18.04.2011 · Manchen Eltern ist es unheimlich. Dabei ist es normal, wenn Kinder einen imaginären Freund haben, mit dem sie den Alltag teilen - sagt die Psychologin Marjorie Taylor. Außerdem erzählen drei Kinder und ein Mann von ihren unsichtbaren Kumpanen.
Von Katrin HummelMarjorie Taylor ist Professorin für Psychologie an der Universität von Oregon im amerikanischen Eugene und Autorin des Buches „Imaginary Companions and the Children Who Create them“. Seit zwanzig Jahren forscht sie zum Thema „imaginäre Gefährten“, sie hat seitdem etwa 300 Kinder aus Eugene sowie deren Eltern über ihre unsichtbaren Begleiter interviewt.
Frau Taylor, warum und in welchem Alter haben Kinder imaginäre Gefährten?
Sie sind normaler Bestandteil ihres Spiels, wir beobachten das schon bei Zweieinhalbjährigen, wenngleich die meisten Kinder vier oder fünf Jahre alt sind. Manche sind auch noch älter, neun Prozent der von uns interviewten Kinder waren sogar schon zwölf Jahre alt. Es gibt viele Gründe, aus denen Kinder sich solche imaginären Gefährten zulegen: Manche benutzen sie als Protagonisten in ausgedachten Geschichten, die sie zum Beispiel ihren Eltern erzählen. Anderen dienen sie als phantastische Spielgefährten, wenn sie alleine sind. Es gibt auch Kinder, die sie hervorkramen, um Probleme zu lösen, wenn sie mit ihren Eltern verhandeln oder kommunizieren. Sie behaupten dann zum Beispiel, dass ihr imaginärer Freund Angst vor dem Nachbarshund habe, statt zuzugeben, dass sie selbst sich fürchten. Der wichtigste Grund ist aber der, dass Kinder sich einfach gern Sachen ausdenken.
Wie viel Prozent der Kinder haben ungefähr imaginäre Gefährten?
Absolut unsichtbare Gefährten haben unseren Untersuchungen zufolge 37 Prozent der Kinder, aber wenn man diejenigen hinzuzählt, die zum Beispiel Stofftiere oder Puppen haben, die „lebendig“ sind, dann haben insgesamt 65 Prozent der unter Siebenjährigen irgendwann welche.
Was zeichnet diese Kinder aus - haben sie Fähigkeiten, die andere Kinder eher seltener haben?
Sie können sich besser in andere hineinversetzen, sind kreativer, erzählen bessere Geschichte und in manchen Studien fanden wir Hinweise darauf, dass sie sich besser ausdrücken können. Das heißt aber nicht, dass Kinder, die keine imaginären Gefährten haben, weniger kreativ sein müssen. Wir sehen diese Gefährten als eine von vielen Möglichkeiten an, wie kindliche Kreativität sich äußern kann.
Wie sollten die Eltern reagieren, wenn das Kind über seinen imaginären Gefährten spricht?
Sie sollten sich freuen und sich entspannen. Es ist gut, wenn Kinder imaginäre Gefährten haben. Und es kann dem Kind und den Eltern viel Spaß machen, wenn man den imaginären Gefährten benutzt, um herauszufinden, was das Kind wirklich denkt. Wenn die Eltern zum Beispiel fragen: „Wie geht es Schnuffi heute?“ und das Kind antwortet: „Er hat Angst davor, zum Arzt zu gehen“, dann ist das eine gute Möglichkeit, um zu kommunizieren. Kinder lieben es auch, wenn die Eltern mitspielen, wenn sie zum Beispiel für Schnuffi den Tisch mit decken. Nur einmischen dürfen sich die Eltern nicht. Sie dürfen nicht über Schnuffi bestimmen (lacht).
Gibt es Themenbereiche, aus denen besonders viele imaginäre Freunde stammen?
