25.08.2009 · In Berlin tobt das illegale Nachtleben. Konspirative Einladungen leiten zu verbotenen Szeneparties. Aber eingelassen wird nur, wer am sogenannten Selektor vorbeikommt.
Von Joshua Pacheco Dehne, Freie Waldorfschule Kreuzberg, BerlinZwischen verfallenen Häusern und Baustellen findet die Party im wohl unbelebtesten Teil im Osten Berlins statt. Dumpf dröhnt elektronische Musik aus den alten U-Bahn-Gewölben. Die Straßen sind nicht beleuchtet, es gleicht einem Wunder, findet man hinter all dem Gestrüpp den Eingang. Drinnen ist es stockdunkel. Es riecht nach verfaultem Holz. Die Treppe vibriert unter dem Bass, sie ist brüchig, Stufen fehlen. Unten verhängen schwere Tücher den Eingang. Der Raum dahinter ist mit Schwarzlicht beleuchtet. Die Gesichter sind schwarz, nur die weißen T-Shirts und Schnürsenkel der Pärchen in den Ecken leuchten. Wieder verhängen Tücher die nächste Tür. Es ist heiß und stickig. Schwitzend tanzt die Masse im Blitzlicht. Jeder tanzt für sich, lässt sich treiben von seinem Rausch, mit geschlossenen Augen, weil der schnelle Wechsel von Hell und Dunkel so anstrengend ist. Die Wände sind feucht, die Wärme kondensiert.
Ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei
„Es ist die totale Abgrenzung vom Mainstream. Ein großes Glücksspiel und Abenteuer. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei“, sagt Vir Feierleutz (Name geändert), Veranstalter sowohl legaler als auch illegaler Partys in Berlin. Leicht verlegen streicht sich der Student der Universität der Künste durch seine Haare. „Ist die Polizei einmal da, ist die Sache gelaufen.“ Von Hausfriedensbruch über illegalen Alkoholausschank, keine Sicherheitsmaßnahmen bis hin zur fehlenden Steuererklärung – die Liste der Ordnungswidrigkeiten und Straftaten kann lang ausfallen. Eine riesige Schuldenfalle droht. Wenn einem Gast etwas zustößt, sogar Gefängnis.
Trotzdem lohnt es sich, meint Feierleutz. Es seien die soziale Anerkennung, das Feedback, die neuen Menschen, aber vor allem der Kick, die antreiben. „Das Ziel ist es, am innovativsten, kreativsten zu sein. Es geht darum, die spektakulärste Deko zu haben, das beste Konzept.“ Veranstalter in ganz Berlin machten einen regelrechten Wettbewerb um die besten visuellen Ideen und den besten Sound. Für Vir sind die Gäste die beste Deko, das Beste der Party. „Der Gast soll etwas von der Party mitnehmen und sich inspirieren lassen.“ Am Ende entscheide das Publikum. Umso offener, ausgefallener und kreativer das Publikum sei, desto besser werde auch der Abend. „Die prollige, snobige, schnöselige 08/15-Variante ist meist auch die, die nichts von der Party mit-, sondern nur wegnimmt.“
Wegbeschreibungen in Rätselform
Deswegen ist auch die Türpolitik so entscheidend für das Party-Kollektiv, das am Ende übrig bleibt. Neben jedem Türsteher, der sich um Taschen und Ausweise kümmert, gibt es auch den Selektor. „Er ist das Gesicht der Party.“ Je nachdem, ob er den Mann im Anzug, den Typen von der wilden Renate, Transen, Prolls oder doch den Durchschittsmenschen einlässt, entwickele sich die Party anders. Nur Eingeweihte kommen zu Veranstaltungen dieser Art. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Internet werden die meisten Gäste gewonnen. Wegbeschreibungen werden gerne auch mal in Rätselform mittels SMS verschickt. Vom meist bekannteren Zielort holt jemand die Gäste ab und bringt sie zu dem entlegenen Platz, an dem die Party stattfindet. Los geht es schon bei einem Euro und pendelt sich dann meist um die fünf Euro ein. In Paris und London koste ein Clubbesuch zwischen 20 und 30 Euro. Darin sehen Veranstalter Feierleutz und Clubbesitzer wie Steffen Hack vom Berliner Watergate mit Unwillen die Zukunft Berlins. Alles werde teurer.
Deswegen gibt es seit einigen Jahren die Mode der kostenlosen Spontanpartys. Irgendwo mitten in der Stadt trifft sich zu verabredetem Zeitpunkt eine Gruppe junger Menschen, baut in Windeseile Turntables und Laptops auf und tanzt so lange, bis die Polizei kommt. So waren die Warschauer Brücke, die Hasenheide, der Treptower Park und der Mauerpark, aber auch das Einkaufscenter Alexa Schauplätze von Partys, die nicht nur nachts steigen. Hier gibt es kein Warmwerden und gelangweiltes Rumstehen, um erst einmal die Lage zu inspizieren, denn niemand kann wissen, wie lange die Aktion noch dauern wird. So wird mit Vollgas getanzt, an Orten, wo fünf Minuten vorher noch der normale Alltag spielte. Die neue Generation der illegalen Veranstalter versteckt sich nicht mehr in alten verlassenen Gebäuden und Geländen am Rande der Stadt, sondern geht an Plätze, an denen sie gesehen wird, und holt sich so ihren Teil der Straße und der Stadt zurück.