04.08.2009 · Das Leichtathletikzentrum in Rhede möchte Jugendliche auf den Weg nach ganz oben bringen. Die Sportler absolvieren ein hartes Training. Ein Motiv ist Ehrgeiz.
Von Hendrik Pfeiffer, Gymnasium Remigianum, BorkenAuf die Plätze! ... Fertig! ... Los!“, ertönt die Stimme des Leichtathletikstützpunktleiters Jürgen Palm durch das Stadion. Blitzartig beginnt eine Gruppe von sechs jungen Athleten mit einem 400-Meter-Lauf. Nach weniger als 60 Sekunden erreichen sie verschwitzt das Ziel, doch an Pause ist für sie kaum zu denken. Nur 100 Meter in leichtem Trab werden ihnen gegönnt, bevor der nächste Tempolauf, diesmal über 300 Meter, ansteht.
„Tja, ohne Fleiß kein Preis“, erklärt Jürgen Palm lächelnd. „Nur durch ausgiebiges Training können gute Leistungen erbracht werden.“ Und ausgiebig trainieren lässt es sich auf dem Gelände des Leichtathletikzentrums im münsterländischen Rhede auf jeden Fall: Neben dem Stadion mit der neugebauten achtspurigen Tartanbahn bietet der Verein einen umfangreich ausgestatteten Kraftraum, eine Hügellaufbahn und eine Leichtathletikhalle, in der sogar Stabhochsprung trainiert werden kann. Der Klub verfügt über 14 qualifizierte Übungsleiter, die das Training der 550 Athleten leiten.
Talentförderung von Jugendlichen
Kein Wunder also, dass der Sportverein mehr vorhat, als „nur“ Breitensport anzubieten. Insbesondere geht es hier um die Talentförderung motivierter Jugendlicher aus der Region, um sie an die nationale und möglichst sogar internationale Spitze der Leichtathletik heranzuführen. Ein Blick ins Innere des Trainerbüros in der Sporthalle zeigt, dass das ehrgeizige Konzept schon Früchte getragen hat: Hier häufen sich Pokale und Urkunden für Erfolge bei Westdeutschen, Nordrhein- und Kreismeisterschaften sowie Auszeichnungen auf nationaler und internationaler Ebene, die alle säuberlich aufgereiht an der Wand stehen – für die Athleten Stolz und Ansporn zugleich.
Das Zentrum richtet regelmäßig Großveranstaltungen in der Leichtathletik aus. Seit 1975 fanden in Rhede schon neun Deutsche Meisterschaften in verschiedenen Disziplinen statt. Außerdem wird jährlich das Internationale Leichtathletikmeeting ausgerichtet, zu dem meistens führende Athleten aus der ganzen Leichtathletikszene kommen. Besonders stolz ist Jürgen Palm auf die Teilnahme des Marathon-Weltrekordhalters und mehrfachen Olympiasiegers Haile Gebrselassie aus Äthiopien, aber auch amerikanische Sprintstars wie Maurice Green und Carlos Moore waren bei dem Treffen schon dabei.
Herausforderung Jugendmeisterschaft
Im Jahr 2009 steht jedoch im Fokus die Ausrichtung der Deutschen Jugendmeisterschaft. „Eine Woche vor der Leichtathletik-WM in Berlin, wodurch der Leichtathletik viel mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich gewidmet wird, ist die Deutsche Jugendmeisterschaft mit über 2000 Teilnehmern aus 550 Vereinen eine riesige Herausforderung für uns, die wir nur mit Hilfe der zahlreichen Vereinsmitglieder meistern können“, sagt Palm erwartungsvoll. Den Ausfall des Meetings nimmt er dafür gerne in Kauf.
