Wie stark ist das Fach „Glück“ bisher in Deutschland verbreitet?
Inzwischen sind wir an über 100 Schulen in Deutschland vertreten. Im Heidelberger Raum explizit an Kindergärten, Grundschulen, Realschulen, Hauptschulen, Gymnasien und Berufsschulen. Die Inhalte sind jeweils an die entsprechenden Bedürfnisse und Qualifikationen angepasst.
Was motiviert Sie dazu das „Streben nach Glück“ in Form eines Schulfaches zu unterrichten?
Meine eigene Lehr- und Lernerfahrung und Erlebnisse mitten aus meinen Leben. Aber auch wissenschaftliche Indikatoren. Die Gallup-Studie zeigt zum Beispiel, dass nur wenige Menschen ihrer Arbeit mit Spaß nachgehen. Das bedeutet jede Menge verschenktes Potenzial, das ungenutzt bleibt, nur weil es vielen Menschen an Freude und Motivation im Arbeitsalltag fehlt. Im schlimmsten Fall neigen schon Kinder zu Ängsten und Depressionen, aktuell sind Psychotherapeuten vollkommen überlastet.
Worin sehen Sie die Gründe dafür?
Die Schulbildung versäumt die sogenannte Soft- und Life-Skill-Education, also das Vermitteln von sozialen Kompetenzen, die das Leben verlangt. Das Schwergewicht der Wissens- und Leistungsgesellschaft drückt auf unser Gemüt, sorgt für Frust und Unzufriedenheit und entlädt sich in Aggression, vor allem gegen andere.
Welche Verbindung sehen Sie hier zu Mobbingfällen?
Wenn ich mich selbst wohl fühle, dann gehe ich auch positiver mit meinen Mitmenschen um. Wenn ich meine eigenen Stärken und Schwächen kenne, dann finde ich meinen Platz in der Gemeinschaft. Nur dann weiß ich den Wert der Gemeinschaft zu schätzen und zerstöre diese nicht, indem ich einzelne ausgrenze.
Wie kann eine bessere Arbeitsgemeinschaft geschaffen werden, um Mobbing zu verhindern?
Wichtig ist in diesem Zusammenhang Empathie. Empathie kann nur durch ein Gespür für mich und andere entstehen. Gelegenheiten, mit Personen in direkten Kontakt zu treten, werden immer weniger. Das bringt eine höhere Distanz zwischen Menschen mit sich, weniger Gefühl für andere und weniger Wahrnehmung von gemeinschaftlichen Beziehungen.
Wenn Sie von einem Rückgang von direktem Kontakt sprechen, worin sehen Sie Gefahren diesen zu verlieren?
Hauptsächlich darin, dass unterschiedlichste Medien verwendet werden, um mit Leuten zu kommunizieren. Smartphones, Chats, soziale Netzwerke, Emails und vieles mehr. Gelegenheiten mit Personen direkt in Kontakt zu treten werden immer weniger. Egal, ob man sich mit einer oder mehreren Personen trifft, die Aufgabe bleibt stets die gleiche: Bedürfnisse von mir und anderen zu kennen und diese in einer bestimmten Situation auf einander abzustimmen.
Und das wird ohne den direkten Kontakt erschwert?
Genau. Zwar kann ich auch über das Internet Gespräche führen und jemanden besser kennenlernen, indem ich mich mit ihm austausche. Allerdings stehe ich nicht im persönlichen Austausch mit meinem Gesprächspartner, deshalb fehlen schon scheinbar banale Dinge, wie Augenkontakt. Aber genau auf diese Punkte kommt es an. Im Chat bekomme ich die Inhalte eines Gesprächs vermittelt, aber nicht die tatsächliche Reaktion meines gegenüber. Selbst per Videochat erlebe ich eine künstliche Gesprächssituation.
Wie erlernen Schüler im Fach „Glück“ mit direktem sozialen Kontakt umzugehen?
