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Minderjährige an Unis Ihr Kinderlein kommet

 ·  G-8-Abitur und Abschaffung der Wehrpflicht schwemmen nun eine Masse Minderjähriger an die Hochschulen, die noch nicht einmal für sich selbst unterschreiben dürfen. Was bedeutet das für die Universitäten - und was für die Studenten selbst?

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Wie eine Erwachsene kann sich Carina Friedel noch nicht fühlen. Wenn die Siebzehnjährige im Oktober in Regensburg Altphilologie studieren will, muss sie ihre Eltern um viele Unterschriften bitten. Eine unter den Mietvertrag ihrer kleinen Einzimmerwohnung. Eine unter das Schreiben der Universität, dass sie die Computer in der Bibliothek nutzen darf - obwohl diese keine Kindersicherung gegen Schmuddelseiten im Internet haben.

Eine unter das zweite Schreiben, dass sie trotz ihres Alters an Exkursionen und Sportkursen teilnehmen darf. Und eine unter den Immatrikulationsantrag, mit dem die Eltern ihrer minderjährigen Tochter das Studium überhaupt erlauben. „Meine Unterschrift ist überhaupt nichts wert“, sagt Carina. Selbst unterschreiben darf Carina nicht einmal, wenn sie mit ihrer Bankkarte im Unikiosk einkauft, weil ihr für das Lastschriftverfahren noch die volle Geschäftsfähigkeit fehlt. Schaut man Carina an, dieses blonde, zierliche Mädchen mit dem unverbrauchten Gesicht, wirkt es, als sei der Weg bis in das erwachsene Studentenleben noch sehr weit.

Vom Kinderzimmer in die Uni

Vor zehn Jahren gab es unter den Erstsemestern in der ganzen Bundesrepublik nur 233 Minderjährige wie Carina Friedel. Die meisten von ihnen waren Hochbegabte, die Klassen übersprungen hatten. Diesen Herbst werden es Tausende Jungstudenten sein, die schon nach 12 Jahren ihr Abitur gemacht haben und als junge Männer außerdem keinen Wehrdienst leisten mussten. Nicht wenige Hochschulen zittern bereits vor diesem Ansturm. Weil mehr Studenten kommen werden als sonst - und noch dazu eine ganz ungewohnte Sorte.

Carina Friedel sitzt in ihrem Kinderzimmer in Rosenheim, einem beschaulichen Ort im bayrischen Alpenvorland, und überlegt, was sie in ihrem Köfferchen in das neue Studentenleben mitnehmen soll. Ihr Zimmer ist bunt, die Möbel aus hellem Furnierholz, es hat sich nicht viel verändert in diesem Raum, seit Carina vier Jahre alt war. Das große Moorhuhn-Stofftier soll dableiben, die Harry-Potter-Bücher und das leere Sparschwein auch. Carina will jetzt erwachsen sein, in ihrem neuen Leben als Studentin.

Geschichten vom Jungsein

Das Bild, das sie in der Schule gemalt hat - vielleicht kommt das mit. Und natürlich die Homer-Bände und das Poster des berühmten Raffael-Freskos mit Platon, Aristoteles und den Akademikern der Antike. Carina will Altgriechisch, Latein und Philosophie studieren, sie hat ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes gewonnen und liest Literatur der Antike zum Vergnügen. Aber irgendwie ist da ein Konflikt, nicht in Carina Friedel selbst, aber zwischen dem Harry Potter und dem Homer, die nebeneinander im Regal stehen. Als wäre die Besitzerin dieser beiden Bücher entweder für das eine zu jung oder für das andere zu alt.

Carina erzählt Geschichten vom Jungsein. Als sie sich mit ihrem Vater zusammen Wohnungen in Regensburg anschaute, siezte sie ihre Vormieter, obwohl es zukünftige Kommilitonen waren, neben denen sie bald im Hörsaal sitzen wird. Sie ist zu jung zum Autofahren, Schnapstrinken oder Wählen. Aber nicht zu jung, um an einer Hochschule zu studieren; so wollten es die Bildungspolitiker, als sie die Schulzeit bis zum Abitur um ein Jahr verkürzten. Ältere Akademiker, die an ihr 17. Lebensjahr zurückdenken, erinnern sich meistens an die erste Liebe, Klassenfahrten nach Tirol und den strengen Mathelehrer in der Unterprima. Carina wird sich eines Tages an Vorlesungen in Analytischer Philosophie erinnern, an das Kolloquium für lateinische Grammatik und Klausuren, von denen jede einzelne schwerer war als das gesamte Abitur.

