Schüler der fünften Klasse der Friedrich-von-Keller-Schule aus Abtsgmünd steigen den steilen Pfad zum Schloss Weißenstein hoch. Christina und Manfred Kage sind ungewöhnliche Schlossherren. Eigentlich wären sie längst in Pension, doch „wir arbeiten mehr als je zuvor“, sagt Manfred Kage. In dem Schloss, das sie vor vierzig Jahren gekauft haben, gibt es ein Museum, das sich über die etwa 20 Räume des ersten Stockes erstreckt, weitere 20 Laborräume und zwei Wohnungen für das Ehepaar und ihre Tochter Ninja-Nadine, die auch im Familienunternehmen mitarbeitet, beherbergt das Obergeschoss. Schon stürmen die 25 Kinder herein und machen sich neugierig über die Mikroskope, Kristalle, Muscheln, Versteinerungen, Kalender und Zeitschriften im ersten Raum her.
Seit seinem achten Lebensjahr sammelt Kage alles, was er über Mikroskope in die Hände bekommen hat. Aus Delitzsch bei Leipzig stammend, weckte sein Onkel schon früh seine Faszination für das Mikroskopieren: „Wir haben aus einem Teich Kieselalgen geholt und uns diese unter dem Mikroskop angeschaut. Das Mikroskop meines Onkels war golden, und da ich nicht wusste, dass das nur eine Lackierung war, war schon alleine das sehr beeindruckend für mich. Doch am meisten war ich von den geometrischen Formen fasziniert. Ich wollte unbedingt wissen, was dahintersteckt“, sagt der Chemiker, der auch Philosophie und Malerei in Stuttgart und Wiesbaden studiert hat. In diesen Städten sammelte er von 1955 bis 1960 auch erste praktische Erfahrungen bei der Deutschen Gesellschaft für Mikroskopie und bei dem Unternehmen Kalle & Co. Die Gründung seines eigenen „Instituts für wissenschaftliche Fotografie und Kinematografie“ 1960 legte den Grundstein für Ausstellungen, Veröffentlichungen und die Zusammenarbeit mit Unternehmen. Dabei haben seine Eltern es ihm nicht immer leichtgemacht. Als die Familie 1947 fliehen musste, fand er im zerbombten Stuttgart ein kaputtes Wehrmachts-Mikroskop, in dem das Zeiss-Objektiv jedoch noch ganz war. Kurzerhand baute Kage sich aus einer alten Fahrradlenkstange, einem Zahnarztspiegel, einem Kondensator und aus Teilen seines Märklin-Baukastens ein Mikroskop.
Die Eltern hinters Licht geführt
Verwundert schauen die Elfjährigen zu, wie Christina Kage von einem Bord mit mehr als 30 Mikroskopen das selbstgefertigte Werkzeug des jungen Forschers nimmt und in Einzelteile zerlegt. Als der kleine Manfred sich wochenlang nur noch damit beschäftigte, verboten seine Eltern ihm, das Mikroskop zu benutzen, und trugen ihm auf, sich wie ein normaler Junge zu verhalten. „Doch wie das so ist, erreichen Verbote häufig das Gegenteil. Ich baute mir mit meinem Märklin-Baukasten einen großen Kran mit einem Kranführerhaus. Da passte mein Mikroskop rein. Also mikroskopierte ich den ganzen Tag, und wenn ich hörte, dass meine Eltern kamen, stellte ich es in das Kranführerhaus und tat so, als ob ich mit dem Kran spielen würde.“
Während die Realschulklasse einen von dem Ehepaar produzierten Film über Organismen anschaut, erklärt die Mikrobiologin Christina Kage alles ausführlich. Sie und ihr Mann wirken faszinierend und extravagant. Mit ihrer schwarzen Bluse, Leinenhose und locker hochgestecktem Haar sieht sie aus wie eine Künstlerin. Manfred Kages Aussehen ist ein Mix aus Wissenschaftler und Motorradfahrer. Er hat längere, nach hinten gekämmte weiße Haare. Seine Brille sitzt auf seinem Kopf. Das rote gemusterte Hemd ist leicht aufgeknöpft, er hat einen wachen, freundlichen Blick. Diese Synthese aus Künstler und Wissenschaftler spiegelt sich auch in den Arbeiten des Paars wider: Sie machen Aufnahmen und Untersuchungen für medizinische Institute und Unternehmen, sie haben aber auch einen Kunstfilm mit Dalí produziert, und ihre Fotos werden für Kalender und Ausstellungen verwendet.