Schüler lernen in „Glück“ die Gruppe oder die Schulklasse als Maßstab für persönliches Feedback zu erkennen. Durch eine Vielzahl an Übungen trainieren sie Kommunikation und Integration in einer Gruppe. Ein Umdenken hat dann stattgefunden, wenn die Kinder und Jugendlichen ihre Mitschüler als positives Stärkungsreservoir verstehen. Dann lassen sie wiederum auch davon ab die anderen als Publikum zu sehen, vor dem sie sich selbst mit negativen Inhalten profilieren und damit jemanden fertig machen, um mich selbst besser zu fühlen.
Was können Schulen von Grund auf gegen dieses Verhalten unternehmen?
Unser Bildungsverständnis muss überarbeitet und überdacht werden. Die Rückbesinnung auf eigene Bedürfnisse, weg von übersteigertem Konsum- und Konkurrenzdenken, muss gefördert werden. Wie man so schön sagt: „Den Verstand kann man belehren, Charakter muss man üben.“ Es geht nicht nur darum reine Inhalte in junge Menschen einzupflanzen, sondern auch die Kanäle dafür zu schärfen, auf denen wir Lehrer diese vermitteln.
Inwiefern fördern Sie diese Softskills mit Ihrem Unterrichtsfach?
„Glück“ dient als eine Art Kompass, der die ganze Palette an Fertigkeiten bietet, die der Mensch braucht, um sich im Leben zu orientieren. Es ist also ein Life-Coaching, bei dem die zentralen Punkte in der Selbsterfahrung und Selbstfindung der Schüler liegen. Kinder und Jugendliche sollen lernen zu sich selbst zu finden und auch anderen gegenüber offener zu werden.
Sozialkompetenzen spielen also eine tragende Rolle?
Richtig. Letztlich wird die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und anderen geschult, damit das Miteinander aktiv wahrgenommen werden kann. Diese Erfahrung gibt vielen ein ganz neues Lebensgefühl und unter Umständen eine Antwort auf die Sinnfrage des Lebens. In Lebensfreude hat jeder Nachholbedarf.
Wie evaluieren Sie, ob Ihr Schulfach die Lebensfreude von Schülern erhöht?
Über reguläre Evaluationsmaßnahmen, wie Kontrollgruppen und dazugehöriges Abfragen von Indikatoren, die Anzeichen für gutes und schlechtes Wohlbefinden skizzieren. Aspekte, wie Stress und Frust sinken, Motivation und Ausdauer steigen regelmäßig.
Welche Erfahrungen machen Sie an Schulen mit dem Fach „Glück“?
Die Einführung des Faches ist dann gelungen, wenn die Schulleitung und Lehrerschaft das Fach als notwenigen Bestandteil des Schulprofils identifiziert und die Grundsätze von „Glück“ zum Leitbild werden, so auch an der Theodor-Frey-Schule in Eberbach. Das bringt die Schulkultur weiter, aber auch das Bild der Schule nach außen.
Die Inhalte werden also nicht nur abgearbeitet, sondern gelebt?
Allerdings, die Themen des Faches sind anspruchsvoll, aber die Investition hat sich auch im Fall der Theodor-Frey-Schule gelohnt. Es sollen noch weitere Kollegen dazu kommen, die für das Fach geschult werden, um noch weitere Klassen und Klassenstufen zu unterrichten.
Der bisherige Glückslehrer Michael Leisinger an der Theodor-Frey-Schule scheint seinen Schülern Lebensfreude beispielsweise regelrecht vorzuleben.
Ja, Herr Leisinger wirkt mit seiner freundlichen Ausstrahlung auf das Kollegium und ist sehr ehrgeizig und mutig. Skeptiker sterben trotzdem nicht aus. Meist, weil viele das Fach als einen Zusatz und als mehr Arbeit verstehen. Sie sehen es erst einmal nicht als etwas, wovon sie auch selber profitieren, nämlich von einem ganz neuen Umgang mit ihren Schülern und vielleicht auch von einem Stück mehr Lebensqualität.
Die Fragen stellte Talisa Dean.