Immer mehr Studenten, immer weniger Platz

Gerne hätte Carina noch die Zeit erlebt, in der man mit dem Auto zur Schule fährt und seine Entschuldigungen selbst unterschreibt. „Es ist nicht gut, dass wir so früh Abitur machen“, sagt sie. Von den Klassenkameraden würde nur ein Drittel an die Hochschule gehen. „Die anderen haben keine Ahnung, was sie machen wollen. Manche wollen ins Ausland, kümmern sich aber nicht darum.“ Auch Carina wollte weg, einige Monate im Ausland herumreisen und mit Gelegenheitsjobs Geld verdienen, „Work & Travel“ nennen die Reisebüros das. Der Plan scheiterte an ihrem Alter, von jedem Arbeitgeber hätte Carina eine Sondererlaubnis gebraucht. Also gab sie auf und kümmerte sich um einen Studienplatz. Sie wollte weg, weil sie sich für ein Studium zu jung fühlte, und musste studieren, weil sie für die Alternative noch nicht alt genug war.

Die Regensburger Universität, an der Carina Friedel studieren wird, hat bereits 29 Millionen Euro investiert, um angesichts des Ansturms neue Professoren einzustellen und ein Hörsaalgebäude mit 1600 Quadratmetern zu bauen. Innerhalb eines Jahres war die Studentenzahl bereits sprunghaft von 16 600 auf über 18 000 gewachsen, Tendenz steigend. Weil der Platzmangel auch anderswo zum Problem wird, musste etwa die Universität in Kassel eine nahe gelegene Kirche mieten, um zwischen Kruzifixen und Gesangsbüchern ihre Vorlesungen abzuhalten. Studenten in Paderborn wurden zeitweise in Messezelten unterrichtet, und die Universitäten Passau und Hamburg mussten mit örtlichen Kinobetreibern verhandeln, ob man die Räume statt für Hollywood-Filme nicht auch für Lehrveranstaltungen nutzen könne.

„Die Professoren wissen nicht, was sie erwartet“

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, geht davon aus, dass die Zahl der Erstsemester in diesem Herbst aufgrund der Abitur-Doppeljahrgänge in Bayern und Niedersachsen um 140 000 Studenten steigen wird. In ganz Deutschland fehlten, so Wintermantel, trotz aller Bemühungen noch 50 000 Studienplätze. Dass sich viele Abiturienten angesichts solcher Aussichten bei mehreren Hochschulen parallel bewerben, wird das Chaos zusätzlich vergrößern.

So groß die Menschenmassen auch sind - es ist nicht nur die Menge der Erstsemester, die den Hochschulen Sorge macht, sondern die Tatsache, dass viele von ihnen im Wortsinn noch Kinder sind. Der Student war im Verständnis der Allgemeinheit immer ein Erwachsener. Jemand, mit dem Professoren auf Augenhöhe in den akademischen Diskurs eintreten konnten. Einer, den man nicht ermahnen musste, seine Aufgaben zu erledigen. Kurzum: gestandene Männer und Frauen, dem Klischee nach mit Cordjackett, Augenringen und Nikotinproblem, die wenigstens 21 Jahre auf dieser Welt verlebt haben. Ob das so bleibt, wenn ihre Klassenkameraden den Campus bevölkern, daran hat Carina Friedel selbst die größten Zweifel. „Besonders die Jungs sind noch vollkommen unreif. Die machen Quatsch, werfen mit Papierkügelchen und wollen den Unterricht stören. Ich weiß nicht, ob die Professoren wissen, was sie da erwartet“, sagt sie.

