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Sonntag, 12. Februar 2012
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Musikunterricht Die taube Nation

13.07.2009 ·  In Deutschland fällt kein Unterrichtsfach so oft aus wie Musik. Ein Grund dafür ist der Lehrermangel, denn auch das Bildungswesen steckt in der Krise. Dabei könnte eine gute musikalische Erziehung helfen, etliche andere Probleme zu lösen.

Von Axel Brüggemann
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Wellen aus Papier schwappen von der Wand ins Klassenzimmer. Aus der Neonbeleuchtung an der Decken tropfen blaue Bindfäden. Geisterhafte Figuren schauen durch die Fensterscheiben: scheintote Seemänner, junge Mädchen in Prinzessinnenkleidern und giftgrüne Jägerburschen. Neben dem Pult steht ein Spinnrad, und überall im Raum verteilt sind kleine Papiermodelle mit den wichtigsten Szenen aus Richard Wagners Oper „Der Fliegende Holländer“ aufgestellt.

Die dritte Klasse an der Evangelischen Schule in Berlin-Steglitz hat sich ein „Fliegender Holländer“-Klassenzimmer gebastelt, eine Wagner-Bühne nach Erich-Kästner-Vorbild. Und mittendrin steht nun die Urenkelin des Komponisten: Katharina Wagner ist zu Besuch und hält nichts von Kleinkindergequatsche. Sie verzichtet auf „pädagogisch wertvolle“ Einführungsworte – sie will arbeiten.

„Er ist ein Geist!“

„Wie soll der Holländer aussehen?“ An einem der Gruppentische meldet sich ein Junge: „Er ist ein Geist! Der hat keine neuen Klamotten.“ An einem anderen Tisch bemerkt ein Mädchen: „Vielleicht kauft er sich aber einen Smoking, wenn er an Land kommt – schließlich will er eine Frau heiraten. Und er hat eine Schatztruhe an Bord.“ Der Streit über die Kostüme der Wagner-Charaktere wird zum Expertengespräch: Ist der Holländer auf seiner endlosen Suche nach Treue ein guter oder ein böser Mensch? Was sagt die Musik dazu? Und wie kann man das auf der Bühne zeigen? Die Drittklässler kennen ihren „Holländer“ aus dem Effeff – die Kinder hatten denn auch Erfolg, ihr Kostümentwurf für den „Fliegenden Holländer“ wird Ende dieses Monats auf der Bayreuther Bühne zu sehen sein, in der ersten Kinderoper auf dem Grünen Hügel.

Schon nach wenigen Minuten mit der Wagner-Urenkelin wird ihnen klar: Das hier ist kein Kinderspiel. Katharina Wagner findet nicht alles hübsch, hinterfragt, will Begründungen und zwingt die Kinder zur lustvollen und ernsthaften Regiearbeit. Die Unterrichtsstunde zeigt, dass Musik kein Orchideenfach sein muss: Es geht um Literatur, um Werkanalyse, um handwerkliche und ethische Fragen – und um Diskussionskultur. Die Musik ist lediglich der Anlass für die Drittklässler, miteinander zu streiten.

Zwei Musikstunden im halben Jahr

An anderen Schulen sieht die Sache etwas anders aus: Die Tochter des Autors dieses Textes hatte im vergangenen halben Jahr gerade mal zwei Musikstunden – zu wenig, um am Ende Zensuren zu vergeben. „Lehrermangel“, erklärt die Schulleitung lakonisch. Und tatsächlich fällt in der Kulturnation Deutschland kein Unterrichtsfach so oft aus wie Musik.

Lehrerverbände, Orchester, Theater und der Musikrat warnen schon lange, dass das deutsche Bildungssystem in der Krise steckt. Die bildungspolitischen Reaktionen auf die verheerenden Pisa-Ergebnisse machen die Sache kaum besser: Statt in Allgemeinbildung zu investieren, versuchen Politiker, Wissenslücken in Fächern wie Mathe und den Naturwissenschaften notdürftig zu schließen. Wird ein Defizit zum Beispiel in der Ernährung festgestellt, werden kurzerhand „Ernährungsstunden“ gegeben. Dabei zeigen Studien, dass Menschen mit einer besseren Allgemeinbildung automatisch bewusster mit ihrer Gesundheit umgehen. Anstatt eine breite Bildungsbasis zu schaffen, wird an Einzelproblemen herumgedoktert. Fächer wie Sport und Musik fallen dabei oft unter den Tisch, obwohl gerade durch sie die emotionalen und sozialen Defizite der Kinder behoben werden könnten.

