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Palästinensische Sportler Olympia im 18-Meter-Becken

 ·  Vier junge Palästinenser bereiten sich trotz vieler Widrigkeiten auf die Spiele in London vor. Hans-Christian Rößler hat zwei von ihnen in Gaza und Bethlehem besucht.

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© Javier Videla „Der Welt zeigen, dass es palästinensische Schwimmerinnen gibt“: Sabine Hazboun aus Bethlehem.

Manchmal geschieht es ganz von selbst. Dann passt sich der Rhythmus seiner Schritte dem Rauschen der Wellen an. Wenn Bahaa al Farra sich einfach den Kopf freilaufen will, schnürt er unten am Meer seine Schuhe. Gut vierzig Kilometer Sandstrand hat der Gazastreifen. Es ist das einzige Stück Freiheit, das den 1,6 Millionen Menschen dort geblieben ist. Aber der weite Horizont täuscht. Draußen auf See sind mit bloßem Auge die israelischen Kriegsschiffe zu erkennen, die darüber wachen, dass kein palästinensisches Boot weiter als drei Meilen hinausfährt.

Farras Blick geht trotzdem weiter. Seit Monaten hat der zwanzig Jahre alte Palästinenser nur ein Ziel, das auf einmal zum Greifen nahe ist. Im Sommer wird der zierliche Mann bei den Olympischen Spielen an den Start gehen. Farra ist einer der vier Palästinenser, die nach Großbritannien fahren werden: zwei Läufer und zwei Schwimmer. Der Sportler aus Gaza wird in der britischen Hauptstadt beim 400-Meter-Lauf antreten - auf einer Bahn, von der er zu Hause nur träumen kann.

Im Jarmuk-Stadion im Zentrum von Gaza-Stadt schaut von einem Plakat der bärtige Hamas-Führer Ismail Hanija auf die Sportler hinab. Seit sechs Jahren regiert die islamistische Organisation Gaza. Statt Aschenbahnen oder Fußballfelder baut die Hamas lieber Moscheen oder beseitigt die Schäden des letzten Kriegs vor drei Jahren. Hinter der Sandbahn rund um das Oval mit bräunlichem Gras wirbt auf einer vergilbten Tafel „Mekka-Cola“ um Kunden.

Das Jarmuk-Stadion ist die einzige Sportstätte im Gazastreifen, in der Sportler wie Bahaa al Farra wenigstens stundenweise trainieren können. Sonst bleiben ihm oft nur die verstopften Straßen, auf denen er sich neben Eselskarren und Motorrad-Rikschas seinen Weg bahnen muss - oder der Strand.

“Es ist nicht leicht, in Gaza ein erfolgreicher Sportler zu werden“ gibt Farra zu. Aber für ihn geht es in London und bei allen früheren Wettkämpfen nicht nur um Sekunden und Medaillen. Dafür reichte seine Bestzeit bisher nicht aus. Das Olympische Komitee lud ihn und die anderen Sportler trotzdem ein. „Es ist wichtig, als Palästinenser an den Spielen teilzunehmen und aller Welt zu zeigen, dass Palästina existiert“, sagt er.

Dass das alles andere als selbstverständlich ist, beweist schon seine Ausrüstung: Nur sein T-Shirt, das Jerusalem zeigt, stammt aus Palästina. „Die Laufschuhe bekam ich aus Qatar geschenkt, die Unterwäsche aus Russland“, erläutert Farra schmunzelnd. Doch er ergänzt: „Um für Olympia fit zu sein, braucht man zwei Jahre Vorbereitung. Da reichen drei Monate nicht.“ Deshalb bereitet er sich inzwischen in einem professionellen Trainingslager in Qatar vor.

Das Vorbild von zwei anderen Palästinensern macht Farra dabei Mut. Ironischerweise ist einer davon sein Läufer-Kollege Nader al Masri, und den hat er sportlich knapp geschlagen. Masri, der aus dem Norden Gazas kommt, hatte Palästina bei den letzten Spielen in Peking 2008 vertreten und wäre auch gerne nach London gefahren. „Ausdauer ist wichtig“, ist sein Motto. Das meint Masri auch politisch: Wie viele Palästinenser hofft auch er, dass ihre Fahne nicht nur bei Wettbewerben weht, sondern bald auch vor dem UN-Hauptquartier in New York - als die eines vollwertigen Mitgliedstaats.