Heutige Studenten neigen zur Unselbständigkeit

Die „Kids“, wie der Vizerektor der Universität Hamburg, Holger Fischer, die Studenten heute nennt, sind tatsächlich nicht das, was er aus seiner eigenen Studienzeit kennt. „In den Anfängerseminaren sitzen junge Leute, die noch nicht so ausgereifte Persönlichkeiten sind wie ihre Kommilitonen von vor fünf Jahren. Die heutigen Studenten neigen zu einer gewissen Unselbständigkeit. Sie warten darauf, dass ihnen gesagt wird, was sie tun sollen.“ Fischer kann sich an seine eigene Zeit als Student noch gut erinnern. Der Professor sagte: Lesen Sie dieses Buch - und in der Prüfung reden wir dann darüber. Es lag eine gewisse Zumutung in der Art, wie Professoren mit ihren Studenten umgingen. Dass der Student nach der Lektüre eines Buches die Kerngedanken verstanden hatte, wurde einfach vorausgesetzt. „Heute melden sich die Studenten im Seminar und fragen, ob es für die Prüfung reicht, wenn sie die Seiten 64 bis 83 gelesen haben. Das ist nicht so prickelnd.“

Zusätzlich zur Jugend ihrer Studenten erleben die Universitäten ein ganz neues Phänomen - nämlich Eltern, die sich für ihre Kinder auch dann noch zuständig fühlen, wenn diese längst an einer Hochschule studieren (F.A.S. vom 19. Juni). Amerikanische Soziologen haben sich für solche Eltern ein Schlagwort einfallen lassen, man nennt sie „Helicopter parents“, weil sie achtsam über ihren Kindern schweben wie ein Hubschrauber. Nicht nur in Hamburg begleiten manche Eltern ihre volljährigen Kinder sogar zur Studienberatung. „Wir hatten auch Fälle, in denen Eltern von Absolventen gegen unsere Prüfungsentscheidungen schriftlichen Widerspruch eingelegt haben“, sagt Vizerektor Fischer. „Wir antworten dann: Entschuldigung, aber Ihre Tochter ist volljährig!“

Elternabende an der Universität

Schon bei Carinas Abiturprüfungen zeigten manche Eltern, für wie schutzbedürftig sie ihre Kinder noch halten - und zettelten einen Streit mit den Lehrern an, wann und unter welchen Umständen die Kinder während der Abiturklausur die Toilette besuchen dürfen. „Die Kinder sind es einfach noch gewohnt zu sagen: Hey Mami, klärst du das mal?“, sagt Carina. Ihre eigene Mutter hat angekündigt, den Handytarif zu wechseln, um ihre Tochter im 200 Kilometer entfernten Regensburg jederzeit zum Nulltarif anrufen zu können. Und noch eine Sorge hat die Mutter: „Wenn sie in Regensburg ist, wird sie zum ersten Mal Freunde haben, die ich nicht kenne!“

Auch Vater Friedel nimmt seine Tochter an die Hand, etwa bei der Wohnungssuche. Mindestens eine Wohnung lehnte er als nicht standesgemäß ab. Zu düster, zu schmutzig. Mit einer gewissen Folgerichtigkeit bieten manche Universitäten wie die Ruhr-Uni Bochum für engagierte Eltern mittlerweile Elternabende an, ganz wie zu Schulzeiten. In Hildesheim, Osnabrück, Münster und anderen Orten veranstalten die Hochschulen sogenannte Elterntage, an denen sich die Universität nicht den Studenten, sondern ausschließlich deren Eltern präsentiert.

Man fragt sich: Werden aus diesem Behütetsein einmal jene Heldengeschichten entstehen, aus denen manche Akademiker der älteren Generation bis heute schöpfen? „Ich bin 1962 von meinen Eltern weggezogen, nur mit einem Koffer in der Hand“, erzählt Carinas Vater. „Wohin und wie ich das organisiere, war meinen Eltern vollkommen egal. Die haben sich überhaupt nicht gekümmert. Meine Studentenbuden hatten manchmal nicht mal ein Waschbecken!“ Solche Geschichten wird seine wohlbehütete Tochter nicht erzählen können, wenn sie mit 20 Jahren ihr Abschlusszeugnis in der Hand hält. Nur eine Legende kann ihr niemand nehmen: dass sie schon von zu Hause ausgezogen ist, als sie noch nicht einmal alt genug dafür war, ihre eigene Unterschrift zu benutzen.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik.

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