Musikalische Erziehung wird zur Privatsache

Die musikalische Erziehung ist in der Kulturnation Deutschland seit Jahrzehnten zur Privatsache geworden. In den Schulen werden sehr spät Noten gelernt. Wer Klavier, Geige oder Flöte spielen will, muss Musikschulen besuchen oder Privatstunden nehmen. Durch die Ganztagsschulen ist nun selbst diese Ausweichmöglichkeit gefährdet. Der Deutsche Musikrat warnt, dass „die zunehmende Einführung des Ganztagsbetriebs ohne die entsprechende Personal- und Sachausstattung sowie die Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien bereits jetzt einem drastischen Ensemble-Sterben Vorschub leisten“. Betroffen seien besonders Chöre, Orchester, Bigbands, Schülerbands sowie Musik-AGs. Der Musikrat glaubt, „dass die weitere Verdrängung des Musikunterrichts die musikalische Bildung in ihrer Gesamtheit betrifft, was zu einer Erosion des Musiklebens in Deutschland führen wird“.

Inzwischen sind selbst die musikalischen Profis alarmiert und kämpfen gegen die taube Nation. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter warnt vor einer Verdummung der Kinder und kritisiert den Musikunterricht: „Nur rasseln und schütteln ist Erstklässlern kaum zuzumuten.“ Sie hat ein Curriculum für Kindergärten im Land Bayern vorgelegt. Selbst Herbert Grönemeyer fordert: „Wir müssen die Schlagzahl erhöhen, am besten verdoppeln. Das sind wir uns schuldig, wenn wir uns selbst so gern als Kulturnation preisen.“ Simon Rattle hat mit seinem Projekt „Rhythm is it“ vorgemacht, dass Musik auch einen gesellschaftlichen Effekt hat, und für Stadttheater ist die musikalische Bildung mit Jugendkonzerten, Workshops und Sozialprogrammen längst zu einer eigenen Sparte geworden.

Sorgen um die Zukunft der Oper

Nun macht sich auch Katharina Wagner Sorgen um die Zukunft der Oper: „Selbst in Bayreuth können wir nicht sicher sein, dass wir in zehn Jahren noch ausverkauft sind“, sagt sie. „Wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern – und unsere Begeisterung vermitteln.“ Ihre Cousine Nike Wagner hatte unlängst noch behauptet, dass man sich Opern nicht erkrabbeln könne. Die Schüler aus Berlin-Steglitz zeigen, dass es darum auch gar nicht geht: Mit ihrer Lehrerin und Katharina Wagner haben sie sich ihren Wagner erarbeitet. Und die Regisseurin ist zufrieden mit dem Nachwuchs: „Das ist schon absurd, wenn die Kinder darüber streiten, ob ein Jäger ein grünes Kostüm anhaben muss, oder wie er wohl heute aussehen würde – das sind Fragen, die sich moderne Regisseure täglich stellen. Und ich sehe, dass Kinder für Aktualisierungen oft aufgeschlossener sind als so manches Stammpublikum.“

Daniel Barenboim sitzt in seinem Büro in der Staatsoper Unter den Linden. Auch für ihn ist klar, dass die derzeitige Bildungskatastrophe in Deutschland die soziale Katastrophe der Zukunft werden könnte. „Das Musizieren beschränkt sich in vielen Kindergärten leider auf das Ritual des Morgenkreises“, bemängelt er und glaubt, dass mit Mathematik allein nur wenig zu holen ist. Vor einigen Jahren hat der Dirigent das Buch „Musikerziehung und Musikpflege“ des preußischen Pädagogen Leo Kestenberg gelesen – erschienen ist es 1921. Kestenberg sicherte die intuitive Erfahrung des Dirigenten gewissermaßen theoretisch ab: Musik sei nicht allein ein Kunstgebilde, sondern eine Lebensnotwendigkeit. Sie deckt alle Lernpotentiale der frühkindlichen Bildung ab: Sprachentwicklung, Emotionalität, soziale Fähigkeiten, Kommunikation, Rhythmusgefühl, Zählen, Farblehre und natürlich die Musik selbst. Die Erkenntnisse haben Barenboim inspiriert, einen Musikkindergarten in Berlin zu gründen.