Das Zentrum setzt in jeder Hinsicht auf die Jugend. Von großer Wichtigkeit sei dabei, betont Palm, die Zusammenarbeit mit den Schulen vor Ort: „Unser Plus ist die intensive Kooperation mit den Schulen, so dass wir jährlich mehr als tausend Talente sichten können, um die Besten dann zum Probetraining einzuladen.“
Dass solche Pläne keine Utopie sind, zeigt besonders deutlich das Beispiel des erfolgreichen Spitzenathleten des Vereins Daniel Schnelting, der ebenfalls über den Schulsport hierhin kam. Zwei Mal Junioren-Europameister, zwei Mal deutscher Meister bei den Männern und fünf Mal deutscher Meister in den Jugend- und Juniorenklassen über 200 und 100 Meter, so lautet seine bisherige Erfolgsbilanz. In seinem Verein stellt er – und das nicht nur für die Sprinter – ein großes Vorbild dar, macht seine Karriere doch allen deutlich, was man durch Talent, intensives Training, Fleiß und Ehrgeiz schaffen kann.
Todmüde ins Bett fallen
Natürlich sieht Schneltings Trainingsprogramm noch um einiges umfangreicher und anspruchsvoller aus als das der meisten anderen Athleten des Vereins, aber auch diese spüren bereits die Härte des Trainingsalltags. Während die jüngeren Kinder noch zwei bis drei Mal in der Woche trainieren, steht für die Jugendlichen schon vier bis fünf Mal Training auf dem Wochenplan. Dass dies vom Aufwand her besonders in der Woche nicht immer angenehm ist, lässt sich heraushören, wenn der jugendliche Nachwuchssprinter Malte Stappenbeck seinen typischen Tagesablauf umreißt: „Morgens aufstehen, dann zur Schule, danach Hausaufgaben erledigen und dann ab zum Training, so dass man erst um neun Uhr wieder zu Hause ist und dort todmüde ins Bett fällt.“ Trotzdem macht den Athleten das Training so viel Spaß, dass dieser Aufwand in Kauf genommen wird: „Die jungen Sportler verbringen den Großteil ihrer Freizeit zusammen, da entwickeln sich Freundschaften, die weit über die sportliche Laufbahn hinaus Bestand haben“, sagt Palm.
Während der durchtrainierte und großgewachsene Schnelting zu einem Vollsprint ansetzt, veranstalten zwei Bahnen daneben zwei D-Schüler (7 bis 9 Jahre), die dem Sprinter gerade mal bis zur Hüfte reichen, ein wildes Verfolgungsrennen. Keine 50 Meter weiter lassen die C-Schüler (10 bis 11 Jahre) ihr Training mit einem Völkerballspiel unter der Aufsicht des Trainers André Doeven ausklingen, und auch an der Weitsprunggrube verbessern einige junge Athleten ihre Sprungtechnik. „Wir wollen natürlich möglichst viele Kinder für die Leichtathletik begeistern, indem wir sie behutsam an den Sport heranführen und vielseitig fördern“, erläutert der Stützpunktleiter.
Aber auch neben dem normalen Training werden den Athleten weitere Möglichkeiten geboten, ihre Leistungen zu verbessern: Der Verein sorgt für die Teilnahme an Meisterschaften, bietet Talenttests für die unter 16-jährigen Mitglieder an und ermöglicht die Teilnahme an Trainingslagern.
Saisonvorbereitung in Spanien
Deshalb wird das Trainingslager, das alle zwei Jahre im spanischen Lloret de Mar stattfindet, von allen im Verein als ein besonderer Höhepunkt empfunden. Dort wartet ein intensives tägliches Trainingsprogramm (vier Stunden am Tag) auf die Teilnehmer, aber es bleibt auch noch Zeit für Ausflüge. Auch in diesem Jahr findet das Trainingslager wieder statt: „Am meisten freue ich mich auf den Ausflug nach Barcelona und die Bootsfahrt nach Tossa de Mar“, sagt Anna Steldermann. Was auf den ersten Blick wie Urlaub erscheint, hat bei genauer Betrachtung einen wichtigen Stellenwert im Konzept des Vereins: „Wir fahren natürlich nach Spanien, um das mediterrane Klima für eine optimale Saisonvorbereitung zu nutzen, so dass wir rund zwanzig Trainingseinheiten im Stadion, im Kraftraum oder am Strand absolvieren werden“, stellt Palm klar. Das Interesse der Athleten ist jedoch so groß, dass bereits ein halbes Jahr vor dem Reisetermin schon alle Plätze vergeben waren.