12.05.2009 · Private Unternehmen haben das Geschäft mit freiwilligen Alkoholtests entdeckt. Einmal ins Röhrchen pusten kostet drei Euro. Strafe droht den Teilnehmern nicht. Mit der Promille-Polente auf Streife über den Hamburger Kiez.
Von Arne Leyenberg23 Uhr: Die Uniform wirkt. Ein Passant fragt: „Ordnungsamt oder Hartz IV?“ Domingos Ramos lächelt milde. Seit 20 Minuten wartet er vor der Schlagerkneipe „Rutsche“ in einer Seitenstraße vom Hans-Albers-Platz. Als seine Kollegin Aga endlich kommt, muss sie sich noch in der Garderobe umziehen. Schwarze Bomberjacke und Uniformmütze mit dem Schriftzug „Promille-Polente“, weiß auf schwarz. Das soll klarmachen: Hier ist nicht die Polizei am Werk, sondern eine private Truppe mit der Parole Spaß. Der 34 Jahre alte Ramos zieht zum ersten Mal als falscher Polizist über den Hamburger Kiez. Ausgestattet mit einem Alkoholtestgerät, wie es auch die Polizei benutzt. Wer bei Ramos Spitzenwerte erzielt, dem droht keine Strafe, aber er muss zahlen. Einmal ins Röhrchen pusten: drei Euro.
23.30 Uhr: Während Aga, die Blondine, schon vom zweiten Nachtschwärmer, den sie anspricht, nach ihrer Telefonnummer gefragt wird, testet Ramos Marco. Arbeitskollegen spendieren die drei Euro. Der Italiener ist zum ersten Mal in Hamburg unterwegs - mit 0,46 Promille, wie das Gerät nach wenigen Sekunden feststellt. Der nächste Tester schlägt Marco um Längen: 1,21 Promille. Und erntet doch nur Spott von seinen Kollegen: „Du Lusche!“ Sie ziehen ihren Kumpel in die nächste Kneipe. Zwei Kunden, zwei Euro Verdienst für Ramos. Die restlichen vier Euro muss er am nächsten Tag im Büro von Manuela Ganschow abliefern.
Seit Mitte Februar schickt die Geschäftsführerin der „Promille-Polente“ ihre Mitarbeiter am Wochenende durch die Stadt. Ihr Mann Martin brachte die Idee vom Oktoberfest in München in den hohen Norden mit. „Wir sind nicht die Ersten, haben aber das größte Unternehmen“, sagt Manuela Ganschow. Von ihrem Sonnenstudio im Stadtteil Billstedt aus organisiert sie die Zweierteams der Promilletester. Am Wochenende schickte sie vier ihrer Mitarbeiter zum 820. Hafengeburtstag und vier auf die Reeperbahn.
23.45 Uhr: Die Wirtin der kleinen Kneipe „Reitclub“ stürmt hinter der Theke hervor, als sie Domingos und Aga vorbeiziehen sieht. Mit 0,71 Promille zapft sie den Kunden das Bier, stellt der Test fest. „Nicht schlecht für den Anfang“, sagt sie. „Einmal pusten, Jungs?“, ruft Aga einer Gruppe junger Männer zu, die, ausgestattet mit einem Bollerwagen voller Spirituosen, Junggesellenabschied auf dem Kiez feiern. „Ich hab’ eh 4,1“, winkt einer ab. Und schafft anschließend lediglich 1,22 Promille beim Test. Die Kumpels lachen und singen im Dialekt: „Du kannst zu Hause fahren.“ Ramos klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Der gebürtige Portugiese, der im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern in die Hansestadt kam, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Er weiß genau, wie er die jungen Vergnügungssüchtigen, die in Scharen über die Reeperbahn ziehen, ansprechen muss. Der bullige Südländer sieht in seiner Uniform aus, als würde er an einer Strandpromenade betrunkene Urlauber zur Ordnung rufen. In Hamburg macht er seinen Kunden schnell klar: Gehandelt wird nicht. Schließlich ist das Gerät unerbittlich. Es zählt jeden Test, für den ihm die Chefin am nächsten Tag zwei Euro abknöpfen wird.
Manuela Ganschows Mitarbeiter arbeiten auf Provision oder auf 400-Euro-Basis. „Provision motiviert mehr“, sagt die Geschäftsfrau. Auch in Berlin ist die „Promille-Polente“ seit einigen Wochen auf Streife. Am kommenden Wochenende eröffnet Manuela Ganschow einen Standort für die Partystädte am Rhein, Köln und Düsseldorf. Im nächsten Jahr sollen Frankfurt, Leipzig, München und Nürnberg folgen.
0.30 Uhr: Auf der Reeperbahn nachts um halb eins füllt es sich. Seit einer halben Stunde ist das Programm auf dem Hafengeburtstag vorbei, die Buden entlang der Landungsbrücken sind geschlossen. Die Gruppe aus der Steiermark hat den Weg hinüber ins Vergnügungsviertel trotz ihres Zustands gefunden. „Steirermen san very sexy“, steht auf ihren T-Shirts, dazu tragen sie kurze Lederhosen. „2,45!“, brüllt einer stolz in sein Handy, als das Testgerät das Ergebnis anzeigt. Er ballt jubelnd die Faust und klatscht bei Tester Ramos ab. Auf der Großen Freiheit steht Drag Queen Olivia Jones vor ihrer Bar und lässt sich mit einem jungen Brautpaar fotografieren. „Will die Braut mal pusten?“, ruft Aga, die vor ihrer Nachtschicht in einem Fitnessstudio an der Rezeption saß.