Ein eigenes Verfahren entwickelt
Weil das echte Kunst ist – Kage ist Gründungsmitglied im Bund freischaffender Fotodesigner –, kostet der erste Abzug eines Fotos dann schon mal 5000 bis 7000 Euro. Einige dieser Werke schmücken das Forschungszentrum von Procter & Gamble in Ohio. Der Architekt Frei Otto hat das Dach des Olympiastadions in München nach einer Aufnahme einer Radiolarie konstruiert. Sie belegen es mit der Doppelseite eines Bildbandes, auf der man sehr genau sieht, wie das dünne Bein des winzigen Meeresbewohners, das weit vom Körper absteht, von Muskelfasern gehalten wird. Genau so, dieser natürlichen Konzeption folgend, hängt nun das Dach des Olympiastadions mit Stahlseilen an riesigen Pfeilern.
Professor Manfred Kage war einer der Ersten, der professionell Mikrofotografie betrieb. Er entwickelte dabei ein eigenes Verfahren, um Farbfotos zu produzieren. Anstoß dafür war eine Anfrage des Magazins „GEO“, das für einen Artikel Bilder von Kage kaufen wollte. Das Spezialgebiet von Christina Kage sind die größtenteils winzigen Präparate von Tieren, Pflanzen, Steinen oder Kristallen. Diese beschaffen sie sich meist in selbst durchgeführten Tauchgängen, da die Qualität gekaufter Präparate zu schlecht für die professionellen Aufnahmen sei. Deshalb haben sie ein Labor in Villefranche an der Côte d’Azur betrieben, bis sich die Wasserqualität dort 2003 erheblich verschlechtert hatte.
Leben im Schloss ist teuer
Ein großer Traum ist, für mindestens ein halbes Jahr auf die Galapagosinseln zu fahren, um Proben einer beeindruckenden Meereswelt zu analysieren. Ob dieses Vorhaben je realisiert werden kann, steht noch in den Sternen. Da sie allein 1200 Kilo Mikroskope mitnehmen müssten, würde diese Expedition mindestens 30000 Euro kosten. Die Kages können zwar davon leben, was sie für die Bild- und Videorechte bekommen, der Unterhalt des großen Schlosses in Ostwürttemberg verschluckt aber viel Geld. So haben sie allein in den ersten zehn Jahren 1,5 Millionen Euro an Restaurierungsarbeiten in das am Steilhang der Schwäbischen Alb majestätisch thronende Schloss gesteckt. Eine Kapelle ist noch nicht restauriert. Seit fünf Jahren bieten sie Führungen durch ihr Museum der Mikrofotografie an. „Um die benötigten 80 000 Euro für die Kapelle einzunehmen, müssen wir aber noch viele Leute durchführen.“
Man hat aber nicht das Gefühl, dass dies das einzige Motiv ist. Die Schüler dürfen selbst mikroskopieren, Steine, Sand, Korallen oder Lapislazuli anschauen. Später mikroskopiert Manfred Kage eine lebende Molchlarve, die Kinder beobachten das an einem Bildschirm. Zuerst sind einige geekelt, als sie das Herz und die Augen des durchsichtigen Molchs sehen können. Doch als er erklärt, dass das die Blutkörperchen sind, die man dank dieser starken Vergrößerung durch die Kiemen huschen sieht, sind auch die letzten Skeptiker überzeugt.