Farras zweites Vorbild ist sein Trainer, Majid abu Maraheel. Der war 1996 in Atlanta der erste Palästinenser, der mit der neuen Flagge bei der Eröffnungsfeier einmarschierte. „Mir war klar, dass ich kein Gold gewinne, aber ich war unglaublich stolz“, erinnert er sich, während er die Zeit für seinen Schützling Farra stoppt. PLO-Chef Jassir Arafat hatte dem früheren Polizisten zu Hause selbst die palästinensische Fahne überreicht und damit an eine ältere Tradition angeknüpft. Schon 1931 wurde das palästinensische Olympische Komitee gegründet. Es existierte, bis Israel 1967 Westjordanland und Gazastreifen besetzte.

Seit Atlanta gab es politisch nicht viele Fortschritte. Aber das beirrt den stämmigen Trainer nicht, der in Leipzig studiert hat. Wer aus Gaza komme, habe gelernt zu improvisieren. Das mache die Menschen noch stärker. A propos Improvisation: Da die Spiele in London ausgerechnet in den Fastenmonat Ramadan fallen, hat Farra einen Scheich konsultiert. Der erlaubte ihm, sich an Wettkampftagen nicht an die Vorschriften zu halten, wenn er das Fasten später nachholt.

Nach anfänglichem Zögern haben sich in Gaza die regierenden Islamisten auch mit dem jährlichen Marathon abgefunden, der in diesem Frühjahr zum zweiten Mal stattfand. (Sieger beim ersten Mal 2011: Nader al Masri.) Nur wenige schafften jedoch die ganze Distanz. Die meisten der mehr als 2000 Teilnehmer des von den UN organisierten Laufs begnügten sich mit Teilstrecken. Wie beim Marathon in Jerusalem und Tel Aviv liefen Männer und Frauen nebeneinander.

Aber das bleibt wohl die Ausnahme, wie Farra schon zuvor in seiner Familie erleben konnte. Der Sportler hat sieben Geschwister. Sein elf Jahre alter Bruder eifert ihm nach, eine seiner Schwestern musste dagegen aufhören zu rennen, als sie in die Pubertät kam. Im sittenstrengen Gazastreifen will man keine Mädchen in Sportkleidung durch die Straßen joggen sehen.

Im palästinensischen Westjordanland ist da mehr möglich. Aber Sabine Hazboun, die für ihre Heimat bei Olympia schwimmen darf, hat sich ohnehin nie groß darum geschert, was andere über sie denken. „Meine Eltern und meine Freunde haben mich immer zu hundert Prozent unterstützt. Die anderen haben nie etwas gesagt. Aber das wäre mir auch egal. Dafür machte mir Schwimmen immer zu viel Spaß“, sagt die temperamentvolle Siebzehnjährige.

Sie kommt mitten aus Bethlehem, wo die islamistische Hamas zuletzt immer stärker wurde. Aber Frauen können sich dort freier bewegen als im Gazastreifen, besonders, wenn sie aus christlichen Familien kommen wie Hazboun. Sie schwimmt, seit sie zehn Jahre alt ist, und nahm schon an Wettbewerben auf der ganzen Welt teil. Siebzig Medaillen gehören zu ihrer Sammlung.

Zwar gibt es moderne Bäder im wenige Kilometer entfernten Jerusalem. Aber die israelische Sperranlage macht die Stadt von Bethlehem aus praktisch unerreichbar. Um richtig trainieren zu können, musste Hazboun auf die andere Seite des Mittelmeers ziehen. In Barcelona bereitet sie sich jetzt zusammen mit einem weiteren palästinensischen Schwimmer in einem spanischen Hochleistungszentrum auf die Wettbewerbe in 50 Meter Freestyle und Butterfly vor - unter Bedingungen, von denen sie in ihrer Heimat nur träumen kann.

“Anfangs konnte ich nur im Sommer trainieren“, berichtet die Palästinenserin. „Das Freibad meines Vereins war 18 Meter lang, und ich musste es mir mit den anderen Freizeitschwimmern teilen.“ Da Männer und Frauen getrennt schwimmen, blieb ihr oft nur eine Stunde am Tag. In Bethlehem, wo es im Winter schneien kann, gibt es zwar auch ein Hallenbad; aber das war jahrelang wegen Renovierung geschlossen.

„Jetzt habe ich zum ersten Mal die optimalen Sportbedingungen, aber Rechte als Palästinenser haben wir immer noch nicht. Wenigstens kann ich in London aller Welt zeigen, dass es palästinensische Schwimmerinnen gibt, auch wenn wir bisher keine Tradition für diese Sportart haben“, sagt die Schülerin, die sich über ihre Zukunft nach den Spielen noch nicht viele Gedanken gemacht hat. Sie will die Schule abschließen und weiter schwimmen. Wenigstens wird sie das nach ihrer Heimkehr besser tun können. Dann soll in Jericho das erste Schwimmbad im Westjordanland fertig sein, das olympischen Ansprüchen genügt.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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