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Neues Computerspiel Einmal selber Penner sein

01.03.2009 ·  Das Online-Spiel Pennergame ist derzeit bei Jugendlichen der Renner. Wer will, kann als Obdachloser sein Glück versuchen und so lange betteln oder Flaschen sammeln, bis er Schlossbesitzer ist. Doch allein schon der Name lässt Politiker empört aufschreien.

Von Katharina Sekareva
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Geld verdienen ist echt mühsam. Jedenfalls für den Hamburger Penner Bigg Joe. Die ganze Nacht hat er Flaschen gesammelt, zwölf Stunden lang, und das hat ihm nur 77 Euro gebracht.

Keiner sammelt so lange Flaschen. Auch Bigg Joe nicht. Er ist natürlich kein richtiger Penner, sondern eine Fantasiefigur im Online-Spiel Pennergame (www.pennergame.de). Er kippt gerne mehrere Bier am Tag und hängt nach dem Flaschensammeln angetrunken an seinem Schnorrplatz neben einem Kindergarten ab. Zugegeben, es ist nicht der beste Platz zum Betteln, aber die besseren Orte im Spiel sind schon von der Konkurrenz belegt. Um möglichst viel Mitleid zu erregen, kauft Bigg Joe sich einen süßen Hamster. Dann spenden die Leute leichter.

Politiker bringt es auf die Palme

Trotz seiner miesen Lage muss man sich - anders als im echten Leben - um Bigg Joe, diesen virtuellen Loser, keine Sorgen machen. Denn als Internetfigur gehört er irgendeinem der Millionen Spieler, die sich eingeloggt haben und sich mit seinem Schicksal die Zeit vertreiben.

Pennergame - schon der Name ist eigentlich nicht in Ordnung, politisch also nicht korrekt, herabwürdigend. Und auch die Tatsache, dass das Spiel - anders als das echte Leben der Obdachlosen - Spaß macht, hat den Erfindern fast mehr Kritik als Lob und so manchen Politiker auf die Palme gebracht. Ein Verbot wurde auch schon gefordert. Aber genau dass das Spiel politisch nicht korrekt ist, macht für die Spieler den Reiz daran aus.

Ziel des Spiels ist es, aus dem schlecht gelaunten und aggressiven Bigg Joe vom Hamburger Hauptbahnhof einen Schlossbesitzer zu machen. Dafür muss jeder Spieler seinem Penner zu Geld verhelfen. Das ist gar nicht so einfach, denn der Penner kann weder lesen noch schreiben, wegen des jahrelangen Saufens kann er auch nicht mehr richtig sprechen, und sein Geschick beim Taschendiebstahl ist auch nicht das beste. Aus dieser Lage also müssen die Spieler ihre Obdachlosen rausholen.

Alles nur Ironie

Wie seine „Kollegen“ hat der virtuelle Bigg Joe zehn Euro Startkapital. Davon kauft er sich erst mal ein Bier, um sich in Stimmung zu bringen, und geht dann Pfandflaschen suchen. Zwischendurch schnorrt er seine Kumpels um ein paar Euro an und trainiert seine Geschicklichkeit, um später mal eine Currybude zu überfallen. Seine Bilanz nach drei Tagen: 168 Euro und konstant 2,75 Promille - also gute Laune, was beim Flaschensuchen hilft. Zwischendurch ist er mal im Krankenhaus gewesen, um sich den Magen nach einer Saufpartie auspumpen zu lassen. Nur mit dem Betteln klappt es nicht so gut, da Bigg Joe vor lauter Flaschensammeln ziemlich dreckig geworden ist. Der Weg zum Schlossbesitzer ist noch weit.

Marius Follert (20) und Niels Wildung (20) haben das Spiel erfunden. „Die meisten Spiele sind im Mittelalter oder im Weltraum angesiedelt“, sagt Follert. Pennergame sei das einzige Spiel mit einem Bezug zur Welt von heute. Dass das alles natürlich nicht ganz ernst gemeint ist mit den Pennern, ihren Aus- und Überfällen, sagen die beiden Erfinder auch. Vierzehn Jahre sollte man schon sein, wenn man sich einloggt. Denn Jugendliche unter 14 Jahren begriffen die Ironie des Ganzen noch nicht richtig.

Per Handy auf Sammeltour

Die Idee kam den beiden Jungunternehmern vor fast zwei Jahren bei einem Gang durch das Hamburger Viertel St. Pauli, wo viele Flaschensammler unterwegs sind. Follert und Wildung starteten das Spiel zunächst als Hobbyprojekt. Doch Pennergame war bald so erfolgreich, dass die Erfinder ihre Ausbildung unterbrachen. Sie wollten das Spiel weiterentwickeln. Jetzt haben sie fast eineinhalb Millionen registrierte Nutzer, jeden Tag kommen mehr als 10.000 neue Spieler dazu. In Deutschland liegen die beiden mit ihrem Spiel auf Platz 83 der meistbesuchten Internetseiten. Mit diesem Ansturm wird der Server nicht immer fertig, die Verbindung reißt wegen Überlastung regelmäßig ab.

Neuerdings können die Spieler ihren Penner sogar per Handy vom Schulhof aus zum Flaschensammeln schicken. Das ist praktisch, denn der Großteil der Spieler sind Schüler. Immerhin: Pennergame ist ein sogenanntes Aufbauspiel. Spieler müssen also nicht ganze Nachmittage vor dem Computer verbringen. Es reicht, wenn sie ihren Penner ab und an zu seiner nächsten Aufgabe schicken.

Obdachlose werden zu Verbrechern gemacht

Bigg Joe hat das Flaschensammeln inzwischen satt. Schlossbesitzer wird er so nie. 210 Euro hat er, mehr noch nicht. Also müssen andere Mittel und Wege gefunden werden, um schneller zu Geld zu kommen. Er hat sich einen Kaugummiautomaten zum Aufbrechen ausgesucht.

So sind sie, die Obdachlosenkarrieren in Pennergame. Auch dafür wurden die Erfinder heftig kritisiert. Denn im wahren Leben haben Obdachlose nur einfach kein Zuhause. Verbrecher aber sind sie nicht.

Bigg Joe jedenfalls trinkt sich vor seiner ersten Straftat erst mal Mut an - ein Fehler, wie sich herausstellt. Er wird erwischt und muss Strafe zahlen. Auch in Pennergame haben es die Helden nicht immer leicht.

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