubertät überhaupt für die, die sie gerade selbst erleben? „Pickel und so“, sagt die 14 Jahre alte Lisa. Denise ist 15 und erklärt: „Die Brüste wachsen, man ist zickiger, hat Stress mit den Eltern, und sie nerven.“ Und Lukas, 14, meint: „Wenn man nicht mehr so oft mit den Eltern etwas machen will, sondern lieber mit Kumpels.“

Das Oberstübchen gleicht einer Großbaustelle

Es ist eine verrückte Zeit. Was dabei genau vor sich geht, erforschen Leute wie Jay Giedd. Er arbeitet am Nationalen Institut für psychische Gesundheit im amerikanischen Bethesda. Seit 20 Jahren durchleuchtet er regelmäßig die Köpfe Hunderter Menschen. Ergebnis: In der Pubertät gleicht das Oberstübchen einer Großbaustelle im Hochbetrieb. Zwischen Millionen Nervenzellen werden Verbindungen geknüpft.

An anderen Stellen wird eingerissen. Unnütze Verschaltungen verschwinden. In der Großhirnrinde, die Verhalten, Bewusstsein oder Sprache steuert, gehen Nervenzellen zugrunde. Hirnregionen für Gefühle, Lust und Stress werden renoviert. Zugleich lassen Hormone den Körper wachsen, Haare sowie Pickel sprießen. Mädchen werden fraulicher, Jungs zu Männern.

„Endlich, da ist der Pubertist!“

Was in dieser Zeit passiert, macht mit aus, dass man so anders tickt als zuvor und nachher. Genau bei diesem Anders-Ticken knüpfen auch die zwei Professoren Dawirs und Moll an. Ihre kesse These: Nur junge Leute in der Pubertät können die Gesellschaft voranbringen. Denn wegen der Umbauten im Gehirn, so sagen sie, seien junge Erwachsene neugieriger, mutiger, zum Teil brutaler. Dadurch lernten sie schneller und trauten sich mehr als alte Leute. Für ihre Theorie gehen die beiden ein paar hunderttausend Jahre zurück und sagen: Früher hätten junge Erwachsene automatisch das Ruder von den Alten übernommen. Schließlich sei kaum jemand älter als 30 Jahre geworden. Und heute?

Da denkt mit 30 niemand ans Aufhören, aber auch mit 50 nicht. Die Alten stehen jungen Leuten im Weg, monieren Dawirs und Moll. Das bringt im Kleinen Rempeleien. Im Großen aber stürze es die Gesellschaft in die Krise, wenn Alte allein den Kurs angäben. „Wir stellen die jungen Leute, die Fortschritt bringen, kalt“, schimpft Ralph Dawirs. Das müsse sich dringend ändern, fordert er. Erwachsene sollten sich freuen: „Endlich, da ist der Pubertist!“ Jugendliche selbst sollten stolz sein.

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