Nein. Zu Beginn meiner Forschung dachte ich das. Ich dachte: Das werden bestimmt lauter so kleine Wesen sein, die den Kindern ähneln, die sie erfinden. Und manche waren tatsächlich so. Aber insgesamt sind sie extrem unterschiedlich. Es gibt Zwerge, Riesen, Geister, Babys, Tausendjährige und alle Arten von Tieren: Panther, unsichtbare Panther, kleine Vögel, Mäuse, die auf Schultern sitzen . . . Manche Gefährten haben eigene Familien und Jobs und Häuser. Keins dieser Themen kommt häufiger vor als andere. Ich habe viel Respekt vor der Kreativität dieser Kinder.
Und wie sieht es mit den Charakteren der imaginären Gefährten aus? Sind die alle lieb?
Auch nicht. Manche sind zwar sehr niedlich, andere aber sind frech oder herrisch. Denn manchmal sind Kinder fasziniert vom Bösen. Sie fordern Schnuffi dann zum Beispiel auf: „Ab in die Ecke!“
Wie lange behalten die Kinder ihre unsichtbaren Gefährten?
Auch das ist unterschiedlich. Die meisten haben sie für einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten. Manche haben aber auch jahrelang welche, und die ganze Familie ist mit ihnen vertraut. Andere haben ebenfalls über einen längeren Zeitraum welche, aber nicht immer die gleichen. Ein Junge, mit dem ich sprach, hatte Zwillinge, Tippy und Toppy. Als ich ihn sechs Monate später wieder traf, hatte er eine Maus namens Gadget. Ich fragte ihn: „Wo sind denn Tippy und Toppy?“ Seine Antwort war: „Die sind defekt.“
Können sie auch ein Anzeichen dafür sein, dass dem Kind etwas fehlt?
Ja, manchmal, aber wir sollten das nicht überinterpretieren. Erstgeborene und Einzelkinder haben zum Beispiel öfter welche als andere Kinder, weil manchmal niemand zum Spielen da ist. Oder Kinder, die gerade umgezogen sind. Aber wir sollten das nicht negativ sehen. Diese Kinder haben kein Defizit.
Glauben die Kinder eigentlich, dass es ihre imaginären Gefährten wirklich gibt?
Nein. Im Gegenteil. Selbst Dreijährige informieren uns schon von sich aus, dass es diesen Gefährten, nach dem wir uns so genau erkundigen, nicht wirklich gibt. Sie wollen sichergehen, dass sie uns nicht verwirren. Sie sagen dann: „Du weißt ja, dass ich mir den nur ausgedacht habe, oder?“
Warum haben ältere Kinder keine mehr?
Manche haben noch welche, aber sie reden nicht mehr über sie, weil sie ahnen, dass wir das komisch finden könnten. Oder sie tauchen nur noch in ihren Tagebüchern auf. Manche beginnen auch, Geschichten zu schreiben, in denen sie sie unterbringen. Bei vielen jungen Menschen ändert sich aber die Vorstellungskraft, wenn sie beginnen, Videospiele zu spielen und sich Avatare zu schaffen. Dann leben sie ihre Phantasie eher dort aus.
Und wenn Erwachsene imaginäre Gefährten haben? Sind die dann krank?
Nicht unbedingt. Wenn jemand für einen Prominenten schwärmt und sehr viel an ihn denkt, ist das ja so etwas Ähnliches, und niemand würde diese Schwärmerei für krankhaft halten. Oder denken Sie an Schriftsteller: Manche schaffen Charaktere, die ihnen den Fortgang der Handlung quasi diktieren. Das lesen wir immer wieder. Agatha Christie hat zum Beispiel in ihrer Autobiographie erzählt, dass sie welche hatte. Eigentlich kommt so etwas viel häufiger vor, als wir denken. Für sich allein genommen ist das ganz sicher kein Anzeichen für eine psychische Krankheit.
Können sich Erwachsene an die imaginären Gefährten ihrer Kindheit erinnern?
Manche ja, aber für Kinder sind diese Gefährten eigentlich gar nicht so wichtig, sie haben eher den Status eines Lieblingsspielzeugs. Daher vergessen viele sie auch wieder, wenn sie älter werden. Nur die Eltern erinnern sich oft noch gut daran, selbst wenn die Kinder schon erwachsen sind. Sie erzählen dann, wie niedlich das damals war. Viele junge Erwachsene wissen daher nur aus den Erzählungen ihrer Eltern, dass sie mal einen imaginären Gefährten hatten.
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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