Beim Anblick der 23 Jahre alten Blondine in Uniform erschrickt ein Nachtschwärmer. „Das ist voll illegal, ihr macht hier einen auf Polizei!“, brüllt er entrüstet, als er seinen Irrtum bemerkt. Am Hans-Albers-Platz gehen zwei leichte Mädchen mit Fäusten aufeinander los, eine Passantin ruft Ramos hinterher: „Da sollte der Polizist mal eingreifen.“ Aber auf der Reeperbahn sind die echten Polizisten nie weit. In Mannschaftsstärke patrouillieren sie über den Kiez. „Hallo, Kollegen“, sagen sie im Vorbeigehen zur „Promille-Polente“. „Die Uniformen sind ja gut voneinander zu unterscheiden“, sagt die Hamburger Polizeisprecherin Ulrike Sweden, die den Einsatz der privaten Truppe gut findet. „Wir sind froh um jeden, der feststellt, dass er einen problematischen Alkoholwert hat, das Auto stehen lässt und stattdessen das Taxi nimmt.“
0.45 Uhr: Auf dem Kiez spielt der Präventionsgedanke keine Rolle. Hier geht es um Spitzenwerte. Die Kunden kommen von allein zu Ramos, sie wollen ihren Begleitern zeigen, wie viel sie schon intus haben. Ein junger Südländer mit roter Perücke auf dem Kopf kratzt vor dem Eingang zur Herbertstraße seine letzten Cent zusammen, nimmt schnell noch zwei Schlucke vom mitgebrachten Mischgetränk aus der Plastikflasche und pustet dann den Rekordwert: 5,5 Promille zeigt das Gerät an. „Und weiter geht die wilde Fahrt!“, ruft er und verschwindet im Getümmel. Die Junggesellen auf ihrer Abschiedstour sind auch wieder da – der Bollerwagen ist leerer, die Typen voller. Ihren Alkoholwert wollen sie aber nicht testen. „Da geh’ ich dahinten zur Polizei, baue Mist, dann darf ich umsonst pusten“, sagt einer.
1.30 Uhr: Aga friert. Der Wind pfeift vom Wasser her durch die in buntes Neonlicht getauchten Gassen. Sie ist unzufrieden mit ihrem bisherigen Verdienst. Das bekommt nun die Konkurrenz ab. Ein Tester vom Unternehmen „Alkomat-Patrouille“, der seinen Kunden 50 Cent weniger abnimmt, steht vor dem Durchgang zur Kultkneipe „Ritze“. „Ihr seid die 2,50er? Das sieht man!“, ruft Aga ihm zu. Die Konkurrenz scheint nicht so viel Wert auf das Aussehen zu legen wie Manuela Ganschow, die in ihren Stellenanzeigen ausdrücklich nach attraktiven Mitarbeitern sucht. „Ein gepflegtes Aussehen ist wichtig“, sagt sie. „Aber auch wir haben nicht nur Schönheiten im Team.“
2 Uhr: Feierabend für Aga. „Meine Füße sind Eisklumpen“, klagt sie und legt die Uniform wieder ab. Domingos macht weiter. Die Nachtschicht soll sich lohnen. „Ein Zehner pro Stunde muss schon rausspringen“, sagt er. Zurück auf der Großen Freiheit, trifft er seine Kollegen. Der Kleinsten im Bunde hat jemand im Vorbeigehen die Uniformmütze geklaut. Ramos packt die Nachtschwärmer jetzt bei ihrer Ehre. „Bist du Mann oder Memme?“, fragt er. Einer singt: „Ich hab’ schwer einen sitzen.“ Für die Erkenntnis braucht er keinen Test mehr.
3.15 Uhr: Jetzt zahlt sich gute Kondition aus. Bei allen Beteiligten. Manch einer liegt schon rücklings auf der Straße, die voll ist mit Scherben der geborstenen Glasflaschen. Die Pfandsammler lesen auf, was heil geblieben ist. Ramos biegt noch einmal von der Großen Freiheit in die Reeperbahn ab. Der Mann ist fit. 13 Jahre lang war er Tanzlehrer für Salsa, jetzt lege er gerade „eine künstlerische Pause“ ein. Heute arbeitet er als freiberuflicher Sales Promoter. „Morgen saufe ich noch mehr. Dann komm’ ich vorbei“, vertröstet ihn ein Passant. Der Test soll sich ja schließlich lohnen. Der Nächste pustet 0,45 Promille und singt: „Ich kann noch Auto fahren.“ Die Kunden werden spärlicher. „Wir müssen noch irgendwo rein“, beschwört einer seine Freunde nach dem Test. „Mit 1,2 gehe ich nicht nach Hause.“
4 Uhr: Ramos geht an der Statue von Hans Albers vorbei wieder zum Ausgangspunkt zurück. In einer Dreiviertelstunde macht auch er Feierabend. 60 Messungen, 60 Euro. „Mir hat es Spaß gemacht.“ Am nächsten Tag ist er wieder auf dem Kiez unterwegs.