„Teil der Menschwerdung“

Das Wunderkind Barenboim will dort keine Wunderkinder erziehen, sondern setzt auf die Musik als „selbstverständlichen Teil der Menschwerdung“. Dabei wird er von dem Gehirnforscher Wolf Singer unterstützt. Er weiß, dass die Architektur des Gehirns und seine Funktionsfähigkeit genetisch und damit von Geburt an vorgegeben ist – dass sich aber besonders in der frühkindlichen Phase Fenster öffnen, um Vernetzungen für verschiedene Bildungsbereiche zu erstellen. In Barenboims Kindergarten geht es darum, die Musik als Angebot zu nutzen, diese Vernetzungen zu schaffen.

Den Erfolg sehen auch die Bildungsexperten: Andreas Doerne vom Musikpädagogischen Seminar der Hochschule in Bremen begleitet den Musikkindergarten wissenschaftlich und berichtet, dass besonders Kinder aus bildungsarmen Elternhäusern von diesem Angebot profitieren. Wilfried Gruhn, Professor der Freiburger Musikhochschule, hat die Relevanz der musikalischen Bildung für das implizite Wissen – also ein Wissen, über dessen Erwerb man sich nicht bewusst ist – dokumentiert. Für ihn ist Musik eine Möglichkeit des beiläufigen und subversiven Wissenserwerbs.

Kinder verlernen das Hören

Barenboims Berliner Musikkindergarten ist eine öffentliche und staatlich subventionierte Einrichtung und kann sich vor Anmeldungen kaum retten. Unter anderem, weil dort schon jetzt ausschließlich akademisch gebildete Pädagogen eingestellt werden – eine Grundforderung vieler Bildungsexperten, auf die sich die Bildungspolitiker der Länder aber noch nicht einigen konnten. Barenboims Kindergarten funktioniert nach dem Grundsatz: „Die Besten in die Lehre!“ Er selbst geht dabei voran, engagiert hochqualifizierte Mitarbeiter und verpflichtet die Musiker der Staatskapelle, einmal in der Woche in den Kindergarten zu gehen, um ihre Leidenschaft zu vermitteln. „Besser als durch begeisterte Vorbilder lassen sich mimetische Bildungsprozesse nicht initialisieren“, sagt der Dirigent und ist enttäuscht, dass sein Kindergarten zwar gelobt wird, aber bildungspolitische Engpässe überall in Deutschland dazu führen, dass ähnliche Konzepte andernorts nicht umgesetzt werden.

„Musik als Teil der Bildung“, sagt Barenboim, „ist eine Möglichkeit, soziale Kompetenzen zu erwerben, die gerade heute vermisst werden: zuhören, streiten, das Führen von Dialogen und das komplexe Denken.“ Die Kinder der Kulturnation Deutschland, die Erben Bachs, Brahms’ und Beethovens, verlernen also nicht nur das Hören, sondern auch ihre sozialen Fähigkeiten.

Der Kulturverlust ist bereits fortgeschritten

Wie weit der Kulturverlust hierzulande bereits fortgeschritten ist, das wird ausgerechnet an Dritte-Welt-Ensembles wie Gustavo Dudamels „Simon Bolivar Jugendorchester“ aus Venezuela deutlich. Dort hat der Staat das „Sistema“ gefördert, Musikschulen in allen Slums und Reichenvierteln etabliert und die Musik zur Grundlage der Volksbildung gemacht. Dudamel erzählt von Kindern, die durch die Musikprogramme auch jenseits einer Musikerkarriere inspiriert werden und wundert sich über die Zustände in Europa: „Es ist schon absurd, nach Deutschland zu kommen“, sagt er, „und zu sehen, dass der Musikunterricht eine Sache für wohlsituierte Bildungsbürger und höhere Töchter geworden ist. Bei uns entdecken wir in jedem Werk von Beethoven die Freiheit, in jeder Orchesterprobe den Dialog und das Gemeinschaftsgefühl. Wir setzen damit auf eine deutsche Tradition, die heute ausgerechnet in Deutschland in Frage steht.“

Katharina Wagner verlässt das Klassenzimmer der Steglitzer Grundschule lange nach dem Gong. Auf dem Pausenhof steht eine Gruppe Kinder und macht ohne sie weiter: „Der Holländer braucht mehrere Kostüme“, sagt ein Mädchen, „denn er hat ja viele unterschiedliche Seiten.“

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